Fisches Stadtgesang

Gedankencrushs

Auf einer zu kleinen Parkbank weinte ein Mann. Seine Haare hingen vor dem Gesicht und die Brille war übergelaufen.
Aus der Brille tropften die Tränen auf den Boden zu seinen Füßen und weichten die Erde auf bis sie sich wellte. Sie warf Wellen, bog sich, sammelte das Wasser zu einem See.
Die Parkbank löste sich aus dem Nass und trieb auf der Oberfläche.

Immer noch weinte der Mann, ohne zu merken, was er anrichtete. Oder er merkte es, konnte aber nicht aufhören.
Er weinte also weiter und die Straßen der grauen Stadt liefen zu, die Wohnungen ertranken und die Häuser würgten das Wasser hinunter.

Als der Mann an den Hochhäusern vorbei trieb, stoppte er plötzlich. Er nahm seine Brille ab, putze sie und besah sich die Dächer und Fernsehantennen. Wie Schilf ragten die Gebäude aus dem Blau. Unnatürlich, aber er lächelte. Das neue Gesicht der Stadt, die er viel zu gut kannte, gefiel ihm. So viel stiller.
Er war allein, niemand sonst trieb  zwischen den Schilfhäusern. Das sah er und rutschte von der Bank. Es blubberte kurz. Dann war die Stadt komplett ruhig.

Unten, am Meeresboden der Stadt, schwamm ein grüner Fisch, beglotze die Menschen, die so taten, als sei das Wasser Luft und öffnete stumm das Maul.
Es blieb still.
Nur oben platzen zwei Luftblasen neben der Parkbank.

Gewonnen

Gedankencrushs, Meldung

Gerade eben habe ich die beste Mail meines Lebens erhalten.

Ich bin Preisträgerin des einzigen Schreibwettbewerbs, an dem ich bis jetzt teilgenommen habe.

nun ist es endlich so weit! Die Schreibfeder.de-Jury ist sich einig geworden und darf Sie beglückwünschen: Sie gehören mit Ihrem Text ‚Schwarzweißrot‘ zu unseren 10 Preisträger/inne/n des diesjährigen Schreibwettbewerbs! Wie im vergangenen Jahr wollen wir jetzt noch nicht verraten, um welchen Platz es sich dabei handelt.

Gut gut, eine der 10.. aber trotzdem; Wahhhhhh!
Ich bin so GLÜCKLICH!

Hier gehts zu dem Gewinnertext

Isardialoge

Gedankencrushs

Diesmal kein brandneuer Text. Es ist ja nicht so, dass ich keine Ideen habe – ich sitze zu zeit an 3 kleinen Gedankencrushs und einem großen Projekt – aber bei den Crushs bin ich noch nicht komplett zufrieden und mein Roadtrip will irgendwie nicht weitergeschrieben werden.

Aber jetzt – viel Spaß beim Lesen…

Auf der Suche nach den Bierkästen;

Ich stolpere fast in die zwei, sie wendet sich gerade ab „Danke, nett von dir“ und geht . Er steht leicht verloren da.
„Hey, alles klar bei euch?“ Er blickt mich an „Hast du ne Ahnung wos Bier…“
„Mein Bruder ist voll der Frauenheld und so, weißt du.“ …wos Bier ist? Wollt ich sagen…
„Also so richtig, ohne Scheiß. Und er meint so, immer ruhig bleiben Michi – darauf stehen die Mädels. Also hab ich ihr gesagt; Weißt du, ich kenn dich noch nicht lang, aber ich hab voll gemerkt, dass du nen richtig netten Charakter hast und freundlich bist und so. Das find ich voll sexy“
„Oh ha… Da hat sie sich bestimmt gefreut. Die ist übrigens da rüber!“ Ich zeige ins hinter mich.
„Hey, aber du bist auch voll toll. Du hast so richtig Humor, weißt du. Das merk ich sogar im Dunkeln, dass du richtig hübsch bist und so“
„Mhmm, du bist aber auch n ganz Netter“
Gegröle hinter mir: „Hey Michi – willste noch n Schluck?“
Er ist weg. Der Idiot stand genau vor dem Bierkasten – wer wollte noch mal alles ne Flasche?

