12.Türchen: Napuka Teil 4

Adventskalender 2012

Tadaaa. Und hier der letzte Teil.. ach, was bin ich stolz!

Rennen. Immer weiter rennen. Ich stolpere über Berge von Sandkörnern, über ein Stück Treibholz, und sinke bei jedem Schritt ein.
Mein Zeh fängt wieder an zu bluten. Ich lasse mich in den Sand fallen, bleibe auf dem Bauch liegen und beweine meinen roten Zeh. Beweine diese Insel und die großen Ungerechtigkeiten der Welt, die alle mir angetan werden.
Die Tränen schmecken wie Krankenhaussuppe – viel zu salzig. Wie das Meer.
Und sie erinnern mich an vorhin. Als ich mit Patrick ins Wasser gesprungen bin. Als noch alles in Ordnung gewesen ist. Zumindest besser als jetzt.
Cori hat ja Recht. Ich weiß nicht, warum ich hier bin. Nur, wieso ich gekommen bin.
Ich bin hierher gekommen, um endlich mal allein zu sein – ohne meine Eltern, ohne beste Freunde und ohne Kontakt zur Restwelt.
Und jetzt, da ich es bin, ist es doch das Falsche. Das Alleinsein ist nichts für mich.
Ich hätte nicht wegrennen sollen. Aber ich bin noch nie jemand für stundenlange Wortschlachten gewesen.
Dass es ganz anders liefe, wenn auch ich andauernd meine Meinung rumposaunen würde, haben die anderen nicht bemerkt.
Und dass ich trotzdem anwesend bin und mich um einiges kümmere, stört sie wohl.
Sie, Patrick und Cori. Cori. Ich wische mir die Tränen aus dem versandeten Gesicht.
Und ich dachte, sie versteht mich.
Versteht, dass mich die Sauferei und das andauernde Warten nerven.
Das Warten auf diese gottverdammten Wale, die mit ihrem gelegentlichen Auftauchen alles durcheinander bringen. Die Wale, die heute Abend alles kaputt gemacht haben. Die Wale, die …
Ich setze mich ruckartig auf. Streiche die Sandkörner von der Wange und blicke raus aufs Meer.
Die zwei Lichter schaukeln dort immer noch, nur etwas näher als vorhin.
Die wollen unsere Wale! Unsere Buckelwale – die wir entdeckt haben!
Coris Stimme klingt noch in meinen Ohren, als ich wieder losrenne. Immer weiter. Zu unserem Boot.

Das Dorf ist winzig. Und so finde ich leicht zu der kleinen Bar.
In dem zu hell erleuchteten Raum sitzen fünf Männer. Alle an einem Tisch, Karten spielend und trinkend.
Als ich durch die Tür komme, blicken sie erstaunt auf.
„I need your help.“ Allgemeines Schweigen. Ein Älterer mit schwarzen Pigmentflecken im Gesicht teilt dem Jüngeren neben sich etwas im Inseldialekt mit, eine Mischung aus Französisch und anderen
undefinierbaren Einsprengseln. Nur verstehe ich leider kein Französisch.
Ich höre mit gerunzelter Stirn dem Gespräch zu, das sich mittlerweile auf den gesamten Tisch ausgeweitet hat.
Wahrscheinlich überlegen sie gerade, wie sie mich am leichtesten um die Ecke bringen können.
„How many?“, fragt einer der Insulaner.
„Uh, what?“, antworte ich gekonnt charmant.
Er steht auf und wiederholt seine Frage. Und ich habe noch immer keine Ahnung, was er meinen könnte.
„How many bottles?“ Oh, er denkt, ich will noch mehr Alkohol. Ich schnaube belustigt.
„I don’t want bottles. I need your help.“
Er blickt mich kurz mit seinen schwarzen Augen an und übersetzt dann für die anderen, die ihn mit Fragen bestürmen.
„We cannot help you – you are not one of us.“
„But it’s not about me, there are some ships hunting down your whales!“
Er hat nicht alles verstanden, aber „your whales“ hat ihn zum Schmunzeln gebracht. Was soll daran bitte lustig sein?
„They’re not ours. They’re free. In the sea, ya know?“  Er lacht, und der Rest stimmt ein. Können wohl doch Englisch.
„Hey, that’s not funny – they will be murdered by the boats out there!“ Ich schreie.
Er blickt mich leicht verwundert an, reagiert aber gelassen. „How many?“
„Two.“ Ich zeige es mit den Fingern und er nickt.
„They are our fishing boats, ya know? Fishing for …. des maquereaux“ Er grinst.
„Des what?“ Ich verstehe nichts. Absolut nichts.
„Des maquereaux…des Lisettes? Ya know, right?“ Er hebt entschuldigend die Schultern.
Einer der Männer steht auf und hält mir einen undefinierbaren Brocken unter die Nase, und am Geruch erkenne ich, was es sein soll. Fisch … vielleicht Sardinen oder Makrelen.
Die anderen grölen und der Mann geht weg.. Ich blicke ihm verwirrt hinterher. Woher hatte er jetzt den Fisch?
Mein Gesprächspartner klopft mir lächelnd auf die Schulter und lässt sich wieder auf seinen Stuhl fallen.
Ich stehe da. Komplett versteinert.
Dann … dann habe ich doch wieder nichts gemacht. Bin hierher gekommen – ohne was zu erreichen. Warum eigentlich immer ich?
Ich schleiche aus der Bar in das Dunkel und blicke zur gegenüberliegenden Inselhälfte. Über dem Wasser sieht man den Leuchtturm. Er ragt groß empor und wirft gelegentlich sein Licht hierher,
dreht mir sein Auge zu. Beinahe, als würde er mir zuzwinkern.

Advertisements

Worte kommentieren

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s