20.Türchen: Isardialoge 2

Licht. Aus einem blauen Feuerzeug.
Es ist noch hell, so um 10 Uhr, und dein Nachbar spürt die Erleuchtung. Nach dem dritten Becher Wodka weiß man wohl mehr.
„Weißt du, was Doris Dörrie zu mir sagte?“, sagt er und du wunderst dich, dass er überhaupt noch weiß, wer Doris Dörrie ist.
„Es gibt immer jemanden, der besser ist. Der deine Geschichte schon geschrieben hat. Aber du, du hast sie noch nicht geschrieben. Verstehst du?“
Er nimmt noch einen Schluck und dir fällt auf, dass er einen Piercing hat. In der Unterlippe, gerade so, dass man immer draufstarren muss. Ohne es zu wollen. Es steht ihm nicht – er ist eher der Tatoo-typ. Einmal den Schriftzug „Mama“ oder „My own Darling“ auf dem Bizeps.
Du lachst. Aber er bemerkt es nicht.
Du fühlst dich allein. Es ist doch kalt.
Und plötzlich musst du an den Jungen mit den dunklen Haaren denken – die so wirkten, als hätte er eigentlich lange und jemand hätte sie ihm heimlich gekürzt. Nicht, dass sie schlecht geschnitten waren – sie sahen gut aus. Aber sie passten nicht zu ihm.
Er hat dir die Bierflasche an seinem Board geöffnet.
Und du bist leicht rot geworden, hast gelächelt und einen Schluck von der lauwarmen Brühe genommen. Er hat dir sogar ein Stück von seinem Veggieburger angeboten. Du hast nicht die stupide Frage gestellt, wieso er vegetarisch isst. Stattdessen musstest du an den einen Typen aus der Bibel denken. Der, der auch lange Haare hatte und sein Alkohol und sein Brot teilen wollte.
Aber als du ihn unauffällig gemustert hast, um sicher zu gehen, dass du den Heiligenschein nicht übersehen hast, hat er dich mit deinen Gedanken alleine gelassen und sich wieder seiner Sitznachbarin zugewendet. Und dann kam der gepiercte Junge.
Leicht verärgert sitzt du jetzt da und hoffst, dass er nicht schon gegangen ist.
Spielst mit deinem Armband, fragst dich, wo eigentlich deine Freunde geblieben sind und beobachtest das Feuer, das in der Nähe flackert.
Einer hat Marshmellows ausgepackt und versucht eins mit einer leeren Flasche über den Flammen zu balancieren.
Was nicht funktioniert.
Wahrscheinlich brennen nicht das Holz und die Kohle, sondern nur die schaumigen Süßigkeiten, die der klobige Junge fallen lassen hat.
Der Geruch erinnert dich an deine Grundschulzeit. In der du an den kleinen selbst entfachten Feuern mit deinen Freunden die klebrige Masse mit den Zähnen vom Stock gepult hast. Danach waren die Zungen rot gebrannt, aber du trotzdem selig.
Als du aufstehst, um dich an das Lagerfeuer zu setzten, merkst du kurz, dass du auch schon ein wenig beschwipst bist. Du wankst wie auf der einen Schifffahrt nach Norwegen, in der das Schiff durch meterhohe Wellen gezogen ist. Aber du kämpfst dich vor zu den Flammen.
Im warmen Schein studierst du die Gesichter – es sind nur Jungs. Und dir gegenüber sitzt der, den du gesucht hast.
Überrascht grinst du ihn an – vielleicht etwas überschwänglich – und er erwidert deine Mimik leicht ironisch mit einem schiefen Grinsen. Ihm würde der Piercing stehen. Aber dann würdest du ihn nur noch anstarren.
„Marshmellow?“, bietet er dir an. Du genießt den Zuckerschock. Mit dem leichten Biergeschmack schmecken sie noch besser als in deiner Erinnerung.

 

Fortsetzung???

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