Später, neben mir; Er zu dem Mädchen.

„Ja, du bist aber auch voll schön. Richtig tolle Augen hast du“ Wieder dieser Michi, oder wie hieß er nochmal?
„Mhmmm“
„Und geile Haare, voll wellig“ Er fasst ihr ins Gesicht
„Darf doch, oder? Hast was im Haar“
„Ähh, klar“

Ich flüster ihr über die Schulter einer Freundin zu;
„Soll ich dir helfen?“
„Ne, geht schon. Gefällt mir irgendwie“
„Was? Echt? Zu viel getrunken was?“
„Neeee, ich nicht. Er vielleicht“
„Vielleicht? Hast du deine Brille verkehrt auf?“
„Lästert ihr etwa?“, brüllt er – die halbe Gruppe neben mir dreht sich um. Ich lächele entschuldigend einem Mädchen mit Katzenaugen zu.
„Kenn ich nicht“, flüster ich. Allgemeines Grinsen.
„Nein nein“ wehrt sein Opfer ab. „Was war nochmal mit deinem Bruder?“
„Mein Bruder? Also, der hat mir immer gesagt; Weißt du Michi…“

„Hat der das nicht vorhin schon mal erzählt?“, fragt ein Junge neben dem Katzenmädchen. Und streicht sich durchs kurze Pony – hatte wohl mal lange Haare.
Ich: „Doch, und davor bestimmt auch schon ein paar mal – wart ihr noch nicht dran?“ Gelächter.
Das Mädchen neben ihm: „Boah, ich hätt so Bock ins Wasser zu springen!“
„Vergiss es – die Isar ist noch arschkalt!“
„Ich wurde letztes Mal reingeworfen, richtig scheiße“, sagt eine Freundin von mir, „danach isses wie als wärst du n Eismann“
„Echt jetzt?“ Das Katzenmädchen reißt geschockt die Augen auf „Was für n Idiot macht so was?“
„Keine Ahnung, wie der hieß, war halt voll dicht… hab ihn heut mal gesehen. Wart…“
Sei blickt sich um „Kann sein, dass es der da neben dem Mädchen war“ Sie zeigt auf einen großen, breitschultrigen Typen.
Michi…

Leere

Gedankencrushs

Der Kopf ist leer, das Zimmer kalt und das Licht trübe.

Sieht aus, als würde sie denken. Aber sie sitzt nur.
Im Schneidersitz in dem braunen Ledersessel, die grünen Augen scheinen eine kleine Fliege zu fixieren. Die nicht existiert. Sie atmet langsam und gleichmäßig. Bewegt sich kaum.

Ihr Haar ist lang und fast so braun wie der Sessel, ihre Klamotten weiß. Vielleicht Leinen, oder einfach Synthetik. Sie selbst wirkt braungebrannt.

Es fehlt der Zigarettenrauch, der dem Zimmer eine Bedeutung geben könnte. Einen Sinn. Oder eine Geschichte. Aber außer dem trüben Licht bewegt sich kaum etwas. Nur ein leicht verdreckter weißer Vorhang tanzt vor dem großen Fenster, das nicht geöffnet ist.

Draußen kahle Bäume zwischen kleinen Häusern in grauer Luft.
Wintermenschen schweben über Straßen und Wege, rauchen, hören Musik. Und sie sieht von alldem nichts. Bemerkt nichts.
Mit ihren zu einem kleinen Oh geöffneten Lippen blickt sie erstaunt ins Nichts.
Bewegt sich nicht. Denkt nicht. Aber ist da.

Hier nur eine kurze Definition zu meiner Lieblingstextart;

Gedankencrush – bezeichnet einen Text, der einen kurzen Moment, eine kleine Situation beschreibt. Eigentlich sollte die „Echtzeit“ des Geschehens ein paar Sekunden bis maximal eine Minute sein.

