Frau Gertrudes Weihnachtsgeschichte

Kurzgeschichte

Jetzt, wo es vorbei ist; Frau Gertrudes Meinung zu Weihnachten.

 

für meine Eltern

Frau Gertrude mochte Weihnachten nicht.
Das beschloss sie, als sie in den Bauch eines behaarten Riesen gedrückt wurde und nur noch Schweiß roch.
Weihnachten war schrecklich, so viel war sicher, warum auch immer sie auf die Idee gekommen war, heute einkaufen zu gehen, niemand sollte heute einkaufen gehen, niemand, es sollte verboten werden, an Weihnachten die Geschäfte überhaupt zu öffnen, um die letzten Restposten für zu viel Geld zu verscherbeln, es sollte verboten werden, nein, man sollte gefälligst einen Volksentscheid gegen Weihnachtsverkauf abhalten, oder besser, Weihnachten generell sollte abgeschafft werden, wer brauchte das schon?
Weihnachten roch nicht nur schlecht, es hatte auch noch zu viele Haare, in die Frau Gertrude gerade gedrückt wurde. Dabei wollte sie doch nur eine Puppe für ihre Nichte!
Der Riese vor ihrer Nase grunzte entrüstet, als die Mutter vorne an der Kasse ihren Geldbeutel nicht finden konnte, und Frau Gertrude drehte angewidert ihren Kopf zur Seite.
Und blickte in die glasigen Augen einer Dogge. Sie blinzelte entgeistert.
Die Dogge blinzelte zurück.
Frau Gertrude blinzelte.
Die Dogge schluckte und ließ lächelnd die orangene Zunge hängen.
Frau Gertrudes Augen weiteten sich, als sie den Speicheltropfen hinterher blickten, die langsam, unglaublich langsam aus den zu tief hängenden Mundwinkeln des Hundes kullerten und schwerelos zu Boden schwebten. Sie glitzerten, leuchteten in allen Regenbogenfarben, tanzten geradezu in der Luft, drehten sich, veränderten die Form von einer Kugel, zu Tropfen, Fäden.
Und trafen auf Frau Gertrudes Schuh.
Auf ihren Schuh.
Den Schuh.
Ein Schrei entwich ihren knitterigen Lippen.
Mit einem Ruck stieß sie sich von dem behaarten Bauch und der tropfenden Dogge weg, stolperte rückwärts über einen Kinderwagen, fing sich an einem Regal ab, merkte noch, wie dieses begann zu schwanken, warf sich dagegen, um das blonde Baby nicht unter dem Regal zu begraben, blieb schweratmend stehen und blickte in die entsetzten Gesichter des gesamten Kaufhauses.
Es regnete Playmobilprinzessinnen. Auf Frau Gertrude, das Baby, die Dogge, den Riesen und die Mutter.
Und Frau Gertrude hasste Weihnachten.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk von Sophie Stroux ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Frau Gertrudes Zugfahrt

Kurzgeschichte

Frohen dritten Advent und einmal heiße Schokolade für Alle. Auch für Frau Gertrude.

Frau Gertrude fuhr rückwärts Zug. Und ihre Mundwinkel wanderten zu ihren Schnürsenkeln.
Es war kein guter Tag.
Sie saß inmitten eines Frauenchores, einem Chor aus alten, lauten Frauen. Sie sangen nicht – zum Glück nicht – aber sie redeten, und das war noch schlimmer. Frau Gertrude wollte nicht wissen, wie groß das Hühnerauge der einen und der kleine Wuffi der anderen war. Das wollte sie nicht und deshab schaltete sie ihr Höhrgerät ab und blickte aus dem Fenster.

Es war Weihnachtszeit, aber noch ein wenig zu grün und jetzt schneite es im Minutentakt – bei jedem Blick aus dem Zug war ein anderes Wetter. Nur grün blieb es. Schlammig grün.
Schnee mochte Frau Gertrude auch nicht, der war ihr zu weiß und zu kalt. Sie mochte Schnee nur, wenn er meterdick und sie selbst im Warmen war – mit einer Kuscheldecke und einer großen Kanne heißer Schokolade.
Die hatte sie jetzt aber nicht. Nur den blöden Chor hatte sie, der jetzt auch noch Rosée-Prosecco auspackte und Zimtsterne verschlang.

Versoffene Hühner!, dachte Frau Gertrude und starrte böse den blauen Bezug ihres Vordersitzes nieder. Das Blau war nicht einmal ein richtiges Blau. Es war eine hässliche Kreuzung aus Grün, Marineblau, Wasserfarben, dreckigem Braungrau und allen ekligen Mischtönen, die im Spektrum der Blautöne lagen. Frau Gertrude fühlte sich plötzlich sehr unwohl auf ihrem Sitz, rutschte auf und ab und blinzelte nervös unsichtbare Tränen weg. Woher wohl das Braun in dem Blau kam?

Der Schaffner kam.
Frau Gertrude verfolgte den Kampf des Schaffners mit der störrischen Tür und lächelte, als sie die Unruhe der Hühner bemerkte. Sollten sie etwa keine Fahrscheine haben? Welch köstliche Vorstellung. Zum Piepen, dachte sie, schLatete ihr Hörgerät wieder ein und streichelte liebevoll über ihr Ticket.
Aber eine der Choristen hielt ihm einen kleinen Papierstapel hin. Naja, vielleicht waren es ja die falschen. Oder die Hühner saßen im falschen Zug. Frau Gertrude freute sich auf alles, was jetzt kommen würde.

