Blauer Fuchs mit gelbem Schal

Gedankencrushs

Und samstags tanzte ich mit den Schneeflocken, während Mama in der Sauna saß. Sie hat den Winter nie gemocht. Wieso auch immer.
Ich tanzte jedenfalls mit dem Schnee. Mein gelber Schal, fast senffarben, wirbelte mit mir, wie mein Tanzpartner. Die Bäume, etwas weiter weg, guckten zu und versteckten sich langsam in einem Nebel aus Schneeflocken. Die Krähen verschwanden im Himmel. Das gelegentliche Autohupen wurde immer leiser.
Und da war ich allein. Mitten im Nichts.
Ich war mir sicher, ich sollte eigentlich verängstigt nach Mami rufen. Sie würde mich ja doch nicht hören. In ihrere Sauna lief Beethoven, das wusste ich. In der Inspirationssauna, der lauten, da lag sie am liebsten.
Zudem hatte ich, ähnlich wie in Träumen, die Gewissheit, dass mir nichts passieren würde. Woher die kam, weiß ich immer noch nicht. Vielleicht lag es an dem dicken Schal, der mich vor allem zu beschützen schien, nicht nur vor der Kälte, sondern vor Monstern, Dunkelheit, fiesen alten Opas und der Welt allgemein.
Ich grub mir eine kleine Kuhle, um mich hinzusetzten. Eigentlich sollte es ein Iglu werden, aber irgendwann hatte ich keine Lust mehr und da war es halt nur eine kleine Kuhle mit winzigen Wänden. Ich packte den Tee aus, den Mama mir eingepackt hatte und trank vorsichtig kleine Schlucke, ganz fein, wie es Prinzessinnen immer tun.
Hin und wieder blickte ich über meinen Iglurand, der meine Burgmauer bildete, wie man so über Brillenränder blickt – reflexartig, ohne wirklich hinzuschauen, aber trotzdem mit gewissem Interesse, was die Außenwelt so treibt – als in all dem Weiß plötzlich ein blauer Fleck war.
Ich vergaß den Tee und machte mich ganz klein in meiner Burg, lugte gerade so noch zu dem blauen Fleck und erkannte, dass es ein Fuchs war, der zu mir hinüber blickte. Ein blauer Fuchs.
Er war sehr klein, vielleicht so groß wie meine Lieblingspuppe, mit riesigen Ohren und einem langen, blauen Schweif mit einer orangenen Spitze. Wie in Flammen stehend.
Der Fuchs setzte sich, putzte sich sein Fell, wie es Katzen tun, wie es Molly zu Hause immer macht, und ich war mir sicher, dass er mich aus den Augenwinkeln beobachtete. Verstohlen, heimlich.
Ich begann wieder Tee zu trinken, in noch kleineren Schlucken, um ihn nicht zu erschrecken und setzte mein über-den-Brillenrand-blicken fort.
Er kam näher. Ohne sich zu bewegen. Irgendwie kam er näher, immer näher, bis er neben mir saß und an meinem Tee nippte, den ich wie erstarrt in der Hand hielt. Ich traute mich nicht, etwas zu sagen, vielleicht würde er dann antworten. Und mir sagen, wie schlecht der Tee schmeckte. Deswegen schwieg ich, schüttete Tee nach und wartete.
Er kuschelte sich ein wenig in meinen gelben Schal, strich mir aus Versehen mit dem orangenen Schweif über die Wange, erschreckte, wartete auf meine Reaktion und lächelte, als ich nichts tat. Mein Fuchs lächelte!
Ich wollte zurück lächeln, das wollte ich wirklich. Aber in dem Moment hupte es.
Die Autos waren wieder da. Und als ich in meinen Schoß blickte war das Blau weg.
Ich sprang auf, suchte nach einem blauen Fleck und fand nichts. Nur am Waldesrand war der Schnee ein wenig zu orange.