Ich weiß, ich weiß; Meine Werke dürften in der Realität wohl etwas länger dauern (*chrm* U-BahnBeats *chrm*), aber zum Einen gefällt mir die Bezeichnung sehr. Zum Anderen sind meine Texte aber auch keine richtigen Shortstories, da diese eine Geschichte erzählen und meine Gedankencrushs nur kleine Situationen. Was für ein Dilemma.
Ich glaube ich werde bei Gedankencrush bleiben. Trotzalledem.

Meldung

U-BahnBeats

Gedankencrushs, Meldung

Das soll eine Art Versuch werden;
Es gibt Lieder, die an einen bestimmten Ort oder in eine bestimmte Situation gehören. Und U-Bahnfahren braucht Musik, ansonsten ersäuft man in all den Blicken, die durch den Zug geworfen werden. Geht mir zumindest so. Deshalb;

Hier der Link zu einem U-Bahnlied. Und um ein fast dreidimensionales Textwerk zu gestalten, einfach das Lied während dem Lesen laufen lassen. U-BahnBeats . Viel Spaß.

Schneller rennen. Bremsen. In der Tasche wühlen. Automat verschluckt sich fast beim Stempeln. Verzweifelter Kampf mit der Fahrkarte. Wieder beschleunigen. Rolltreppe spinnt. Fluchen. Die Treppe runter, Zickzack durch die Passanten und Sprung ins Innere.
Atmen. Einatmen. Haare wieder glätten. Jacke öffnen, den Schal ausziehen und aufblicken.
Ein Opa mustert dich von oben. Blick weg. Eine junge Mutter mit blauäugigem Baby. Der Kleine lacht dich an. Lächeln. Da ist ein Sitz frei.

Du schiebst dich an dem Opa vorbei, weg von dem Baby, hin zu deiner Bank.
Das Leder knarzt, deine Tasche ist zu groß, der Anzugmensch grunzt verärgert. Was der sich wieder aufregt. Hat doch genug Platz. Mit seinem Laptop.

Du drehst dir die Kopfhörer in die Ohren – willst nicht das Gespräch der grell geschminkten Frau mithören. Die Beats werden fast von der Bahn übertönt, klingen fremd.
Im Fenster spiegelt sich die verschminkte Frau und der blasse Anzugmensch. Und dahinter der schwarze Tunnel. Kleine Kabel laufen nebenher. Nicht ganz gerade.
Du stellst dir vor, du wärst in dem Kabel. So ganz klein. Umgeben von schwarzem Gummi rast du durch das Dunkel. Neben dir hörst du die Bahn, versuchst, schneller zu sein.

Die Türen rattern auf.
Die Telefonfrau flieht in das bläuliche Licht. Graue Menschen schieben sich durch die Station, über die Treppe, werden weißblau angeleuchtet. Die Beats passen zu dem Licht, den silbernen Treppen, den wintergrauen Passanten, dem Rhythmus dieser U-Bahn. Und du grinst und lehnst dich zurück. Hast ja Zeit.
Stehst nachher selbst auf einer der Rolltreppen, weißes Licht an deinen Füßen und Jeder auf seiner eigenen Stufe. Nickst zum Beat, lächelst, während sie an dir vorbei hasten. Die Wintermenschen auf dem Weg zur Arbeit, nach Hause, zur Party, zu Freunden, zur Oma. Und du, einfach auf dem Weg.

Frühstücksalkoholgedicht

Gedicht, Meldung

Hier ein Gedicht, das mich heute morgen zum Lachen gebracht hat. Diesmal ausnahmsweise nicht selbst verfasst…

 

MIT ALKOHOL ALLEINE
Ist es noch nicht getan:
Mich blicken starr die Steine
Und ich die Steine an.

Hab ich gelernt zu leben?
Ich glaub, ich lern es nie.
Die Zeit, die mir gegeben,
Steht still. Ich hasse sie.

