rosmarin-zigaretten

Dieser Text hätte schon lange hier landen können. Hatte aber wohl keine Lust, der faule.

rosmarinsträucher in paarbündeln auf holztischen im gewittersommer. es donnert, riecht nach tief fliegenden schwalben und noch trockenem kies. zigarettenqualm zieht aus schwarzen packungen herüber, fast so dunkel wie die wolken über den gewellten ziegeldächern.
auch unter sonnenschirmen wird die luft kalt. und durch das zigarettenglimmen nicht viel wärmer. du überschlägst die beine, weil du so nicht ganz so frierst, denkst an italien und wie gerne du jetzt dort wärest und nicht hier, im aufziehenden gewitter, zwischen rosmarin und fremden zigaretten.
dein gegenüber ist alt und makellos, die dürren finger perfekt manikürt und es meditiert während es raucht. vielleicht denkt es auch nur, auf jeden fall blinzelt es nicht. du glaubst, es ist eine frau, sicher bist du dir nicht.
du versuchst rosmarin zu riechen und nicht zigaretten, schließt die augen und suchst nach frühlingserinnerungen und findest nur welche aus kaschmir, viel zu weich für frühling, und dann welche aus meerwasser, viel zu salzig für frühling. alles mehr wintererinnerungen und dann räuspert sich die frau, nicht unhöflich, aber auf sich aufmerksam machend, und blickt dir in die augen mit einem grauen blick während sie die zigarette auf den kies rieseln lässt.
„ich hatte mal einen falken“, sagt sie und und blickt der asche hinterher. „ich hatte mal einen falken. er hieß bernd“
du kannst dir gut vorstellen, wie ihr falke auf ihrer schulter sitzt, so grau zu grau, farblich abgestimmt zu ihrer weste.
„er war ein wunderschöner vogel. so ruhig.“ sie nimmt noch einen zug. „und trotzdem aggressiv. ein guter vogel.“
in der brust dieser frau sitzt sicher auch ein grauer falke und nagt an einer toten maus. sie blickt dich an. und du zwingst dich, kurz zurückzublinzeln, dann wandern deine augen hinüber zu den balkonen des hotels, aber niemand blickt raus in den hotelgarten, hin zu euch unter dem großen kamelfarbenen schirm.
wie musik beginnt es auf den kies zu tröpfeln. aber jetzt aufstehen wäre unhöflich, das weißt du genauso gut wie die frau. vermutlich weiß das sogar ihr toter falke. bernd.
„er trug die ersten jahre immer eine maske.“ und du denkst bei maske kurz an eine zorro-maske und musst lächeln.
„aber dann konnte er auch ohne geführt werden. so schön ruhig.“ sie schüttelt den kopf. „so einen vogel hatte ich nie wieder.“ dann blickt sie in den grauen himmel „waren sie schon einmal auf der jagd?“, fragt sie, so halb in das grau, halb zu dir.
du guckst ihrem blick hinterher. „ich habe schon einmal…“, sagst du.
„tatsächlich“ der blick der frau ist zu dir zurückgekehrt und mustert dich. eine hand streicht durch die haare und über die verblüfften augenbrauen. ihre haare sind zu blond für ihre hände, zu jung für diese schon faltige haut. und trotzdem wirkt sie perfekt.
„mit meinem mann habe ich ja immer rebhühner gejagt. mittlerweile sind sie ja leider so selten. aber damals…“
„ah, perdix perdix“, sagst du da. du wolltest sie eigentlich nicht unterbrechen, eigentlich wolltest du gar nichts sagen.
„tatsächlich“, sagt sie und diesmal bilden ihre augenbrauen zwei fragenzeichen. zwei perfekte fragezeichen. die dich auffordern mehr zu sagen. dabei ascht sie in die rosmarinsträucher.
„das rebhuhn. perdix perdix. vor den 70ern gab es hier in den deutschen wäldern noch sehr viele“
und da lächelt sie. „perdix perdix. sehr schön. mein mann, wissen sie, jagte nicht so gerne.“ und jetzt lächelst du. „aber einmal schoss er ein rebhuhn für mich. es war ein perfekter schuss. mitten ins auge.“ sie blickt dir in die augen.
es blitzt und ihr zuckt leicht zusammen. es wird kälter, jetzt wo das gewitter über euch ist, aber es ist zu spät ins warme zu fliehen. jetzt, wo man schon redet.
