Kantinenbrei und Glassplitter

Tadaaa, letzter Teil der Molle-Geschichte… bis jetzt. Wen es interessiert. Die Seite mit dem Titel Molle-Geschichte, zeigt die letztendliche Fassung, die etwas anders ist, als die eigentlichen posts.. einfach mal vorbeischauen…

Und später in der Kantine sehen alle so gleich aus, so schon mal gesehen.
Der blonde Junge zwei Tische weiter erinnert ihn an den labradorähnlichen Freund der Blondine von der Party gestern Abend. Das gleiche leicht dümmliche Lächeln. Die entrückte Intelligenz. Aber er scheint Molle nicht zu kennen. Vielleicht besser so.
Molle schluckt seinen Kartoffelbrei ohne viel zu schmecken und versucht den Hirnschwurbel zu verscheuchen. Auch die Dozentin an der Kasse kennt er. Wie seine Tante, genau so! Und auch diese Schuhe, diese gelben Stöckelschuhe…
Und da sitzt plötzlich ein Mädchen neben ihm. Sie hat Sommersprossen und Lederarmbänder am Handgelenk und betrachtet kritisch ihren gelblich weißen Kartoffelbrei, während sie auf ihrer Unterlippe kaut.
Molle betrachtet ihre wilden, kurzen Locken, ihren angeekelten Blick. Das Zigarettenmädchen! Derselbe Blick! Diesmal ist er sich sicher.
„Hey“, spricht er sie an. Sie muss es sein. „Wie gehts?“
Sie mustert ihn kurz, erstaunt, überrascht.
„Gut gut. Bis jetzt zumindest.“ Sie schüttelt ihr Handgelenk, um die Armbänder nicht in den Brei zu tunken. „Aber jetzt liegt da dieser Brei auf meinem Teller.“ Sie blinzelt. „Ich liebe Kantinenessen.“ Sie sagt das ohne ein Zeichen der Ironie. Irgendwie schafft sie das und Molle ist sich nicht sicher, was sie meint. Erkennt sie ihn nicht?
„Aber hey, du hast es ja bis jetzt auch überlebt. Anscheinend.“ Sie deutet auf seinen Teller. „Ist also nicht verseucht oder von vergammelten Laktose Produkten durchsetzt.“
Sie rührt lustlos in der gelblichen Masse und Molle muss beinahe lachen. Ist sie immer so? Schließlich greift sie zum Salzstreuer.
„Er muss gerettet werden“, erklärt sie mit einem Zwinkern. „Und, wie gehts dir so?“ Ihre Frage scheint mehr aus Höflichkeit als aus Interesse zu sein. Zumindest scheint sie von ihrer Breikonstruktion recht eingenommen.
Molle fährt sich durch die Haare. „Ich bin noch ein wenig fertig von gestern Abend“
Sie blickt auf.
„War ziemlich merkwürdig gestern.“
Sie blinzelt… amüsiert? Und Molle bemerkt, wie grün ihre Augen in dem tristen Kantinenlicht wirken.
„Was für ein Zufall.“ Sie kaut auf ihrer Unterlippe. Schon wieder. Sie lächelt ihn an.
Und er lächelt zurück. Leicht gedankenverloren.
Sie deutet in Richtung verletzter Hand.
Er versteht nicht. Will sie den Zucker?
Sie verdreht die Augen und tippt mit ihrem Löffel an seinen Zeigefinger.
„Ohh, tut mir Leid.“ Er blickt auf seinen aus der Bandage lukenden Finger. „ich weiß nicht, was passiert ist.“ Sie nimmt den ersten Bissen und verzieht das Gesicht.
„Filmriss“, fügt er beinahe entschuldigend hinzu. Und überlegt kurz. Er war sich immer noch unsicher.
„Hast du ne Idee? Was passiert sein könnte, meine ich?“
Zugegeben etwas plump, aber…
„Könnte?“, sie lacht. Laut. „Lass mich überlegen“, sagt sie, als sie sich beruhigt hat. „Du warst so zu, dass du nichts mehr weißt, sagst du?“
Sie stützt ihr Kinn auf die zusammengefalteten Hände und blickt in den Kartoffelbrei. So, als würde der ihr den Abend nacherzählen.
„Du… bist von der Party weg. Der Alkohol war leer und du sowieso zu fertig. Blöderweise wolltest du Fahrrad fahren – trotz Schnee und Alkohol. Hast dich vielleicht ein wenig merkwürdig gefühlt. Und dann…“
Sie nimmt den Löffel wieder in die Hand und rührt in dem Brei. Langsam und Molle ist sich nicht sicher, ob sie sich das wirklich ausdenkt. Vielleicht liest sie das tatsächlich aus ihrem Essen.
„Dann… mhm. Dann hast du was richtig Verrücktes geträumt. Oder vielleicht auch im Halbschlaf gesehen. So Sekundenschlafmäßig. Auf jeden Fall schreckst du plötzlich hoch, reißt den Lenker rum und fällst!“
Sie blickt auf.
„Wie klingt das?“
„Das…“ passt, denkt Molle. Das passt perfekt. Zu perfekt. Und so gar nicht zu seinen Erinnerungen.
„Das klingt… nach einer tollen Geschichte. Du bist gut.“ Er versucht ein entspanntes Lächeln. Und versagt.
Sie ignoriert seine Verwirrung.
„Ha! Ich sollte Wahrsagerin werden oder so was!“, erinnert Molle an die Grinsekatze aus Alice im Wunderland. Bedrohlich wirkt sie – ganz plötzlich.
Und da sieht er einen Lichtreflex, verfangen in ihren Haaren. Aus den Augenwinkeln sieht er das und versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Vielleicht, redet er sich ein, ist es auch nur eine Haarspange. Und kein
Glassplitter. Kein Glühwürmchen.
Sie isst grinsend ihren Brei, erzählt etwas von Milchpulver und Fertignahrung, aber Molle starrt nur auf ihre Haare, die im Licht der Kantinenlampen glitzern. Und ist sich sicher, dass das keine Haarspangen sind. Aber
wieso hat sie Glas in ihren Haaren?
„Hey, bist du immer so stumm? Oder denkst du einfach viel?“, fragt sie unvermittelt.
Er will antworten, überlegt kurz, wo er diesen Satz schon mal gehört hat und reibt sich unbewusst über die verletzte Hand. Zuckt vor Schmerz zusammen. Das Mädchen blickt ihn an, eine Zigarette in der Hand und Molle
erstarrt. Stammelnd entschuldigt er sich, springt auf, hastet quer durch den Raum, Richtung Ausgang, die rechte Hand fest umklammert.
Ob ihm das Mädchen hinterherblickt?
Vielleicht beobachtet sie ihn, wie er flieht, die selbstgedrehte Zigarette in der Hand und den Kopf schief gelegt, so als wartete sie auf eine Stimme oder jemanden, der ihr all das erklären könnte.

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