Heinz Czechowski

 

Ich gebe zu; Eigentlich ist das Gedicht zynisch und hat daher einen traurigen Sinn. Die erste Strophe und der letzte Satz geben dem Ganzen aber einen derart komischen Beigeschmack, dass es ein wunderbares Gedicht für den Tagesanfang beim Frühstück mit heißem Tee ist.
Ich liebe Gedichtkalender.

Schwarzweißrot

Kurzgeschichte

Vor einer kleinen Currywurstbude;
Ein Fuchs streift unruhig auf der grauen Straße umher. Niemand, der zu ihm hinab sieht. Die Straße ist wie ausgestorben.
Er hat Hunger. Mal wieder.
Und die Mülltonnen wurden heute ausnahmsweise geleert.
Ein kleiner Mann in schwarzem Anzug hastet vorbei und verliert zwei Pommes. Der Fuchs schnappt zu – eine für jetzt, eine als Notration. Für später.

„Scheiß Katze!“, schimpft das Mädchen im Minirock und wirft einen Kieselstein.
Es ist kalt, die Stufen auf denen sie sitzt sind aus Stein und sie trägt nur ein dünnes Jäckchen. Sie zittert.
Ihre Brille liegt zu Hause. Sie ist eitel, will nicht so aussehen wie ein Computerfreak. Hätte sie ihre Brille auf, könnte sie sehen, dass der Fuchs plötzlich verschwunden ist. So bemerkt sie nur, dass der rote Fleck weg ist.
Einfach weg. Nicht einmal die Pommes liegt noch auf dem Boden.
Aber das sieht sie nicht.

Es klingelt. Der alte Besitzer blickt nicht auf, wendet die Würstchen.
Der Junge sieht sich um. Die Bude ist klein, recht gemütlich, trotz des grellen Lichts. Holzstühle und winzige Tische, vergessene Zeitungsartikel an den Wänden.
Er ist der einzige Kunde. Und auf dem Grill liegen zehn Würstchen.
Sein Magen knurrt, der Besitzer schaut auf und blickt in die Augen des rothaarigen Jungen.
Er ist erstaunt, wie die rote Mähne leuchtet. Die Haare stehen in allen Winkeln vom Kopf ab. Beinahe unnatürlich.
Und der Blick. Unruhig huscht er hin und her, bleibt nur an den Würstchen hängen. Kurz, dann wieder zur Tür.
„Na, was willst du?“, fragt der Würstchenverkäufer. Seine Stimme passt zu dem Raum, ist warm und gemütlich, doch der Junge zeigt nur stumm vier Finger.
„Ah, bist wohl einer von der stillen Sorte, was?“, brummt der Alte in seinen kurzen weißen Bart.
Der Junge bleibt stumm. Verlagert das Gewicht auf das rechte Bein, spielt nervös mit dem Saum seines T-Shirts.
Der weißhaarige Mann wendet nochmal alle Würstchen, sucht die Besten heraus und lädt sie in eine Pappschachtel.
Ungelenk greift der Junge nach dem Essen. Eine Wurst fällt zurück auf den Grill.
„Na komm, die tun wir wieder drauf.“ Er holt die Wurstzange wieder hervor. „Musst ja noch stark werden, Junge. Weißt du, in deinem Alter hab ich auch vier am Tag verdrückt. Und…“
Es klingelt. Die Tür fällt zu.
Der Alte blickt auf, beugt sich sogar über den Tresen.
Langsam, ungläubig öffnet er die Tür und tritt vor die Bude.
Der Junge ist weg.

Das Mädchen auf den Steinstufen beobachtet den weißhaarigen Mann. Er steht vor der Bude, blickt sich verwirrt um.
Sie weiß nicht, nach was er sucht. Vielleicht wartet er auf jemanden.
Sie hört ein Auto über das Kopfsteinpflaster holpern. Ein paar Besoffene stolpern durch die Nebenstraße.
Vor den Füßen des Mädchens sitzt die rote Katze von vorhin. Schlingt hastig ihre Beute herunter und leckt sich das Maul.
Das Mädchen kneift die Augen zusammen – ganz schön großes Maul für eine Katze. Und so spitze Zähne.
Aber dann huscht das Tier schon weiter.
Auf den kalten Steinplatten vor ihr sind schwarze Flecken – es riecht nach Bratwurst.

