Vermissen

Gedicht

Vermissen

wie am Meer sitzen
ins Dunkel starren
leuchtende Fische sehen
und nichts fühlen

wie im Zirkus sitzen
den Clown betrachten
seine Grimasse sehen
und nichts fühlen

wie im Wald sitzen
die Blumen zu zählen
schillernde Libellen sehen
und nichts fühlen

wie einen Gipfel erklimmen
dem Wind trotzen
das Meer zähmen
und nichts fühlen

Sich so zu fühlen
als würde man einem Weg folgen
– endlos lang und gerade –
und wissen,
dass das Ziel
hinter einem liegt.

So vermisse ich dich.

Und die Fische machen einen auf Sternenhimmel

Kurzgeschichte

Diesmal ein etwas älterer Text, der in der letzten Schreibwerkstatt fertig gereift ist.

 

für Fred

Wir stehen vor der dunklen Scheibe und beobachten die Sterne mit ihren Flossen. Ein kleines Universum.

Und wir fühlen uns wie im Märchen.
Spielen weiter Prinz und Prinzessin, küssen Frösche (oder auch Fische) und tragen gläserne Schuhe. Meine leuchten dunkelrot während unter ihnen der Linoleumboden matt schimmert. Die Fische spielen Publikum, starren bewundernd auf uns herab, auf uns glitzernde Märchengestalten und klatschen stumm.

„Soll ich mich entscheiden?“

Du erzählst ihnen Geschichten und ich male die Bilder dazu. Zeichne Riesen und Schiffsschrauben an das glatte Glas. Ein kleiner orangener Clownfisch folgt meinen Fingern. Kurz glaube ich, ihn an meiner Fingerkuppe knabbern zu spüren. Du lachst und ich verstecke mein Grinsen in den Seeanemonen.

„Ob ich mich entscheiden soll, habe ich gesagt. Oder was du dann willst?“

Wir liegen zu zweit auf dem kaltmatten Boden. Die Fische springen Loopings, reiten in wildem Galopp durch die Manege und verschwinden plötzlich im Nichts. Verschlucken wagemutig gleißende Lichtbälle. Unser Fischzirkus.

„Du brauchst dich nicht zu entscheiden“, hast du gesagt, “ Aber du musst Prioritäten setzen.“

Manchmal meine ich den orangenen Clown zu sehen, der mir damals die Hand angeknabbert hat. Er blinzelt mir hinter einer der Seeanemonen hervor.
Und ich blicke Vater über die Schulter, vorsichtig und unauffällig und winke ihm zu.
Ja, das bleibt unter uns. Damals, der eine Moment. Nicht wahr?
Und der Fisch nickt und verschwindet. Vielleicht war es aber auch ein anderer.

„Ich wusste, du würdest dich richtig entscheiden. Meine Kluge.“

Beschriftete Pferdeskelette galoppieren über die Seiten. Der Muskelquerschnitt der Fischlunge streckt mir die Zunge heraus. Und Latein war mir immer schon zu formstarr.
Während dem vielen Lernen träume ich oft von den Fischhimmelnächten und dem Zirkusaquarium. Von unserem Märchen. Und frage mich, wieso ich mich entscheiden musste.
Vater versteht das nicht. Glaube ich. Hat es nie. Er freut sich über mich und mein Lernen.
Ich gehe den kleinen Clown oft besuchen. Vielleicht sehe ich dich mal.

„Und – sieh mal – es macht dir sogar Spaß. Hab ich dir doch gesagt“, meintest du danach. „Das Studium ist was für dich. Medizin, das hat dir schon immer gelegen.“

Tiefseefische leuchten als Schutzfunktion. Wo ist da denn der Spaß? Alles, was ich nie wissen wollte, muss ich können. Und Geheimnisse gibt es sowieso nicht mehr.
Sie fehlen mir. Die Abende im Aquarium, der Fischzirkus.
Du fehlst auch. Und das Schlimme ist, dass ich nicht einmal weiß, wo du bist. Vielleicht bist du ja zum Fisch geworden. Zum orangenen Clownfisch.

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Dieses Werk von Sophie Stroux ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.