Füsche und Quallen, Part 1

Kurzgeschichte

Hier eine Antwortgeschichte auf einen wundervollen Text, in dem sich die Protagonistin fragt, ob man in Telefonzellen tauchen kann.
Ja, man kann. Natürlich kann man das.
Der Text ist noch nicht fertig, aber ich wollte ihn trotzdem mit euch teilen – vielleicht hat jemand ja eine Idee wie es weitergehen wird?

Sie sieht Fische. Überall Flossen und Kiemen und Regenbogenfarben, die im Dunkeln leuchten. Sie sieht Fische zwischen Korallen, zwischen Felsen, zwischen Fischen, sie sieht einen riesigen Fischhimmel, der schwimmt, flüstert, schillernd tanzt.
Man kann in Telefonzellen tauchen.
So viel weiß sie jetzt, jetzt wo sie zwischen Fischen schwebt. Die Fische glotzen hinein, durch die altmodischen roten Gitter der aus London entflohenen Telefonzelle, glotzen wie in der alten Geschichte. Und sie glotzt ein wenig zurück, raus aus dem Licht, hinein ins Dunkel, erkennt keine bekannten Gesichter und erinnert sich erst als ihre Finger den Staubsand auf der Ablage durchfahren, weshalb sie in der roten Telefonzelle ist.
Es ist nicht meine Schuld, denkt sie, während sie sich an die versandete Scheibe lehnt, ganz rechts, obwohl es ja eigentlich kein rechts mehr gibt, so im unendlichen Ozean, aber es ist ein rechts, das beschließt sie. Ein rechts neben der Ablage.
Sie sinkt nur langsam und obwohl es innen behaglich ist und sie nicht friert, fürchtet sie sich, denn sie weiß nicht, ob es immer so warm bleiben wird, ob ihr englisch rotes Tauchboot eine Landung überleben kann.
Sie weiß es nicht, weil sie noch nie in einer Telefonzelle getaucht ist.
Sie weiß es nicht, weil sie nicht weiß, ob sie wirklich gerade taucht oder träumt.
Sie blickt auf die Muster in dem Sand, den jemand in der Telefonzelle vergessen hat, den der Wind hinein gebracht und niemand wieder hinaus gebracht hat. Und sie denkt an grüne Augen, die sie vermisst. Denn ihre eigenen Augen, die sind nicht grün genug, die sind wässrig, mal blau mal grün, aber niemals meeresfarben.
Und deshalb versteht sie es nicht. Versteht nicht, weshalb sie in dieser Telefonzelle taucht – wo sie doch keine Meeresaugen hat.
Draußen zieht ein kleiner Quallenschwarm durch den Fischhimmel.
Sie ist hier, weil sie wissen wollte wie es ist, sich in einen Fischhimmel zu verirren und tatsächlich ist es wohl doch ihre Schuld, dass sie jetzt in einer tauchenden Telefonzelle sitzt und wartet. Nicht, dass sie sich wirklich unschuldig gefühlt hätte. Aber falls jemand sie oder sie sich selbst später fragen sollte, dann war es wohl ihre Schuld.
Ein Kalamari winkt aus dem Meeresdunkel.
Das Problem ist, denkt sie, dass man in einer Telefonzelle tauchen kann, aber nicht lenken. Und außerdem gibt es keine Uhren in Telefonzellen und das ist es, was sie am meisten stört.
Denn ein Blick auf eine Uhr und sie wüsste, wann es Zeit wäre, egal für was, denn zu wissen, wann es Zeit ist, ist wichtig, vor allem, wenn man zu viel davon hat. Dieser Gedanke spukt in ihrem Kopf und sie weiß nicht genau, woher er kommt, vielleicht aus einem Buch, oder auch von ihr, auf jeden Fall, erinnerte er sie an Alice im Wunderland und plötzlich fühlt sie sich ein bisschen wie Alice, bloß älter. Aber neben ihr steht kein Trank, liegt auch kein Kuchen, der sie größer oder kleiner machen könnte und sowieso würde sie das gar nicht wollen, denn dann würde sie vielleicht die Telefonzelle sprengen und das Dunkelwasser hineinfließen und ob man auch ohne Telefonzellen tauchen kann, das weiß sie nicht.
Deshalb schiebt sie die Alice-Gedanken zur Seite und blickt einem Fischschwarm hinterher. Im Licht ihres Bootes schimmern ihre Rücken leicht, wirkt der Schwarm wie ein großes Gemälde
Und erst so, als sie in das Dunkelmeer aus Blau und Grüntönen blickt, erinnert sie sich an das Telefon, das es in ihrem roten Untermeeresboot geben muss.
Sie sieht sich um und ihre Augen, ihre nicht meeresfarbenen Augen, finden tatsächlich einen Telefonhörer, eine schwarzen, altmodischen, mit Drehscheibe. Eine Telefonzelle aus London mit Drehscheibe, denkt sie, romantischer geht es nicht. Aber was soll sie tun. Sie ist nicht für die Romantik verantwortlich auf diesem Tauchgang. Sie wollte nur wissen, ob man hier und so tauchen kann und nicht, wie romantisch das ist.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk von Sophie Stroux ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