„oh, wollen sie vielleicht ein bonbon? ich habe noch welche von meiner letzten reise. kosten sie!“ sie schiebt eine orientalisch anmutende pappschachtel auf den holztisch. du betrachtest kurz diese orangene einladung, lächelst dann und greifst zu ihr hin. eine hand auf deinem arm stoppt dich. und eine andere legt dir ein orangenes bonbon in die ausgestreckte hand.
„hier“, sagt sie nur und legt sich selbst ein weiteres auf die zunge. „aus arabien.“
du schiebst dir das orange in den mund. es schmeckt nach zimt.
„ich war dort in der steppe. sehr spannend.“
das bonbon schmeckt plötzlich trocken. zimtig und nach weiter steppe. arabien.
„dort soll die beizjagd sehr gut sein.“, rutscht es da aus dir heraus. wieder, ohne, dass du es sagen wolltest. liegt das an dem bonbon? oder an den rosmarinsträuchern? „habe ich zumindest gehört.“
„tatsächlich“ sie legt den kopf schief und zündet sich eine zweite zigarette an. ob bonbon mit tabak gut schmeckt? diesmal riecht der qualm fast angenehm, etwas nach sandelholz und du blickst den tabakwolken hinterher wie sie sich in den regenfäden verlieren. es wird stärker. der kies ist schon dunkelgraublau.
„ich war tatsächlich jagen dort. sie haben sehr gute falken. schön aggressiv“
„tatsächlich?“, antwortest du und schiebst das orange von rechts nach links. ihre fingernägel sind frühlingsfarben lackiert. ein marillen gelborange. passend zu dem grau der weste.
„ja, ein scheich lieh mir einen seiner falken. hellgrau, sehr intelligent“ sie tippt mit der zigarette auf den rand des aschenbechers. er steht in der mitte des tisches, etwas näher bei dir. ihre nägel sind doch mehr orange als gelb.
„es war ein würgfalke. wussten sie, dass man diese tiere auch sakerfalke nennt? man sagt, sie heißen so, weil sie so wertvoll sind, abgeleitet…“
„von dem lateinischen sacer, was so viel wie heilig bedeutet.“
sie lächelt leicht und nickt. „sie sind so schön schnell. schnelle reaktionen. sehr schön.“
und du blinzelst verwirrt. sie mustert dich.
„wie bitte?!“, fragst du und schluckst. das bonbon schmeckt zu trocken und bleibt in der linken backe kleben. meinte sie dich?
„haben sie schon einmal einen würgfalken fliegen sehen?“ sie nimmt einen zug und atmet durch die nase aus.
du atmest auch aus. „nur turmfalken und merline. sehr schön im sturzflug.“
„im sturzflug sind sie wunderschön. fast graziös, da haben sie ganz recht.“, sagt sie und spreizt ihr zigarttenfreie hand. fast wie ein flügel sieht es aus. und du frierst ein wenig.
„wissen sie, ich habe ein wundervolles landhaus. alles noch holz.“ sie drückt die zigarette aus und die krümel verglühen in dem aschenbecher.
du blickst ihr ins gesicht und sie blickt zurück ohne zu blinzeln. ihre augen sind jetzt fast blau.
„kommen sie, ich würde mich freuen.“ sie atmet ein, atmet den rosmarin und dich, dann steht sie auf, tritt an dir vorbei unter dem kamelfarbenen sonnenschirm hervor und du glaubst ihr perfekte hand im nacken zu spüren. dann ist sie weg.
du blickst zum himmel auf.
der regen ist vorbei.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk von Sophie Stroux ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

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3 Antworten auf “rosmarin-zigaretten”

  1. Bei längeren, schönen Texten, wie diesem, kam mir gerade der Gedanke, dass ich persönlich kurzzeitig dazu verleitet wurde, Passagen zu überspringen, weil Du alles in Kleinschreibung verfasstest. Ich tue mich etwas schwerer damit. Dies nur als Gedankenanstoß, ich weiß nicht, wie Du es siehst und Deine Lesergemeinschaft es damit hält, ob Stilmittel oder ?
    Liebe Grüße Mies

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    1. Wie gut, dass du das sagst!
      Ich habe das Gefühl nämlich auch langsam bei diesem Text. Als ich den Text geschrieben habe, wirkte es irgendwie einfach richtig alles klein zu schreiben. Aber mittlerweile bin ich da sehr ins Zweifelns gekommen.
      Also; wie schön, dass du das so direkt sagst, das schubst mich noch einmal in Richtung der Entscheidung ihn noch einmal umzuschreiben =)

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