Idiotische Glühwürmchen (Molle Teil 3)

Hier die Fortsetzung von Molle. Bin zwar noch nicht vollends zufrieden, aber trotzdem… für euch…!
Zu Teil 1 oder Teil 2.

Die Schaukeln quietschen. Und eigentlich sollte er frieren – der Rasen ist mit Frost überzogen – aber er spürt die Kälte nicht.
Sieht nur das orangene Licht der glimmenden Zigarette.
Das Gesicht des Mädchens scheint zu leuchten.
„Wie bist du normalerweise drauf, Molle?“, fragt sie. Riesige grüne Augen sieht er vor sich. „Immer so stumm? Oder denkst du einfach viel?“
Er braucht kurz, um nachzudenken. „Ich glaub nicht“ Er blickt kurz in Richtung Haus. „Mark und so, die reden immer schon genug. Und der hört eh nicht gern zu…denke ich?“
„Denkst du?“ Er hört das Lächeln. „Find ich süß.“ Sie nimmt einen Zug, blickt dem Rauch hinterher. So wie er vorhin.
„Gut, dass du nicht rauchst, übrigens. Das steht nur den wenigsten Leuten. Der Rest sieht damit einfach nur affig aus. Und stinken tut es auch noch.“
Wirklich? will Molle fragen. Du stinkst doch nicht, du riechst nach herzförmigen Rauchkringeln und rebellischer Lederjacke, nicht nach Affe.
Aber da ist der Moment auch schon vorbei.

Molle wacht von der Stille auf. Er spürt das leichte, beruhigende Ruckeln eines Zuges, aber er hört nichts.
Vorsichtig kämpfen seine Augen gegen all das Rot an. Rote Ledersitzbänke, rote Wände, rotes Licht.
Langsam irren sie dann über das leere Zugabteil.
Er fährt sich abwesend über das Gesicht. Er muss in der Trambahn eingeschlafen sein. Mal wieder. Allerdings sind die Sitzplätze eigentlich blau und nicht so angenehm.
Und das Abteil ist zu groß, zu schön, zu leise.
Und da erst bemerkt er sie;
Die Schatten, die auf den Bänken sitzen, ihre Pfeifen paffen und Zeitung lesen. Schwarze Männer mit Anzug und Hut, durch die man deutlich all das rot sehen kann. Durchsichtig sind sie.
Ein Schattenmann ihm gegenüber bemerkt seinen entgeisterten Blick und nickt ihm höflich zu. Molle ist allein unter Schatten.
„Verzeihung, könnte ich mir vielleicht ihren Kugelschreiber ausleihen?“, fragt eine zarte Stimme neben ihm. Erschrocken dreht er sich um und blickt in das Gesicht eines blassen jungen Mädchens. Eines nicht durchsichtigen und nicht schattig schwarzen Mädchens.
Eine große, alte, omamäßige Brille sitzt auf ihrer sommersprossigen Stupsnase. Und ihre Augen haben einen merkwürdigen Goldstich. So als hätte sie zu lang in die Sonne gestarrt. Sie kennt er doch!
„Ähm.“ Für eloquentere Äußerungen ist er zu perplex. Ihre Haare, die sehen aus wie immer. Nur die Augen – so nahe war er ihr noch nie!
Ein Glühwürmchen setzt sich auf ihre Omabrille und starrt ihn böse funkelnd an. Er glaubt sogar ein wütendes Surren zu hören.
„Äh, klar. Ich… ist das…?“
Sie reagiert nicht auf seine halbe Frage, wartet nur auf den Stift und blickt ihn weiterhin unbekümmert an.
„Ich… warte kurz!“ Er kramt in seiner Jackentasche und findet tatsächliche einen Kugelschreiber. Grün ist er und passt so gar nicht in den Zug, den Moment und die Geschichte.
Sie nimmt ihn Molle kommentarlos aus der Hand, dreht sich um und nur das Glühwürmchen faucht ihn noch einmal drohend an.
Molle starrt dem Mädchen hinterher, das sich zwei Sitzreihen weiter vorne im Schneidersitz auf das rote Leder setzt. Das Glühwürmchen ist nicht alleine, ein ganzer Schwarm tanzt um das Mädchen und taucht sie in ein diffuses gelbgrünes Licht.
Sie wirkt wie ein einziges großes Glühwürmchen mit Brille. Es erinnert ihn an seine letzte Begegnung mit den Leuchtkäfern. Als er plötzlich in der Kanalisation baden ging. Er blickt sich um, um sich zu versichern, dass sie beiden die einzigen Menschen sind.
Und da bemerkt er, dass der Zug kein Ende hat. Der Gang zwischen den Sitzen erstreckt sich endlos hin, scheint immer kleiner und enger zu werden.
Ohne Ende. Vielleicht sollte er aufstehen, versuchen, einen Ausgang zu finden, aufzuwachen.
Aber da ist das Mädchen mit den Glühwürmchen und die Schatten und… was solls?
Er steht auf, läuft den Gang entlang, hin zu dem Mädchen.
Schattenmänner ziehen an ihm vorbei, beobachten ihn aus den Augenwinkeln. Einer nickt höflich.
Draußen hinter den Fenstern ziehen Bäume vorbei, Lichter, Leuchtreklame, Städte.
Aber das Mädchen, das erreicht er nicht. Er läuft, die Schatten ziehen an ihm vorbei und doch bleibt sie, sein Ziel, immer zwei Sitzreihen entfernt.
„Aber mein Stift. Der war doch nur geliehen!“, will er rufen und er will ankommen, doch nichts passiert. Nur die Bäume und Schatten ziehen weiter vorbei. Ansonsten bleibt alles gleich.

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