Unter Milchhimmeln

Kurzgeschichte

So, wer sich noch erinnern kann, kennt noch den Milchhimmeltext, der Anfang April entstanden ist. Und der liebe Kleine ist mir so ans Herz gewachsen, dass ich ihn weiter geschrieben habe und er jetzt als Prolog für eine (noch) kurze Geschichte dient.

Hier nun die ersten paar Seiten;

 

Unter Milchhimmeln

Prolog

Deshalb träumen wir in Halbsätzen. Die Matratze knarzt, Schritte auf alten Treppen, lautes Lachen und falscher Gesang, Traummomente, ein Lächeln zu ihm, ein Moment der Ruhe und dann plötzlich Musik.
Mit offenen Augen halb schlafend lauschen wir unbetrunkenen Klaviermelodien, vertreiben Schlafsand aus den Augenenden und tapsen leise hinaus auf diesen Balkon mit dem einen weißen Stuhl. Es ist kalt, zu kalt, aber warm für April und die Stimmen schwanken mit den Klaviertönen über den Hof, hin zu uns, die wir zitternd in den Himmel schauen. Die Sterne sind milchig heute, vielleicht weil April doch noch zu früh ist, um nachts Musik zu hören, vielleicht auch, weil die letzten Tage die Stadt auch schon unter diesem Milchhimmel ertrunken ist. Nachts sehen wir zumindest Sterne hindurch blitzen.
Ein Ruf treibt durch die Nacht, exotisch und wild und wir meinen Papageien in dem grünen großen Baum zu sehen. Ebenso grün wie die Blätter sitzen sie dort, schwanken im Schlaf zu der Musik und rascheln unruhig mit den Flügeln. Nur der eine Schlaflose sitzt still, beobachtet uns, aber wir sind die Dunkelheit nicht gewohnt, sehen nur grün und schwarz.
Er grinst. Er weiß, wo der Papagei wacht, kann sogar die Worte verstehen, die gesungen werden.
Er spitzt die Ohren, fast schon immer tut er das, und er weiß auch, dass wir seit Nächten nur in Halbsätzen träumen, manchmal sogar auch denken, er weiß, dass der Himmel milchig ist, bevor wir aufschauen, er weiß, dass diese Stadt ein Dschungel ist, bevor wir ihn sehen.
Er sitzt neben uns, der Tiger. Seine Augen spiegeln die hellen Fenster wider, in denen Klaviere spielen und Champagner fließt, und er grinst. Sein Fell ist milchig wie der Himmel über uns, milchig wie diese Stadt, aber ihn stört das nicht, er ist kein orangener Tiger, er braucht keine fiesen Streifen.
Hinter uns ein Flattern. Ein Flamingo steckt den Kopf zwischen die Flügel und blinzelt zwischen den Federn uns zu, sein Rosa nur schwach unter dem Himmel und seine Beine ein wenig zu dünn, aber er steht und schläft.
Das Fell des Tigers ist weich und als uns irgendwann doch die Augen zufallen, sehen wir noch einen grünen Papagei vor den hellen Fenstern. Wir sehen seinen Blick und versuchen zu träumen unter diesen milchig schwarzen Sternen.

 

 

Stoffunendlichkeiten

Sie beschließt Curry zu kochen, weil man da viel machen muss, Karotten raspeln, Zucchini schneiden, Auberginen  würfeln und dann alles schön lang köcheln. Aber es hilft nichts, egal, wie viel Currypulver sie in die Pfanne pudert, egal, wie oft sie umrührt und probiert; Sie blickt immer wieder zu ihrem Handy, wartet auf eine Nachricht, nur eine einzige Nachricht, wartet. Und selbst wenn sie nicht auf den Bildschirm blickt, dann denkt sie, stellt sich vor, was in dem Text stehen könne, falls jemals einer kommen sollte.
Dabei weiß sie, dass er immer Tage braucht um zu antworten. Nicht, weil er sie nicht mag, sondern weil er so ist.
Aber heute, heute ist das anders, irgendwas ist anders als sonst, und sie weiß nicht, ob das nur an dem überwürzten Curry liegt, aber ihr ist schlecht.
Und meistens ist ihr Magen das, was bei alten Leuten der kleine Zeh ist, der juckt, wenn Regen aufzieht. Ihr Magen, dem wird schlecht, wenn es regnen wird, wenn etwas Unvorhergesehenes passieren wird.
Und er fehlt.
Sie weiß, dass ihr nicht schlecht sein sollte, denn wahrscheinlich ist er nur zu den Bäumen, um mit den Papageien zu reden, so wie er es an Regentagen immer macht, weil sie da in den Bäumen sitzen, grün in grün, und sich über seinen Besuch freuen. Aber ihr Magen scheint das nicht zu verstehen und verknotet sich weiter.

