Der Spiegel

Gedankencrushs

Hier ein Text, der zusammen mit „Ein Ende“ in einer unglaublich inspirierendenSchreibwerkstatt in Österreich entstanden ist.
Er gehört zu einem Text-Zyklus, der unter dem Namen „Beziehungsweise“ steht.

Der Spiegel

Er macht Spiegelei für mich. Nur für mich – er isst ja kein Ei. Und auch sonst nicht viel.
Er riecht nach Butter und Salbei, weil er Spiegelei mit Salbei und viel Butter macht. Und ein wenig Chili. Und dabei trägt er den grünen Pullover, den aus Kaschmir. Mein Kaschmirjunge.
Ich decke den Tisch und warte. Die Blumen auf dem Fensterbrett welken. Draußen scheint die Sonne. Es ist kalt und ich ziehe die Füße auf den Stuhl.
„Guten Morgen“, sagt er und stellt das Ei vor mich.
„Danke“; sage ich und bewundere die Spiegelung im Eigelb.
Die Nase sieht größer aus und die Haare länger, aber das bin eindeutig ich.
„Ich sehe…“, sage ich, „mich in 10 Jahren.“ Und deute auf das Ei.
Er zieht eine Augenbraue hoch – und so sieht er noch mädchenhafter aus.
„Ich sehe… Ich sehe scheiße aus. Mein Gott, ich habe Falten! Hier und da. Und da!“ Ich zeige wild auf einzelne Gesichtspartien und starre in das Spiegelei.
„Du runzelst die Stirn. Natürlich hast du da Falten. Jetzt schon. Nicht erst in 10 Jahren.“ Er lacht.
„Lach nur. Ich sehe…“ Ich halte die Hände über mein Essen wie eine Hellseherin. „Ich se.. oh, jetzt bist du im Ei.“ Schweigen.
„Du trägst ein Haarband!“
„Das ist ein Schweißband“, wirft er ein.
„Nein, ein Haarband. Du siehst aus wie ein Pirat!“, pruste ich, „Wie in diesem Hollywoodfilm. So wie Kapitän…“
„Das ist kein Haarband!“
Ich blicke ihn an. Seine etwas zu langen Haare und sein buntes Haarband an.
Kann sein, dass er es bereut, mir ein Spiegelei gemacht zu haben.

Ein Ende

Kurzgeschichte

Der Bus fährt zu langsam, steht im Stau, macht schon wieder Pause! Wie oft kann ein Mensch denn Pissen? Es steigt natürlich niemand aus, niemand außer dem verdammten Busfahrer. Wirklich niemand.
Sie sitzt in dem zu bunten Sitz, so weit nach hinten gelehnt wie möglich. Sie will nicht, dass jemand hinter ihr sitzt. Musik wäre jetzt gut. Aber der Akku ist leer. Warum ist der Akku auch immer leer?! Wirklich immer?!
Jetzt liegt sie in diesem zu langsamen Bus, hasst die Busfahrer, die kein Deutsch können und Englisch kaum verstehen, hasst die verdammten Kroaten, die alle zu dick sind. Dick und hässlich. Allein die Sprache ist schon hässlich. Wer sagt schon „hvala“ für Danke? Das klingt doch komplett gestört. Jeder normale Mensch denkt da, man will ihm den Hula-Hula-Tanz vortanzen und nicht „Danke“ sagen.
Die Frau zwei Reihen vor ihr stöhnt dauernd so, als würde ihr ein Apfel im Hals stecken. Jeder zweite Atemzug wird von einem „chrmh“ begleitet. Wenn sie Schmerzen hat, soll sie doch Pillen nehmen, wie jede vernünftige Person! Ist das denn so schwer? Leidet sie so gerne? Oder muss sie einfach nur den gesamten Bus belästigen mit ihrem Seufzen, diesem Geräusch, als würde ein Hund einen Asthmaanfall bekommen?
Sie fährt sich durch die Haare und zupft ihr T-Shirt zurecht.
Und der Junge neben ihr, auf der anderen Seite des Gangs, der Blonde mit dem platten Gesicht – hat der seine Brille verloren und kann deshalb kaum was sehen oder warum glotzt der so?
Sie wünschte, sie hätte eine Sonnebrille. Oder besser noch; Scheuklappen. Dann müsste sie die anderen nicht mehr sehen. Und Ohrstöpsel.
„Entschuldigen Sie!“ Sie blickt den Jungen erstaunt an – er kann reden? „Kann isch misch vielleischt neben Sie sezzen?“, fragt der öflische Franzose.
Nein! Nein, darfst du nicht! Dein Gesicht ist zu platt und Deutsch kannst du auch nicht. Auf jeden Fall nicht richtig. Du darfst nicht neben mir setzen. Du nicht und kein anderer.
Sie nickt.
„Merci, Danke“, nuschelt er und grinst breit und dabei sieht er aus wie diese Schauspielerin mit dem zu breiten Mund. Vermutlich heißt er auch noch Julien Roberts.
Er kommt und bringt seinen Haushalt mit; 2 Rucksäcke, Baguette, das er aus dem Gepäcknetz unter dem ausklappbaren Tisch holt, zwei Bücher und ein großes Kissen. Bei 15 Stunden Fahrt vielleicht eine ganz gute Idee… aber dämlich sieht er trotzdem aus!
Da sie nicht rutschen will (jetzt hat sie schon den Stuhl hintergeklappt!), muss er über ihre Beine klettern – er schwitzt. Immerhin stinkt er nicht. Noch nicht.
Sie blickt kurz an ihm hoch, dann auf die andere Seite – nur weil er neben ihr sitzt, muss sie ja nicht mit ihm reden. Wird sie auch nicht – er wirds ja eh nicht verstehen. Vielleicht kann er Kroatisch, warum wollte ein Franzose sonst nach Kroatien fahren – vor seiner Oma flieht er bestimmt nicht.
Ihre Oma… sie beißt die Zähne zusammen und schnaubt. Scheiß Oma, wofür gibt es die überhaupt, die braucht kein Schwein, niemand braucht Omas, niemand. Nichtmal ein Franzose…
„Eh… Wollen sie etwas von meinem Baguette?“
Von deinem was? Nein. Nein, ich will nichts von deinem „Baguette“, vergiss es, das ist mir zu versaut, denkt sie und dreht sich zu ihm um.
Und blickt in Kruste.
„Äh, Baguette?“ Sie blinzelt.
Er blinzelt verwirrt zurück.
Sie lächelt entschuldigend.
„Ach, Baguette, na klar, gerne“ Sie versucht das Ganze so klingen zu lassen, als hätte sie es rein akustisch nicht verstanden. Er wirkt nicht ganz überzeugt. Und sie fühlt sich komplett dämlich.
Er bricht das Brot.
„Wissen Sie“, flüstert er, „Der Mann neben mir riescht so komiesch und ist immer… eh— geträumt?“
„Eingeschlafen?“ Was für ein merkwürdiger Franzose.
„Genau! Und er fäällt immerr auf meine Arm.“
Sie blickt auf seine leeren Doppelsitz.
„Non non, jetzt er ist auf Toilette.“
Sie nickt. Er schweigt.
Sie wundert sich und kaut ihr Baguette – etwas trocken so ohne Belag.