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17 Gedanken zu “Füsche und Quallen, Part 1

  1. … und tauchen kann man tatsächlich in einer Telefonzelle. In dieser Telefonzelle aus der sie all die Fische sieht. In dieser Telegonzelle in der unter dem Hörer ein Telefonbuch hängt. Sie weiss nicht ob es in roten Telegonzellen gelbe Telefonbücher gibt. Sie weis nicht ob es dort schwarze gibt. Sie weiss nur das diese Telefonzelle tauchen kann und sie weis das man Telefone benutzen kann. Zum telefonieren nur ein Telefon braucht. Denn Telefone funktionieren auch beim Tauchen. Sie überlegt noch kurz wie es war an der Ziffernscheibe zu drehen. Doch nicht so wie Fahrrad fahren. Mann kann alles verlernen. Auch wenn ein Rad dran ist, denkt sie sich.

    Sie wählt eine Nummer, sie wählt eine Nummer die nur sie weis. Ein Fisch geht ran. Einer der vielen die sie gesehen hatte. Sie sieht ihn wieder. Sie sieht ihn aus der Telefonzelle an den Hörer seines Handys rangehen. Haben Handys unter Wasser empfang, fragt sie sich. Sie fragt sich ob sie den Fisch fragen kann der sie anschaut und am Hörer ist. Sie ruft ein „Hallo“ in den Hörer. Alle Fische verschwinden plötzlich und sie, sie wacht auf und weiss das ihr Bett keine Telefonzelle ist. Schon gar keine rote! Aber sie weiss auch, das ihr Bett keine Nasszelle ist, in der man nicht tauchen kann. In das Wasser immer noch aus der Duschbrause spriest. Unter die sie aufgewacht ist. Auch wenn es nicht ihr Bett ist und sie trotzdem hier aufgewacht ist keine Fische zieht, das Blut an der Stirn das einzige rote ist und man mit so grossen Beulen tauchen kann. In Nasszellen in denen man aufwacht und immer noch am sterben isr. BOOM! :-)

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  2. Ui, wie schön. Das nenne ich mal gelungen inspiriert – vielen Dank für die Fortsetzung!
    Und mit dem mit Fischen telefonieren bist Du doch erstaunlich nah an meinem Schreibplänen.

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    1. Ohmann… Jetzt wo ich nüchtern werde… merke ich wie Dick meine Finger sind, wie ungeeignet fürs vom Handy Texte runtertouchen… :-)

      Ich merke auch, dass ich den Text nüchtern immer noch feiere!!! Mehr solche Aktionen!!

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      1. Und Nichtschwimmer-Telefonzellen sind noch feiger, lieber Herr Seehund, sind sie doch nur einfach zu faul, einfach loszutauchen. Und im Notfall müssten sich die eben auch nur Schwimmflügel anziehen – leihen Sie doch Ihre Schwimmflügel der nächsten Telefonzelle, die Sie treffen. Vielleicht dürfen Sie dann ja mit auf die Reise!

        Danke für die lieben Kommentare, das freut. Umso mehr freut, dass der Text gefällt.
        Nicht-Nichtschwimmer Grüße,
        Philo

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      2. Es soll Handys geben, die auch tauchen können, allerdings sollten Sie sich im Voraus mit Ihrem Telefon der Wahl unterhalten, ob es sich so ein Abenteuer zutraut. Kleiner Schwimmübungen wären vielleicht angebracht. Dann kann es auf in die weite Welt, ähem, das weite Meer gehen.
        Verallgemeinernd kann man natürlich nie garantieren, dass ihr Handy mit einer solchen Belastung wirklich klar kommt, aber ein Versuch ist es sicher wert…

        Die Geschichte hätte mit Handys allerdings wohl nicht so gut funktioniert. Zu modern, zu wenig Geheimnis und, das ist das aller wichtigste, kein abgeschlossener Raum, in dem die Protagonistin sitzen könnte.
        Außerdem; kann ein Handy ein englisch-rotes Unterwasserboot sein?

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  3. “ Und außerdem gibt es keine Uhren in Telefonzellen und das ist es, was sie am meisten stört.
    Denn ein Blick auf eine Uhr und sie wüsste, wann es Zeit wäre, egal für was, denn zu wissen, wann es Zeit ist, ist wichtig, vor allem, wenn man zu viel davon hat. “ diese Passage ist so aus dem reinen Leben gegriffen, wunderbar, denn für all die vielen, vielen Unwichtigkeiten ist es besonders wichtig zu wissen, wann es Zeit ist, um sich unsinnigerweise mit diesen zu beschäftigen. :-) LG

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