Später liegt sie in ihrem zu großen Bett, betrachtet die zu weiße Bettwäsche und vermisst.
Sie schläft zu Musik ein und in ihren Träumen tanzen grüne Vögel auf einer großen Bühne zu Chopins Mazurken. Sie sitzt dahinter, hinter der Bühne und dirigiert die Tänzer, die sie doch nicht sehen, aber sie weiß, dass sie nicht aufhören darf, weil sonst die Musik stoppen würde, die von irgendwo kommt, vielleicht aus dem dunklen Zuschauerraum.
Zwischen den Tänzern sieht sie dann plötzlich Streifen, Tigerstreifen, aufblitzen. Aber als sie versucht, näher zu gehen, stolpert sie über die Ausläufe des riesigen Vorhangs und fällt und wird umhüllt von schwerem Stoff, nur ihr Arm dirigiert noch, kann nicht aufhören, und sie fällt weiter in Stoffunendlichkeiten, zieht vorbei an Dunkelrot und Faltenbergen, ein wenig wie Alice in ihrem Wunderland, nur kopfüber. Und plötzlich kommen ihr Papageien entgegen, manche mit Gamaschen und schwarzen Zylindern, und tanzen immer noch zu der Musik, die sie dirigiert und plötzlich verändern die Vögel ihre Farbe, werden sandfarben und der Zylinder wird zu schwarzen Streifen und als sie meint, nur noch Tiger zu sehen, die grinsend an ihr vorbei tanzen und sie dennoch ignorieren, ist sie wach.
Es ist noch grau vor dem Fenster, der Anfang eines guten Tages. Und sie will über seine Ohren streichen, fasst in Laken und erinnert sich erst dann, dass er ja weg ist, schluckt ein Seufzen, richtet sich auf und blickt noch einmal in das Grau. Vielleicht ist es doch nicht der Anfang eines guten Tages.
Im Radio läuft nur traurige Musik und frustriert beißt sie in das labbrige Toastbrot, weil der Toaster streikt und verdammt, warum muss man auch immer mit Melancholie bombardiert werden, die alle in melancholische, willenlose Zombies verwandelt, und niemand will das einsehen, niemand, nur sie sieht das und deshalb wird sie den Toast nicht essen, wird ihn einfach wegwerfen, weil sie erkannt hat, dass das gar kein Essen ist, nein, sondern einfach nur Pappe in Brotform und das Radio wird sie aus dem Fenster werfen, jetzt gleich, diese verdammte Melancholie und zieht den Stecker.
Sie hält inne. Ha, so geht es auch, vielleicht ist das sogar besser. Ein Radio besitzen und es aus Protest nicht zu benutzen. Das ist viel provozierender als, als…
Sie seufzt und starrt in ihr volles Glas Milch.
Es ist der falsche Tag. Das hat sie jetzt bemerkt. Der falsche Tag, um ruhig zu sein.
Tage, an denen sie ihr Brot wegwirft, sind entweder sehr gut, oder sehr schlecht. Wenn sie dann auch noch das Radio wegwerfen will, dann ist es ein schlechter.
Vielleicht sollte sie es wirklich mal entsorgen. Es ist nicht einmal schön, beigebraun-Kamelfarben mit einer Alienantenne. Eine Freundin hat es mal Siegfried getauft, so Abends bei Rotwein und verkochten Nudeln. Und Siegfried hat bis jetzt all ihre schlechten Tage überlebt. Obwohl er hässlich ist. Aber jeden Wohnung braucht ein Alien, einen Siegfried. Allein, damit man an Rotweinabenden was zu lachen hat.
Tiger hat sich an den Abenden meistens in Büchern vergraben, aber an dem Siegfriedabend war er dabei. Er war es auch, der sich am nächsten Morgen an den Namen erinnern konnte und das Radio auch danach noch fast liebevoll anredete. Wenn er das Radio andrehte, kam auch keine melancholische Musik, ihn mochte Siegfried wahrscheinlich.
Sie trinkt ihr Glas aus. Weg mit den Gedanken an ihn, er wird schon wiederkommen. Wie jedes Mal. Sicher.
Sie steht auf. Räumt rum. Duscht. Zieht sich an. Putzt die Wohnung. Blickt auf das Thermometer. Zieht sich um. Gießt sich einen Orangensaft ein. Und setzt sich.
Sie blickt auf ihre Fingernägel, die noch verblättert orange sind, kratzt am rechten Daumennagel. Es sieht fast aus wie ein Mond, der Fleck Orange, wie ein Mond am Sonnenuntergangshimmel. Zumindest ein bisschen. Sie kratzt noch ein wenig Farbe ab. Schenkt sich nochmal Milch ein. Und blickt zum Fenster. Immer noch grau draußen. Zu Grau. Ihr Zeigefinger links ist etwas schief. Schiefer als der Finger rechts. Ob das so gehört? Vielleicht hat sie eine Fehlhaltung. In den Fingern. Bestimmt gibt es sowas. Fehlhaltung. In den Zeigefingern.
Ach, sie braucht Musik. Egal wie melancholisch, schlimmer als das Wetter kann es nicht sein.
Sie steckt das Radio wieder ein. „…zeitweise auch fast klar, nur tageweise Regen, ansonsten schön. Wir wünschen Ihnen einen wunderschönen…“ Sie schaltet auf Musik um. Schöner Tag! Bitte, wer konnte dieses Grau nur schön finden. Aus ihrem Milchhimmel ist eine Bleikuppel geworden, die sich weigert zu weichen. Sie hasst Blei. Milchhimmel waren schön, beruhigend, geheimnisvoll. Sie liebt diese hellgrauen Tage. Aber diese dunkle schwere Wolkenmasse hatte damit nichts gemein. Sie hält die Stadt in einem Würgegriff, schluckt jedes Licht und alle schönen Geräusche. Kein Wunder, dass er da geflohen ist.
Sie blickt auf ihr Handy. Aber das spiegelt nur zurück und zeigt keine Worte. Vielleicht sollte sie doch raus, raus aus der Wohnung, rein in das Blei. Vielleicht findet er ja nur nicht mehr zurück. Vielleicht war er gar nicht geflohen, sondern hatte sie nur verloren. Vielleicht braucht er bloß Hilfe!