Plötzlich steigt ihr ein ekelerregender Geruch in die Nase. Hat der Junge etwa…? Sie blickt ihn aus den Augenwinkeln an. Er kaut an seinem trockenen Baguette und blickt aus dem Fenster. Das gibts doch nicht. Jetzt tut der auch noch so unschuldig und pupst sie hier einfach zu. Kommt wahrscheinlich von dem vielen Baguettes.
Sie legt ihres auf den Tisch zurück – nicht, dass das ansteckend ist.
In dem Moment kommt der alte Sitznachbar des Franzosens zurück und setzt sich. Und eine Duftwelle schwappt über sie hinweg. Wuaäh. Sie versucht sich die Nase zuzuhalten. Mit irgendwas. Bloß was. Verdammte… Sie gerift nach dem Kissen des Franzosen. Phuu.
Das Kissen riecht recht gut. Und er hat es nicht einmal bemerkt, hofft sie. Sie schaut sich um. Und sieht die offene Klotür.
Nein! Nein, das darf doch nicht wahr sein! Der Typ ist ja komplett eklig. Verseucht den ganzen Bus – mit einer offenen Klotür. Sie will nicht wissen, wie es in dessen Haus riecht – vermutlich werden da die Gasmasken schon an der Eingangstür ausgeteilt.
Aber es muss etwas unternommen werden, beschließt sie und wirft einen Seitenblick auf den Franzosen. Der jetzt Musik hört.
Sie steht auf und pirscht sich auf das Klo zu.
Plötzlich wird sie brutal nach vorne geschleudert, hält sich an dem Sitz vor der Toilette fest, schwingt beinahe in die stöhnende Frau und verliert das Kissen. Nein, ihr Kissen! Alles, bloß das nicht! Sie hechtet hinterher und presst es sich verzweifelt an die Nase. Warum musste der Bus auch jetzt eine Vollbremsung machen?
Sie nähert sich weiter der Tür. Es muss ein Ende haben, es muss!, redet sie sich ein und mit einem Tritt versucht sie die Toilette zu schließen.
Doch die Tür schwingt wieder auf und der Gestank ist sogar noch schlimmer. Noch schlimmer, als ob das überhaupt möglich wäre. Ihre Hand weigert sich, den Griff der Tür anzufassen, den der vorherige Benutzer bestimmt mit ungewaschenen Händen angefasst hat. Was da an Bakterienkolonien wächst.
Sie schaudert.
Also nimmt sie das Kissen des Franzosen, um die Klinke anzufassen.
Die Tür schließt.
Sie seufzt erleichtert. Ein Alptraum weniger auf dieser Fahrt. Die irgendwann ein haben muss. Es muss einfach ein Ende haben, es muss.