Frau Gertrudes Zugfahrt

Kurzgeschichte

Frohen dritten Advent und einmal heiße Schokolade für Alle. Auch für Frau Gertrude.

Frau Gertrude fuhr rückwärts Zug. Und ihre Mundwinkel wanderten zu ihren Schnürsenkeln.
Es war kein guter Tag.
Sie saß inmitten eines Frauenchores, einem Chor aus alten, lauten Frauen. Sie sangen nicht – zum Glück nicht – aber sie redeten, und das war noch schlimmer. Frau Gertrude wollte nicht wissen, wie groß das Hühnerauge der einen und der kleine Wuffi der anderen war. Das wollte sie nicht und deshab schaltete sie ihr Höhrgerät ab und blickte aus dem Fenster.

Es war Weihnachtszeit, aber noch ein wenig zu grün und jetzt schneite es im Minutentakt – bei jedem Blick aus dem Zug war ein anderes Wetter. Nur grün blieb es. Schlammig grün.
Schnee mochte Frau Gertrude auch nicht, der war ihr zu weiß und zu kalt. Sie mochte Schnee nur, wenn er meterdick und sie selbst im Warmen war – mit einer Kuscheldecke und einer großen Kanne heißer Schokolade.
Die hatte sie jetzt aber nicht. Nur den blöden Chor hatte sie, der jetzt auch noch Rosée-Prosecco auspackte und Zimtsterne verschlang.

Versoffene Hühner!, dachte Frau Gertrude und starrte böse den blauen Bezug ihres Vordersitzes nieder. Das Blau war nicht einmal ein richtiges Blau. Es war eine hässliche Kreuzung aus Grün, Marineblau, Wasserfarben, dreckigem Braungrau und allen ekligen Mischtönen, die im Spektrum der Blautöne lagen. Frau Gertrude fühlte sich plötzlich sehr unwohl auf ihrem Sitz, rutschte auf und ab und blinzelte nervös unsichtbare Tränen weg. Woher wohl das Braun in dem Blau kam?

Der Schaffner kam.
Frau Gertrude verfolgte den Kampf des Schaffners mit der störrischen Tür und lächelte, als sie die Unruhe der Hühner bemerkte. Sollten sie etwa keine Fahrscheine haben? Welch köstliche Vorstellung. Zum Piepen, dachte sie, schLatete ihr Hörgerät wieder ein und streichelte liebevoll über ihr Ticket.
Aber eine der Choristen hielt ihm einen kleinen Papierstapel hin. Naja, vielleicht waren es ja die falschen. Oder die Hühner saßen im falschen Zug. Frau Gertrude freute sich auf alles, was jetzt kommen würde.

„Na, da ist der Abend ja wohl gelaufen“, brummte der Schaffner, als er die Tickets der Frauen inspizierte.
„Wie meinen?“, piepte das Oberhuhn.
„Das ist nicht gestempelt meine Damen. Da müssen sie Strafe zahlen.“
„Rosemarie! Das habe ich dir doch noch in der Mail geschrieben!“, zirpte die Rothaarige über den Gang.
„Oh“, Rosemarie schluckte nervös, „das haben wir in der Eile wohl vergessen…“, sagte sie und blickte nervös an dem Bauch des Schaffners vorbei in dessen Gesicht.
Hach, dachte Frau Gertrude und faltete die Hände vor ihrem Bauch, Popcorn wäre jetzt schön!

 

 

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk von Sophie Stroux ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

 

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4 Gedanken zu “Frau Gertrudes Zugfahrt

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