Herr Hund und wie Luiz ihn kennen lernte

Kurzgeschichte

Hier nun also die Geschichte, die ich dem verehrten Herr Hund versprochen habe. Bzw., so ganz ist sie es nicht. Es ist nur das erste Kapitel.
Und jetzt viel Vergnügen bei eurer ersten Begegnung mit Herrn Hund, Luiz und dem Chamäleon.

Luiz lebte in einem grauen Haus in einer kleinen Straße in einem kleinen Ort, der ein Vorort zu einer immer noch kleinen Stadt war. Er hatte keine Geschwister und keinen Hund, nur ein Chamäleon, das sich aber nur wenig bewegte und mit dem er nicht spielen konnte. Manchmal las er Konrad, dem kleinen Chamäleon, Geschichten vor, aber spielen, das konnte Konrad wirklich nicht. Dazu fehlten ihm allein schon die Finger. Wenn Luiz Eltern also arbeiteten und er aus der Schule zurück war, saß er in dem weiten Garten in der Hängematte und beobachtete die Pflanzen und Tiere oder dachte sich Geschichten aus, in denen er nicht in einem zu kleinen Vorort ohne spannende Abenteuer lebte.
An manchen Tagen fuhr er mit dem Fahrrad durch die Straßen des Ortes, um seine beste Freundin zu besuchen. Sie wohnte fast eine viertel Stunde entfernt, aber Mayas Mutter war sehr nett und Maya hatte ein Kaninchen, das Torsten hieß und kleine graue Flecken hatte. Maya selbst hatte rote Haare und zwei Zöpfe und Luiz kannte sie schon seit dem Kindergarten.

Eines Tages traf er auf dem Weg zurück nach Hause Herr Hund.
Es war ein dünner Mann mit weißen Haaren und weitem Mantel, der da plötzlich auf der Straße vor Luiz Haus stand und so gar nicht aussah wie ein Hund. Aber als dieser Herr ihm zunickte und mit einem kleinen Lachen in den Mundwinkeln sagte, dass er ab heute hier wohne, ja heute einziehen würde, stellte er sich mit Herr Hund vor. Und man konnte ihn ja schlecht einfach anders nennen, nur weil er nicht wie ein Hund aussah.
Er hatte weiße struppige Augenbrauen und ein lachendes Gesicht mit weißem Bart, den er manchmal zwirbelte. Zu den weißen Haaren trug er meistens Schwarz, schwarze Pullover und schwarze Hosen und alte braune Lederschuhe. Nur im Sommer tauschte er das Schwarz gegen eine blaue kurze Hose ein und machte einen auf Matrose, weil er früher mal auf einem Schiff gelebt hatte.

Herr Hund zog tatsächlich in den nächsten Tagen ein und holte alte Möbel und angestaubte Stehlampen in sein neues Haus. Von da an wehte an Winterabenden Musik über den Schnee und im Sommer flatterten Bücher in dem Wind, den er immer in sein Haus ließ.
Er winkte Luiz, wenn dieser von der Schule kam und lachte dabei immer. Luiz fand, er sah nach einer Windhose oder etwas anderem Windigen aus, so wie seine weißen Haare immer nach hinten abstanden. Ganz so als wäre bei Herr Hund immer Wind. Luiz fand auch, dass Herr Hund nicht in den Ort passte. Er war zu nett.