 

Ich gebe zu; Der Fuchs aus Schwarzweißrot hat mich besucht, aber nicht nur das. Auch in dem wunderbaren Roman „Bevor alles verschwindet“ von Annika Scheffel, den ich erst bis zur Hälfte gelesen habe, aber jetzt schon liebe, taucht ein blauer Fuchs/Mensch auf.

An alle, die sich wundern, wieso ich nichts schreibe: Ich habe jetzt zu 3 Fünfteln mein Abi geschafft und schreibe seit den Ferien wieder eifrig. Aber das muss erst alles im Computer landen, da ich meist doch lieber mit Hand schreibe (obwohl das kaum lesbar ist. Fast schon Geheimschrift). Also, ich schreibe wieder mehr bis viel. Bis das hier ankommt, dauert es aber noch. Verzeiht. =)

Kantinenbrei und Glassplitter

Kurzgeschichte

Tadaaa, letzter Teil der Molle-Geschichte… bis jetzt. Wen es interessiert. Die Seite mit dem Titel Molle-Geschichte, zeigt die letztendliche Fassung, die etwas anders ist, als die eigentlichen posts.. einfach mal vorbeischauen…

Und später in der Kantine sehen alle so gleich aus, so schon mal gesehen.
Der blonde Junge zwei Tische weiter erinnert ihn an den labradorähnlichen Freund der Blondine von der Party gestern Abend. Das gleiche leicht dümmliche Lächeln. Die entrückte Intelligenz. Aber er scheint Molle nicht zu kennen. Vielleicht besser so.
Molle schluckt seinen Kartoffelbrei ohne viel zu schmecken und versucht den Hirnschwurbel zu verscheuchen. Auch die Dozentin an der Kasse kennt er. Wie seine Tante, genau so! Und auch diese Schuhe, diese gelben Stöckelschuhe…
Und da sitzt plötzlich ein Mädchen neben ihm. Sie hat Sommersprossen und Lederarmbänder am Handgelenk und betrachtet kritisch ihren gelblich weißen Kartoffelbrei, während sie auf ihrer Unterlippe kaut.
Molle betrachtet ihre wilden, kurzen Locken, ihren angeekelten Blick. Das Zigarettenmädchen! Derselbe Blick! Diesmal ist er sich sicher.
„Hey“, spricht er sie an. Sie muss es sein. „Wie gehts?“
Sie mustert ihn kurz, erstaunt, überrascht.
„Gut gut. Bis jetzt zumindest.“ Sie schüttelt ihr Handgelenk, um die Armbänder nicht in den Brei zu tunken. „Aber jetzt liegt da dieser Brei auf meinem Teller.“ Sie blinzelt. „Ich liebe Kantinenessen.“ Sie sagt das ohne ein Zeichen der Ironie. Irgendwie schafft sie das und Molle ist sich nicht sicher, was sie meint. Erkennt sie ihn nicht?
„Aber hey, du hast es ja bis jetzt auch überlebt. Anscheinend.“ Sie deutet auf seinen Teller. „Ist also nicht verseucht oder von vergammelten Laktose Produkten durchsetzt.“
Sie rührt lustlos in der gelblichen Masse und Molle muss beinahe lachen. Ist sie immer so? Schließlich greift sie zum Salzstreuer.
„Er muss gerettet werden“, erklärt sie mit einem Zwinkern. „Und, wie gehts dir so?“ Ihre Frage scheint mehr aus Höflichkeit als aus Interesse zu sein. Zumindest scheint sie von ihrer Breikonstruktion recht eingenommen.
Molle fährt sich durch die Haare. „Ich bin noch ein wenig fertig von gestern Abend“
Sie blickt auf.
„War ziemlich merkwürdig gestern.“
Sie blinzelt… amüsiert? Und Molle bemerkt, wie grün ihre Augen in dem tristen Kantinenlicht wirken.
„Was für ein Zufall.“ Sie kaut auf ihrer Unterlippe. Schon wieder. Sie lächelt ihn an.