Der Fuchs ist satt. Satt und müde und draußen ist es zu kalt.
Er linst vorsichtig um die Ecke.
Die U-Bahn-Station ist fast leer. Die Wände sind weiß, aber alt und verdreckt und der Boden mittlerweile dunkelgrau.
Knapp ein Dutzend Leute steht verstreut auf dem Bahnsteig. Eine Mutter mit schlafendem Kind auf dem Arm. Eine alte Frau, die strickt. Ein braungebrannter Mann mit Hund.
Es ist schon spät. Aus dem schwarzen Tunnel hört man kein Geräusch.
Er weiß, dass man ihn hier nicht verjagen wird. Aber da ist der Hund. Er hasst Hunde – sie entdecken ihn immer.
Es ist einer dieser winzigen Hunde. Weiß, gepflegt und noch schlafend.

Der Terrier liegt auf dem schmutzigen Boden, döst vor sich hin. Er hat sich an den Geruch der Station gewöhnt.
Staub, verschüttete Cola, Schweiß und alte Kotze. Alltägliche Gerüche in dieser Stadt.
Träge streckt er seine Pfoten von sich. Sein Herrchen telefoniert. Wie immer.
Ein ungewohnter, leicht wilder Duft zieht ihm in die Nase. Er schnuppert. Den Geruch kennt er.
Von außerhalb der Stadt. Von den Wäldern, von diesen katzenähnlichen roten Tieren mit den spitzen Schnauzen.
Er springt vor. Zerrt wie wild an der Leine und bellt. Er muss sein Herrchen warnen.
Doch der zieht ihn nur unsanft zurück und telefoniert weiter.
Der Hund bellt noch lauter.
„Nana, jetzt hörst aber auf. Lass doch den armen Jungen schlafen!“, redet die strickende Frau auf ihn ein. Ihre weißen Locken wippen bei jedem Wort.
Sein Herrchen zieht ihn zurück und entschuldigt sich bei der Frau.
„Verzeihung. Ich weiß auch nicht, was mit ihm los ist.“ Er tätschelt den Terrier kurz. „Sonst ist er immer ganz ruhig. Vielleicht hat der Junge irgendwo eine Wurst versteckt.“
Er lächelt entschuldigend und die Frau lächelt zurück.
Der rothaarige Junge neben ihr rollt sich noch enger zusammen und schläft ein.
Mitten in der U-Bahnstation. Auf weißen Plastikstühlen.
Ein roter Fleck in all dem Schwarzweiß.

 

 

Das war jetzt ein nicht komplett neuer Text, sondern meine Bewerbung für den „Der Fuchs in uns“-Schreibwettbewerb bei schreibfeder.de . Einen wunderschönen Wochenendanfang!

No Exit

Bücher

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Und wieder eine Buchrezension; Und auch wieder über ein Problemkind. Diesmal Alkohol- und Drogenkonsum. No Exit von Daniel Grey MarshallNur so vorne weg: Es ist eines der besten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Meine ich bis jetzt zumindest noch. Manchmal ändert sich das recht schnell.

Aber jetzt zur Handlung;

Jim ist 15 als sich seine Schwester Mandy vor den Zug wirft und stirbt. Zuhause erwarten ihn sein prügelnder Vater, seine Mutter und sein kleiner Bruder Billy und so rettet Jim sich in die Arme seiner Freunde Philly und Jeremy (Mandys Exfreund). Die drei ziehen betrunken um die Häuser, rutschen in immer mehr Schwierigkeiten und trinken von Tag zu Tag mehr. Wichtig ist auch Leslie, Jims große Liebe, die ihn jedoch relativ am Anfang zurückweist, als sie merkt, dass er kaum noch nüchtern ist. Die Rückkehr zu ihr ganz am Ende symbolisiert auch die Rückkehr in den Alltag, in das „normale“ Leben.