Herr Hund besaß keinen Hund, er mochte nicht einmal Hunde wie Luiz später herausfand. Er wohnte in einem zu großen Haus, wie er immer sagte, denn obwohl er sehr groß war, war sein Haus noch größer als er und er lebte alleine, ohne eine noch größere Frau, für die das Haus hätte passen können. Seit er eingezogen war, war es hellblau und hatte einen kleinen gepflegten Garten, denn, so hatte er gescherzt, wie alle Hunde, mochte er natürlich Grünzeug. Dann hatte er allerdings über die verdammten Köter nebenan geschimpft. Vielleicht war das also nicht ernst gemeint gewesen.
Herr Hund hatte außer einem hellblauen Haus auch noch ein Auto, das grau war, regenhimmelgrau, genauso wie sein T-Shirt zu der Sommerhose, aber er benutzte es nie. Nur Sonntags putzte er es immer, sorgfältig und fast liebevoll, aber nur, wenn er glaubte, dass ihn niemand sah. Wenn zufällig jemand vorbeikam, schrubbte er so aggressiv, dass die Felgen quietschten. Vielleicht war das Auto zu alt, oder Herr Hund zu alt für das Auto – jedenfalls bewegte er es nie.

Luiz mochte die Nachmittage, an denen Herr Hund sich über den Zaun zur Straße lehnte und ihn fragte, wie es in der Schule denn so lief und ihm von einer seiner Reisen erzählte. Seine Reisen waren zwar alle schon lange her, aber sie klangen farbenfroh und laut und spannend und erzählten von Hitze, Sonne und Sand. Manchmal kam Herr Hund auch zu ihm in den Garten und sie spielten Karten oder tranken Tee zusammen.
An einem Sonntag zu Beginn des Sommers lehnte Luiz sich dann über Herr Hunds Zaun und nicht Herr Hund sich über seinen eigenen Zaun. Denn Luiz hatte etwas entdeckt, dass ihn erstaunte; Das Regenhimmelauto war weg. Er suchte den kleinen Garten des Hauses mit den Augen ab, nur um sicher zu gehen, aber da war nichts, nur das beißende Frühlingsgrün des Grases und die herein wuchernden Blätter des nebenstehenden Waldes. Vorsichtig lehnte er sein Fahrrad an den blauen Zaun, nicht, dass er die Farbe beschädigte, Herr Hund hatte sehr lange an dem Zaun gearbeitet bis er das perfekte Blau trug. Dann drückte er von außen die Klinke des Gartentors und trat ein.
Ein bisschen unangenehm war ihm schon, so ohne Herr Hund dessen Haus zu betreten, aber genau genommen war es ja nur sein Garten und nicht sein Haus und außerdem hatte er ja einen triftigen Grund – das Auto war entlaufen.
Die Garage stand sogar noch offen, so als hätte es das Auto vergessen seine Spuren richtig zu verwischen.
Luiz sah sich kurz darin um. Die Farbe war auch hier noch leuchtend, blendend weiß und eine blaue Tür führte wohl weiter in das Haus. An der Wand lehnte ein altes Rennrad mit Ledersattel und am Ende stapelten sich halbvolle Farbeimer auf einer untergelegten Plastikfolie. Das Auto jedoch, das war weg.
Er ging zur Tür, um zu klingeln und Herr Hund zu informieren, dass er sein Auto wohl einmal zu fest geputzt hatte und es jetzt weggelaufen war, an der Haustür jedoch entdeckte er einen Fetzen Papier.
Es war der Wirtschaftsteil der Zeitung von vergangener Woche, mit einem Stück Klebeband an der Tür befestigt und mit einer schwungvollen Schrift verziert, die jedoch so schwungvoll war, dass Luiz nichts entziffern konnte. Am Ende stand etwas, dass Hund heißen könnte, vermutlich seine Unterschrift.
Luiz starrte den Zettel an. Er kratzte sich am Bein. Blickte an der Wand hoch. Oben waren die Fenster geschlossen. Er klingelte einmal, wartete. Blickte noch einmal die Straße auf und ab, dann ging er zu seinem Fahrrad, schloss die Gartentür und fuhr die letzten paar Meter nach Hause.
Nachts träumte er von einem himmelblauen Hund, der mit einem Auto durch die Luft flog und über dem Meer beschloss, dass es im Wasser viel schöner war und dann abtauchte. Luiz wachte mit einem Luftschnappen auf.

 

 

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