Ich bin ein Meer

Kurzgeschichte

Eine Geschichte, die in Amsterdam entstanden ist und leichten Einfluss von den wundervollen Dünenlandschaften und dem Meer Nordhollands aufweist.

Ich bin ein Meer

I.
Meine Gefühle gehen auf Seefahrt. Morgens und Abends ist es am Schlimmsten.

Meine Gefühle begeben sich auf Seegang.

Meine Gefühle sind wie das Meer.

Meine Gefühle sind ein Meer.

Ich bin ein Meer.

 

II.
Ich bin ein Meer, das tobt und schäumt, die Gischt rollen lässt und Fische in die Brandung wirft.
Ich bin ein Meer aus Gedanken und Gefühlen. Ich überschlage mich und werfe mein Gehirn in meterhohen Wellen durch die Luft, verschlinge es in tiefen Strudeln und spucke es auf Wellenbergen wieder aus.
Mein Gehirn weiß sich nicht zu wehren. Es zieht im falschen Moment die Segel auf und wiegt sich in Sicherheit bis es plötzlich verschlungen wird. Es versteht nicht, dass das Wasser mit ihm spielt. Und wird es nie verstehen. Nie.
Denn das Meer, das wilde ungezähmte Wasser, wird das Gehirn nicht ruhen lassen. Weil es dann selbst ruhen müsste.
Wenn alles ruht, beginnt das Gehirn zu denken und in ihm, in den tausend Windungen, dem Hypothalamus, der Hypophyse, dort tobt dann ein zweites Meer.
Dieses Meer jongliert ein Boot, das irgendwann ausgespuckt wird, dann ächzend in der Luft steht, zitternd vor falschen Erwartungen.
Es wartet auf einen Windhauch, eine Richtung.
Meist passiert nichts.
Doch manchmal segelt es ruhig davon
und dann man kann auf seinem Rumpf lesen;
Entscheidung

 

 

III.
„Ich bin ein Meer“, sagt sie und blickt entrückt auf das angebissene Stück Brot. „Ich bin ein Meer, das schäumt und tobt und Fische in die Brandung wirft.“
Du bist verdurstet, sonst nichts, denke ich und blicke an ihr vorbei durch das Fenster in die gleißende Sonne vor dem Café. Es ist wärmer als gewöhnlich.
„Ich bin ein Meer aus Gedanken und Gefühlen. Und auf meinen tobenden Wellen schaukelt mein Hirn. Ich verschlinge es, spucke es auf Wellenbergen wieder aus und werfe es meterhoch durch die Luft. Ich lasse es niemals ruhen, verstehst du?“
Ich falte die geblümte Serviette. Ein Dreieck, ein Quadrat, ein Dreieck, ein Quadrat. Redet sie wirklich mit mir, frage ich mich, oder mit ihrem Brot?
„Und mein Hirn, das… das weiß sich einfach nicht zu wehren. Es holt die Ruder aus, wenn Wind aufkommt, es zieht die Segel ein, wenn Windstille ist und es wiegt sich in Sicherheit bis ein tiefer Strudel es verschluckt. Ich glaube,”, sie schiebt sich eine Haarsträhne aus der Stirn, „Ich glaube, es will die Gefahren einfach nicht erkennen.“ Sie blinzelt und fixiert die Serviette mit ihrem unförmigen Blumenmuster. Draußen jagen sich zwei Hunde.
„Das Meer, das will aber nicht ruhig sein. Es will nicht aufhören zu toben. Denn bei Stille, da beginnt das Hirn zu denken. Es denkt dann. Und in ihm, in dem Hirn, da tobt ein zweites Wellengebirge. Dort, hinter tausend Windungen, hinter Hypothalamus und Hypophyse. Dort schaukelt ein Boot. Auf den Wellen.“
Einer der Hunde sieht aus wie Pumpi. Pumpi. Ich schlucke. Wie gerne hätte ich ihn gerade hier. Dann könnte ich ihn kraulen, und er würdest meine Hand ablecken und mir ginge es gut. Ich streichle über die Serviette. Vorsichtig, ganz liebevoll, aber sie ist so gar nicht wie sein Fell.
„Das Boot wehrt sich gegen die meterhohen Wellenberge, bis es irgendwann, manchmal erst nach Tagen, ausgespuckt wird. Es steht dann da – zitternd vor falschen Erwartungen – in der Luft. Es schwebt da und wartet auf einen Windhauch, auf einen Anstoß.“
Pumpi war immer schneller als der Wind, schneller als mein Fahrrad. Mein Windhund, mein Fahrradwindhund.
„Und manchmal, selten, segelt es dann wirklich. Und dann sieht man, wenn es vorbei zieht, ganz verblichen einen Schriftzug. Mitten auf dem Schiff. Da steht dann…“ Sie macht eine Pause. Und ich blicke auf. Schon fertig?
„Da steht dann…“ Sie faltet bedeutungsschwer ihre Hände. „Entscheidung. Entscheidung steht da.“
Ich blicke auf ihre gefalteten Hände, ihre lackierten Fingernägel und ihren Schlangenring. „Entscheidung?“
„Entscheidung“, sagt sie feierlich. „Mitten auf dem Schiff.“
„Entscheidung“, sage ich. Na klar, was sonst. Entscheidung.
„Verzeihung, haben Sie sich jetzt entschieden?“, drängt sich da der Kellner an mein Ohr.
Ich blicke perplex an ihm vorbei.
„Das habe ich tatsächlich.“ Sie lächelt breit und streicht über das Menü, so ganz beiläufig. „Ich hätte gerne das Rührei mit…“ Sie leckt sich kurz über die Lippen. Ganz so, als könnte sie das Ei schon schmecken. Kann sie aber nicht. Sie will nur den Typen bezirzen. Ich
gucke aus dem Fenster. Demonstrativ.
„Mit Speck bitte.“
„Nicht mit Früchten?“ Er grinst.
„Mit Speck.“ Sagt sie und reicht ihm das Menü.
Ach Pumpi, komm schon. Renn noch einmal an der Scheibe vorbei. Zeig ihr, wie schlecht der Kellner wirklich aussieht. Zeig ihr, dass ich auch ein Meer bin.
„Das war eine richtige Entscheidung“, sagt sie, als der Typ weg ist. Abschließend und absolut. Und ich blicke ihr in die Augen. Der Kellner? Oder das Essen?
Ich sage nichts, weil sie es nicht erwartet. Draußen scheint die Sonne und zwei Kinder spielen Fangen.

Das hier, das war die falsche Entscheidung, denke ich und falte die Serviette. Das Restaurant.
Ein Quadrat, ein Dreieck, ein Quadrat, ein Dreieck, ein Meer.
Ich bin ein Meer. Ich. Ein Meer aus Gedanken und Gefühlen. Du, du bist nur verdurstet!

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk von Sophie Stroux ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

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2 Gedanken zu “Ich bin ein Meer

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