8.Türchen: Napuka Teil 1

Adventskalender 2012, Meldung

Diesmal ein kurzes Vorwort.Napuka ist während der Schreibwerkstatt im Literaturhaus Müncehn enstanden und auch der Text, den ich bei der Lesung am Ende vorgetragen habe. Die letzten Tage habeich nun  erfahren, dass die Junge Texte Anthologie nun zum Kauf freisteht, Napuka befindet sich auch darin. Zudem ist die Anthologie des „Der Fuchs in uns“ von schreibfeder.de erschienen – welechen Platz ich belegt habe, weiß ich merkwürdigerweise immer noch nicht, aber meine Geschichte passt trotzdem ganz gut rein, d.h. theoretisch kann man bereits zwei meiner Kurzgeschichten käuflich erwerben…

Und bei all diesen wunderbaren Nachrichten ist mir aufgefallen, dass Napuka ja noch gar nicht geposted ist, nur ein zwei mal erwähnt wird. Wie schrecklich. Deshalb hier und jetzt der erste Teil der Story;

 

Die Dämmerung kriecht über den Strand. Langsam, als wäre selbst ihr die Hitze zu groß.
Eine einsame Möwe kämpft mit ihrem Abendessen.
Das Wasser rollt gemächlich über den Sand, hin zu der Möwe, die plötzlich in einem hellen Lichtstrahl steht. Sie scheint das nicht zu stören, endlich knackt sie den Panzer der grauen Krabbe.
Hinten, hinter ihr und hinter dem vielen Sand ruht der Leuchtturm. Alt und wie versunken markiert er den Beginn des Waldes. Gerade erst erwacht, dreht er sein träges Auge und erleuchtet die Insel.
Und oben, am Auge des roten Turms, sitze ich und beobachte, um nicht zu denken.
Ich beobachte das Wasser, die Möwe, die einsame Insel mitten im Nirgendwo,   blicke durch das einzige Fenster des roten Riesen, um nicht an die nächsten Stunden zu denken.
„Kommst du kurz mal?“ Cori flüstert, um niemanden zu stören. Dabei würde wohl jeder hier oben gerne abgelenkt werden.
Sie deutet mit ihren beringten Fingern auf den Rundgang und geht.
Draußen  weht ein leichter Wind und ihre orangene Pluderhose verformt sich zu fremdartigen Mustern.
Ich blicke auf, sehe ihre zerzausten Dreads, und sie grinst.
„Guck!“, ruft sie. Ich stelle mich neben sie an die alte Reling, und sie deutet auf das langsam grau werdende Wasser.
Ich kneife die Augen zusammen. „Was?“
„Na, was wohl?“ Sie lacht. „Die Hügel im Meer dort drüben!“
Draußen wellt sich tatsächlich das Meer. Womöglich eine Gruppe der riesigen Tiere, die wir seit Tagen suchen.
Eine grauschwarze Flosse hebt sich aus dem Ozean. Perfektes Motiv für eines dieser kitschigen Kalenderfotos.
„Endlich!“ Sie hüpft auf dem Metallboden auf und ab. „Ist das nicht wuuunderbar?“
„Mhmm, ganz wunderbar“, sage ich und meine nicht die Wale.
Sie lehnt sich mit dem Rücken an die Reling und blickt mich an.
„Hör mal ….“ Sie spielt mit ihren Dreads. „Ich dachte immer, einsame Insel, blaues Meer und weißer Sand – das reicht schon fürs Paradies. Und jetzt …“
„Jetzt stehen wir hier und denken: eine kleine Wohnung, draußen Regen und drinnen gemütlich mit nem Buch und Kaffee – das wäre das Paradies.“
Wir lächeln uns an, ich gucke wieder ins Grau und schweige. Eine Möwe fliegt an uns vorbei.
„Ich hol mal die anderen.“ Weg ist sie.
Ich warte und freue mich.
Freue mich, dass wir wieder reden. Die letzten Tage waren eintönig. Ich habe in meiner Schlafecke gelesen, sie hat ihre neue Hängematte gestrickt. Die anderen waren weg; die Insel erkunden, besser gesagt: die einzige Bar auseinandernehmen.
Wir redeten nicht, weil es nichts gab. Keine Wale und keine Veränderungen.
„Wo? Hast du das Fernglas?“ Patrick. Seine Stimme hört man immer als erste. Seine Stimme, die er so hasst – nicht nur Cori hat ihm den Spitznamen Eunuch verpasst.
Er schiebt sich neben mich und stößt einen Jubelschrei aus.
„Endlich – wie viele?“
„Sieben, und ein Kleines, scheinen Buckelwale zu sein, besonders große.“ Lukas setzt das Glas ab und grinst sein schiefes Grinsen, während er in das Verzeichnis schreibt, das bis jetzt noch größtenteils aus schmuddeligem Weiß besteht. Er ist der Größte in unserer Truppe – Patrick und mich überragt er um mindestens 30 cm – und verhält sich dementsprechend. Eingebildet.
„Du bist eine Heilige, Cori!“ Patrick geht vor Cori in die Knie, und sie wuschelt ihm lachend durch die braunen Strubbellhaare.
„Wir haben heute bloß mal Glück, das ist alles“
Lukas fährt sich mal wieder durch die Haare und lehnt sich lässig an den abblätternden roten Anstrich. „Darauf sollten wir anstoßen, oder Patrick?“
„Schon wieder?“, sage ich. Ist ja nicht so, dass sie das nicht jeden Abend machen. Und anschließend die halbe Insel durch ihr Gegröle aufwecken.
Er runzelt seine dauergerunzelte Stirn noch mehr und seufzt theatralisch.
Patrick stellt sich vor mich, um mir in die Augen zu blicken. Wie klein er ist.
„Ach komm schon – sei nicht so ne Spaßpolizei und feier mal mit, Fridi. Was soll man denn sonst hier machen? Muscheln sammeln? Sandkörner zählen? Das hält doch kein Schwein aus. Was glaubst du denn, warum sich die Einwohner hier ne Bar gebaut haben? Weil man das nur so überleben kann!“
Ich weiß, dass Cori bestimmt mit mir hier bleiben würde, aber … wieso eigentlich nicht?

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