Schwarzweißrot

Kurzgeschichte

Vor einer kleinen Currywurstbude;
Ein Fuchs streift unruhig auf der grauen Straße umher. Niemand, der zu ihm hinab sieht. Die Straße ist wie ausgestorben.
Er hat Hunger. Mal wieder.
Und die Mülltonnen wurden heute ausnahmsweise geleert.
Ein kleiner Mann in schwarzem Anzug hastet vorbei und verliert zwei Pommes. Der Fuchs schnappt zu – eine für jetzt, eine als Notration. Für später.

„Scheiß Katze!“, schimpft das Mädchen im Minirock und wirft einen Kieselstein.
Es ist kalt, die Stufen auf denen sie sitzt sind aus Stein und sie trägt nur ein dünnes Jäckchen. Sie zittert.
Ihre Brille liegt zu Hause. Sie ist eitel, will nicht so aussehen wie ein Computerfreak. Hätte sie ihre Brille auf, könnte sie sehen, dass der Fuchs plötzlich verschwunden ist. So bemerkt sie nur, dass der rote Fleck weg ist.
Einfach weg. Nicht einmal die Pommes liegt noch auf dem Boden.
Aber das sieht sie nicht.

Es klingelt. Der alte Besitzer blickt nicht auf, wendet die Würstchen.
Der Junge sieht sich um. Die Bude ist klein, recht gemütlich, trotz des grellen Lichts. Holzstühle und winzige Tische, vergessene Zeitungsartikel an den Wänden.
Er ist der einzige Kunde. Und auf dem Grill liegen zehn Würstchen.
Sein Magen knurrt, der Besitzer schaut auf und blickt in die Augen des rothaarigen Jungen.
Er ist erstaunt, wie die rote Mähne leuchtet. Die Haare stehen in allen Winkeln vom Kopf ab. Beinahe unnatürlich.
Und der Blick. Unruhig huscht er hin und her, bleibt nur an den Würstchen hängen. Kurz, dann wieder zur Tür.
„Na, was willst du?“, fragt der Würstchenverkäufer. Seine Stimme passt zu dem Raum, ist warm und gemütlich, doch der Junge zeigt nur stumm vier Finger.
„Ah, bist wohl einer von der stillen Sorte, was?“, brummt der Alte in seinen kurzen weißen Bart.
Der Junge bleibt stumm. Verlagert das Gewicht auf das rechte Bein, spielt nervös mit dem Saum seines T-Shirts.
Der weißhaarige Mann wendet nochmal alle Würstchen, sucht die Besten heraus und lädt sie in eine Pappschachtel.
Ungelenk greift der Junge nach dem Essen. Eine Wurst fällt zurück auf den Grill.
„Na komm, die tun wir wieder drauf.“ Er holt die Wurstzange wieder hervor. „Musst ja noch stark werden, Junge. Weißt du, in deinem Alter hab ich auch vier am Tag verdrückt. Und…“
Es klingelt. Die Tür fällt zu.
Der Alte blickt auf, beugt sich sogar über den Tresen.
Langsam, ungläubig öffnet er die Tür und tritt vor die Bude.
Der Junge ist weg.

Das Mädchen auf den Steinstufen beobachtet den weißhaarigen Mann. Er steht vor der Bude, blickt sich verwirrt um.
Sie weiß nicht, nach was er sucht. Vielleicht wartet er auf jemanden.
Sie hört ein Auto über das Kopfsteinpflaster holpern. Ein paar Besoffene stolpern durch die Nebenstraße.
Vor den Füßen des Mädchens sitzt die rote Katze von vorhin. Schlingt hastig ihre Beute herunter und leckt sich das Maul.
Das Mädchen kneift die Augen zusammen – ganz schön großes Maul für eine Katze. Und so spitze Zähne.
Aber dann huscht das Tier schon weiter.
Auf den kalten Steinplatten vor ihr sind schwarze Flecken – es riecht nach Bratwurst.

Der Fuchs ist satt. Satt und müde und draußen ist es zu kalt.
Er linst vorsichtig um die Ecke.
Die U-Bahn-Station ist fast leer. Die Wände sind weiß, aber alt und verdreckt und der Boden mittlerweile dunkelgrau.
Knapp ein Dutzend Leute steht verstreut auf dem Bahnsteig. Eine Mutter mit schlafendem Kind auf dem Arm. Eine alte Frau, die strickt. Ein braungebrannter Mann mit Hund.
Es ist schon spät. Aus dem schwarzen Tunnel hört man kein Geräusch.
Er weiß, dass man ihn hier nicht verjagen wird. Aber da ist der Hund. Er hasst Hunde – sie entdecken ihn immer.
Es ist einer dieser winzigen Hunde. Weiß, gepflegt und noch schlafend.

Der Terrier liegt auf dem schmutzigen Boden, döst vor sich hin. Er hat sich an den Geruch der Station gewöhnt.
Staub, verschüttete Cola, Schweiß und alte Kotze. Alltägliche Gerüche in dieser Stadt.
Träge streckt er seine Pfoten von sich. Sein Herrchen telefoniert. Wie immer.
Ein ungewohnter, leicht wilder Duft zieht ihm in die Nase. Er schnuppert. Den Geruch kennt er.
Von außerhalb der Stadt. Von den Wäldern, von diesen katzenähnlichen roten Tieren mit den spitzen Schnauzen.
Er springt vor. Zerrt wie wild an der Leine und bellt. Er muss sein Herrchen warnen.
Doch der zieht ihn nur unsanft zurück und telefoniert weiter.
Der Hund bellt noch lauter.
„Nana, jetzt hörst aber auf. Lass doch den armen Jungen schlafen!“, redet die strickende Frau auf ihn ein. Ihre weißen Locken wippen bei jedem Wort.
Sein Herrchen zieht ihn zurück und entschuldigt sich bei der Frau.
„Verzeihung. Ich weiß auch nicht, was mit ihm los ist.“ Er tätschelt den Terrier kurz. „Sonst ist er immer ganz ruhig. Vielleicht hat der Junge irgendwo eine Wurst versteckt.“
Er lächelt entschuldigend und die Frau lächelt zurück.
Der rothaarige Junge neben ihr rollt sich noch enger zusammen und schläft ein.
Mitten in der U-Bahnstation. Auf weißen Plastikstühlen.
Ein roter Fleck in all dem Schwarzweiß.

 

 

Das war jetzt ein nicht komplett neuer Text, sondern meine Bewerbung für den „Der Fuchs in uns“-Schreibwettbewerb bei schreibfeder.de . Einen wunderschönen Wochenendanfang!

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