Und er lächelt zurück. Leicht gedankenverloren.
Sie deutet in Richtung verletzter Hand.
Er versteht nicht. Will sie den Zucker?
Sie verdreht die Augen und tippt mit ihrem Löffel an seinen Zeigefinger.
„Ohh, tut mir Leid.“ Er blickt auf seinen aus der Bandage lukenden Finger. „ich weiß nicht, was passiert ist.“ Sie nimmt den ersten Bissen und verzieht das Gesicht.
„Filmriss“, fügt er beinahe entschuldigend hinzu. Und überlegt kurz. Er war sich immer noch unsicher.
„Hast du ne Idee? Was passiert sein könnte, meine ich?“
Zugegeben etwas plump, aber…
„Könnte?“, sie lacht. Laut. „Lass mich überlegen“, sagt sie, als sie sich beruhigt hat. „Du warst so zu, dass du nichts mehr weißt, sagst du?“
Sie stützt ihr Kinn auf die zusammengefalteten Hände und blickt in den Kartoffelbrei. So, als würde der ihr den Abend nacherzählen.
„Du… bist von der Party weg. Der Alkohol war leer und du sowieso zu fertig. Blöderweise wolltest du Fahrrad fahren – trotz Schnee und Alkohol. Hast dich vielleicht ein wenig merkwürdig gefühlt. Und dann…“
Sie nimmt den Löffel wieder in die Hand und rührt in dem Brei. Langsam und Molle ist sich nicht sicher, ob sie sich das wirklich ausdenkt. Vielleicht liest sie das tatsächlich aus ihrem Essen.
„Dann… mhm. Dann hast du was richtig Verrücktes geträumt. Oder vielleicht auch im Halbschlaf gesehen. So Sekundenschlafmäßig. Auf jeden Fall schreckst du plötzlich hoch, reißt den Lenker rum und fällst!“
Sie blickt auf.
„Wie klingt das?“
„Das…“ passt, denkt Molle. Das passt perfekt. Zu perfekt. Und so gar nicht zu seinen Erinnerungen.
„Das klingt… nach einer tollen Geschichte. Du bist gut.“ Er versucht ein entspanntes Lächeln. Und versagt.
Sie ignoriert seine Verwirrung.
„Ha! Ich sollte Wahrsagerin werden oder so was!“, erinnert Molle an die Grinsekatze aus Alice im Wunderland. Bedrohlich wirkt sie – ganz plötzlich.
Und da sieht er einen Lichtreflex, verfangen in ihren Haaren. Aus den Augenwinkeln sieht er das und versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Vielleicht, redet er sich ein, ist es auch nur eine Haarspange. Und kein
Glassplitter. Kein Glühwürmchen.
Sie isst grinsend ihren Brei, erzählt etwas von Milchpulver und Fertignahrung, aber Molle starrt nur auf ihre Haare, die im Licht der Kantinenlampen glitzern. Und ist sich sicher, dass das keine Haarspangen sind. Aber
wieso hat sie Glas in ihren Haaren?
„Hey, bist du immer so stumm? Oder denkst du einfach viel?“, fragt sie unvermittelt.
Er will antworten, überlegt kurz, wo er diesen Satz schon mal gehört hat und reibt sich unbewusst über die verletzte Hand. Zuckt vor Schmerz zusammen. Das Mädchen blickt ihn an, eine Zigarette in der Hand und Molle
erstarrt. Stammelnd entschuldigt er sich, springt auf, hastet quer durch den Raum, Richtung Ausgang, die rechte Hand fest umklammert.
Ob ihm das Mädchen hinterherblickt?
Vielleicht beobachtet sie ihn, wie er flieht, die selbstgedrehte Zigarette in der Hand und den Kopf schief gelegt, so als wartete sie auf eine Stimme oder jemanden, der ihr all das erklären könnte.