„Na, da ist der Abend ja wohl gelaufen“, brummte der Schaffner, als er die Tickets der Frauen inspizierte.
„Wie meinen?“, piepte das Oberhuhn.
„Das ist nicht gestempelt meine Damen. Da müssen sie Strafe zahlen.“
„Rosemarie! Das habe ich dir doch noch in der Mail geschrieben!“, zirpte die Rothaarige über den Gang.
„Oh“, Rosemarie schluckte nervös, „das haben wir in der Eile wohl vergessen…“, sagte sie und blickte nervös an dem Bauch des Schaffners vorbei in dessen Gesicht.
Hach, dachte Frau Gertrude und faltete die Hände vor ihrem Bauch, Popcorn wäre jetzt schön!

 

 

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk von Sophie Stroux ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

 

Abschied

Gedankencrushs

Vielleicht, vielleicht sieht man sich im Sommer,
aus Versehen in der fremden Stadt, so auf der Straße, an der Donau.
Dann sage ich „Hallo“ und du „Oh, Hallo“
Wir gucken beide auf unserer Füße.
„Du bist gewachsen“, sage ich. Du nickst. Und sagst dann „Du nicht“
Ein halbherziges Lachen.
Ich sage, halb zu dir, halb zu der Freundin neben mir, „Wir müssen dann wieder, du verstehst, mein Zug, gleich um Viertel vor.“
Und du sagst, fast erleichtert, „ja, ja, ich auch, Badminton, die warten sicher schon.“
Dann biegen wir beide um unsere Ecken, verschwinden in dem kleinen Städtchen und sehen uns vielleicht nie wieder.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk von Sophie Stroux ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

sie hat von dir geträumt

Gedicht

Hiermit einen herzlich gemütlichen zweiten Advent. Vermisst außer mir noch jemand den Schnee?

sie hat von dir geträumt.
im traum standst du in sommerkleidern, ganz weiß, ein taschentuch in der hand, die haare zerfahren, weit entfernt, in einem wasserfall, gischt unter dir, ein grüner ballon zog an dir vorbei. du hast nicht aufgeblickt.
sie hat von dir geträumt.
du standest da in ihrem traum, mit weißem taschentuch, das nicht nass wurde, immer weiß blieb. hinter dir waberte das durchsichtige grün des wassers, aber du bliebst weiß.
sie hat von dir geträumt.
sie selbst, sie war nur halb, ihr weinen, ihr schreien, halb meterweit entfernt, in halbierten Tränen, in tiefem grün nur halb, war doch nicht da, nicht gehört, nicht gesehen, nicht weiß, nicht ganz, nur halb.
nur du warst ganz da im wasserfall, hast das tuch, dein weißes tuch, betrachtet, dir durch die haare gefahren und all das, all das Wasser, das weiß, all das fehlen und ganz-sein nicht bemerkt.
warum hast du nichts bemerkt?
als der ballon zum zweiten mal vorbeiflog, sie nicht da war und du im wasser standest, als er flog, der grüne ballon, verschluckte ihn der wasserfall. dein taschentuch wurde nass. und sie war wach.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk von Sophie Stroux ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

TaschenTuchTanz

Gedankencrushs

Ein wenig ungeordnete Nachtgedanken zum Weihnachtszeitanfang. Einen wunderschönen ersten Advent!

Die Stadt leuchtet blau und spricht so anders, so betrunken.
Man vermisst nichts, nur seine große Liebe nach dem vierten Jägermeister. Wer hier wen vermisst?, wird gefragt, der Trinkende die Liebe oder die Liebe den Alkhol?
Hinten mimt einer den Affen mit zu hoher Stimme. Wie ein kaputtes Hörgerät sprintet das Geheul durch den Bus.
Niemand weiß was, die Anderen auch nicht. Ich weiß imerhin, dass ihr nichts wisst, erzählt Er Ihr. Und sie lacht, streicht über den blauen Sitzbezug und träumt sich in seine Arme.
Vorbei an scharf. schärfer. Schaf – der besten Pizzaria der Stadt. Zumindest in den nächsten 2 Metern. Davor Jugendliche.
Kopfschmerzen. Und Gehirnschmerzen. Zu viel Lärm, zu viel Unlust. Was will ich hier? Bin ich überhaupt richtig?
Bei Nacht sieht alles gleich aus, jede Straße, jedes Viertel, jede Stadt. Trist, kalt, besoffen.
Vielleicht liegt es auch an mir, vielleicht sind es die Gehirnschmerzen.
Husten von der Seite, ein Taschentuch hastet am Ohr vorbei, fliegt zur Laterne, tanzt zu Chopins Mazurka Op. 68 No. 2.
Ich vermiss dich.
Siehst du den Mond, einen der Monde? Das tanzende weiße Tuch? Vermisst du auch?
Es tut nur noch weh. Kopf, Gehirn, Herz, alles.
Der Bus ruckelt, der Fahrer kaut Kaugummi. Verfängt sich zwischen Rosa und tanzenden Taschentüchern, wartet auf Träume morgen früh.
Wer hier auf wen wartet, fragen sie. Das Tuch auf dich, der Traum auf mich. Wo bin ich?
Eine Riesin steht vor mir. Mit Kameelhaarmantel und Apfeltasche.
Ist das noch die Stadt, schon der Schlaf?
Galoppiert da ein Schaf?

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk von Sophie Stroux ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.