Mit der Flucht von zu Hause und nach dem Überfall auf einen mächtigen Drogendealer verstecken sich die drei in einem alten Kino. Zusammen planen sie eine Resise ans Meer, vor der Jim aber noch ein letztes Mal seinen kleinen Bruder sehen will. Dort, im Haus seiner Kindheit, entdeckt er das Tagebuch seiner verstorbenen Schwester, in dem er liest, dass sie kontinuierlich von dem Vater missbraucht und vergewaltigt worden ist. Außer sich vor Wut geht er auf den gerade heimkehrenden Vater los, die Mutter ruft die Polizei und Jim rettet sich zurück ins Kino. Von dort wird der letzte Coup vor der großen Reise geplant. Geld beschaffen. Das geht jedoch gründlich schief;

Philly erschießt einen Bekannten, wird daraufhin selbst von der Polizei erschossen, Jeremy flieht und Jim landet auf der Polizeistation. Von dort entkommt er mit Hilfe einer Polizistin, die ihn bereits kennt und er trampt ans Meer. Dort findet er wieder zu sich selbst, hungert 3 Tage und kehrt anschließend zu Leslie zurück. Diese Szene zusammen mit seinem kleinen Bruder Billy bildet den Anfang des Buches.

Der Autor hat selber eine Alkohol- und Drogenvergangenheit und hat mit dem Roman im Alter von 15 Jahren begonnen. Jim, der Protagonist ist auch 15. Inwieweit der Roman autobiographisch ist, will ich nicht spekulieren oder wissen. Aber das würde erklären, warum die Handlung, die Sprache, die Charaktere so unglaublich realistisch wirken. Denn das macht das Buch so unglaublich gut. Man GLAUBT einfach alles.
Der Aufbau ist abgesehen von dem vorweggenommenen Schluss nicht sonderlich spektakulär, die Sprache einfach, aber glaubwürdig und präzise.

Mehr kann man eigentlich nicht sagen; Einfach LESEN!

Der Schnittlauchjunge

Gedankencrushs

Ich stehe in einer kleinen Wohnung, Licht durchflutet den Parkettflur und ein Junge tritt aus einem Zimmer.

Er ist groß, etwas zu groß für diese Wohnung und lächelt mich leicht an. Irgendwas verwirrt mich an ihm. Vielleicht das Lächeln. Kennen wir uns? Oder ist es der Pullover? Den kenne ich. Diesen dunkelgrünen Kaschmirpullover. Den, den ich mir immer von meiner Freundin ausgeliehen habe. Meine geliehener Lieblingspullover.

Der Junge lächelt noch immer. Und ich erkenne ihn plötzlich. Ach. er. Der, der mir sagte, er wolle mich umarmen. Obwohl er nicht da ist.

Langsam gehe ich auf ihn zu. Zögernd. Er lächelt noch immer, öffnet die Arme und hält mich. Es fühlt sich weich an, kaschmirweich und dunkelgrünwarm. Er gibt mir einen Kuss auf den Kopf. Wie ein Abschiedskuss. Und ich frage mich, wieso Abschied? Wohin gehe ich denn? Und wieso sage ich nichts?

Ich will ihn fester halten, den Kaschmirjungen, aber er ist plötzlich so groß. Meine Arme sind plötzlich an seiner Taille. Ich blicke auf, verwirrt. Aber er lächelt nur. Vielleicht immer noch und streichelt mir über den Kopf. Mit einer riesigen langen Hand.
Und dann wächst er weiter, wird immer größer, entfernt sich immer weiter.

Und als Wind weht, merke ich, dass ich in einem Feld stehe. Die Erde ist trocken, rissig. Die Umgebung golden. Es ist ein Weizenfeld. Und ich umarme einen Schnittlauch, so gigantisch, dass meine Arme nicht um ihn herumreichen. Ich halte trotzdem fest, so fest wie es geht.

Aber der Schnittlauch merkt davon nichts mehr, wiegt sich im Wind. Zusammen mit dem Weizen, in einem Rhythmus , den ich nicht höre, nicht kenne, nicht hören will.

Und ich schlafe einfach ein.