Die Straße ist noch grauer als der Himmel und als sie über das Kopfsteinpflaster geht, sind sogar die Menschen grau. Sie plustert ihre Backen auf und wärmt ihre Hände in ihrer grünen Jacke, damit zumindest die ein wenig Farbe sehen.
Sie weiß schon, wie sie ihn wiederfinden und wie er sie wiederfinden wird. Theoretisch könnte sie auch zufällig über ihn an einer Dönerbude stolpern, wo doch alle immer an Dönerbuden stehen in dieser Stadt. Aber über diese Idee hätte er nur gelacht. Und es ein wenig beleidigend gefunden. Wo sie doch weiß, dass er Vegetarier ist, schon immer war, schon sieit sie sich kannten und das war ja quasi schon immer. Er isst nicht einmal Hühnchen, obwohl man das ja schon nicht mehr Fleisch nennen kann, wie sie schon mehrmals festgestellt haben.
An der Ecke zum verlassenen Kinderspielplatz blickt sie sich unauffällig um, ob sie jemand sehen kann, denn nur dann funktioniert das und dreht sich beruhigt wieder um, als sie den alten Mann auf seinem Balkon mit Mops im Arm sieht, die sie misstrauisch beäugen. Auf die alte Wippe mit den vielen Splittern, auf der sie sonst so oft sitzen, legt sie einen Schokokeks, genau hinter den roten Griff. Wartet dann kurz, aber wie gedacht reicht ein Keks allein nicht aus. Sie lächelt, vielleicht zum ersten mal an diesem Tag, als sie den Blick des Mopsmannes sieht. Dessen Hund verschwindet vermutlich nie, weil er an der Leine spazieren geht und wenn, dann kann man ihn mit einem „Hier her!“ wieder anlocken. Oder mit glitschigem Nassfutter. Der Mann hat vermutlich noch nie versucht einen Freund wieder zu finden.
Sie winkt Mann und Mops und biegt um die Ecke.
Bei Rosies Gemüseladen versteckt sie unauffällig eine Packung Marshmallows zwischen den Kokosnüssen und zwei Teelichter bei den Maracujas. Ungegrillt mag er Marshmallows nämlich gar nicht, da sind sie ihm zu Badeschaum-ähnlich. Danach kauft sie sich selbst noch eine Papaya als Tarnung.
Bei der großen Kreuzung, der mit den immer roten Ampeln, steht sie wieder zwischen Massen da und so zwischen den anderen Köpfen blickt sie zum Himmel, um das Blei zu inspizieren und hat plötzlich ein Flamingogefühl. Ein Blick in ihrem Nacken, der sich so rosarot anfühlt und mit zu langem Hals geworfen wird. Sie wendet langsam ihren Kopf und sucht die Menge nach Rosa ab. Die Frau mit den roten Locken ist es nicht, viel zu lockig, das Kind auch nicht, zu kurzer Hals, und der Opa kann nicht einmal gerade gucken.
Eine Reihe weiter hinten sieht sie einen Mann in rosa Pullover, mit winzigen Augen und langem Gesicht. Als sie ihn anblickt, guckt er weg, wird leicht rosa an den Backen, der Flamingomensch.
Sie starrt ihn an, obwohl es eindeutig nicht der Flamingo vom Dach letztens ist, er eine ganz andere Farbe hat und sie so gar nicht anblinzelt, aber was sucht er hier, hier auf der Kreuzung, mitten in der Stadt? Warum ist er da, warum er statt Tiger und was soll diese merkwürdige Farbe, richtige Flamingos sind doch zartrosa und nicht so pink!
Die Ampel wird grün und sie stürzt los, weg von dem Dschungelvogel, hin zu ihrer Wohnung und sieht noch, halb aus den Augenwinkeln, wie die Frau neben dem Flamingo lächelnd in einen Schokokeks beißt. In Tigers Schokokeks.

 

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk von Sophie Stroux ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.