Die wahre Fuge

Kurzgeschichte

Und was gibt es jetzt noch zu sagen?
Ich beobachte den Wind vor den Fenstern, male kleine Kreise in das Plastik des Tisches. Zwei Krähen hüpfen vor dem Waldanfang. Ich warte.

Sie ruft, mit einem leisen Seufzen in der Stimme, und ich tue so als hätte ich nichts gehört, deshalb trägt sie sich heute selbst die Treppen hinunter.
Sie sieht müde aus, lila Halbmonde unter ihren Schildkrötenaugen, aber sie lächelt, setzt sich und trinkt den schwarzen Tee, der gerade noch dampft.
Sie leuchtet heute matt, wie ein einziger Mond aus vielen kleinen Halbmonden, ihr Mund beugt sich zur Sichel beim Trinken.
„Das Teleskop des Chamäleons“, sage ich und schiebe ihr die Schachtel hin.
„Ach,“ sie winkt ab, „so warte doch ganz kurz“.
Doch sie setzt die Tasse halb ab, lässt sie nur knapp über dem Tisch baumeln, über dieser Glätte aus Weiß und blickt auf die Ansammlung blauer Punkte. Mit ihrer Leberfleckenhand massiert sie sich die Schläfe. Sie murmelt leise die Buchstaben, dann nickt sie.
„Das Neonmädel – eile Pechkote“, sagt sie dann langsam. Ich lache. „Du meinst nicht Postbote?“
„Psst!“, macht sie nur und starrt an mir vorbei, um zu denken. Ihr Lippenstift von gestern Abend ist noch rosaleicht und das Parfum duftet entfernt.
„DonMädele: eilt Pechkäsen!“, sie lächelt: „Dein Sacktelephon – o lä(h)me es!“
Wir lachen. Sie nimmt die acht Tabletten in die Hand und legt sie sich einzeln auf die Zunge, schluckt und trinkt Tee.
Ich lege meine Hand vorsichtig auf ihre voller Leberflecken und streichle über ihre kleine Feuernarbe.
Jetzt sitze ich hier, warte auf den zweiten Anruf.
Ich verstehe einfach nicht, weshalb. Weshalb dieser Anruf, weshalb diese Fragen. Es, die große Tat, die ja jemand getan haben muss. Sie selbst kann es ja nicht gewesen sein, sagen sie. Aber was wissen sie schon.
Ich höre kurz meinen Worten in dem zu großen Haus hinterher wie sie die Treppen hinauf und hinab fallen, viel zu laut.
Nein, zu dramatisch, ich muss ruhig anfangen, ruhig bleiben, Ruhe bewahren.

Morgens die rosanen, Abends die eckigen. Immer ein kleines Spiel. Abzählreime, Wortgefechte und Würfelspiele. Am liebsten schluckt sie mit Anagrammen – je mehr sie findet, desto glücklicher ist sie. Ganze Sätze würfelt sie dabei durcheinander, darin ist sie unschlagbar. Aus einem „Eule auf Baum“ macht sie „Umbaufäule“, „Uf, lebe Umbau!“ und „Ume, baue faul!“.
Die Wohnung hallt seit vorhin. Ein bisschen klingt das immer nach Antwort, aber wer soll hier noch antworten?
Ich drehe die Tablettenbox in meiner Hand. „Pechkäse“, sage ich leise. Und das Zimmer spricht noch leiser mit.
Dieser Konzertabend bei meinen Eltern, wunderschön gemütlich und unglaublich langweilige Musik.
Ich sitze alleine an diesem Abend. Zusammen mit meinem Weinglas betrachte ich die Gäste, wie sie ihre Pirouetten drehen, hier eine Hand, da für eine Zigarettenlänge kleine Gespräche, alles dreht sich, immer und immer wieder im Kreis. Es könnte auch ein Abend für modernes Tanztheater sein, es wären die gleichen Szenen.
„Entschuldigung, junger Herr. Kann ich mir vielleicht Ihr Sitzkissen klauen?“, fragt es unvermittelt. Da ist wohl jemand nicht Teil der so lang geprobten Choreographie, denke ich und drehe den Kopf.
Sie lächelt mir entgegen, mit wachem Blick und einer weißen Wellenfrisur. Sie trägt orange, ein schönes Pfirsichorange, und passend dazu eine runde Brille.
„Ach, setzen Sie sich.“, sage ich einem Impuls folgend und stehe auf.
„Das ist aber nett.“ Sie setzt sich freudig überrascht und blickt mir ins Gesicht.
„Hab ich schon einmal ein Kissen von Ihnen geklaut?“
Ich betrachte sie und versuche mich zu erinnern. Mit ihrer Brille sieht sie ein bisschen aus wie ein Eule. Eine sehr gepflegte Eule.
„Nein, ich glaube nicht.“, antworte ich langsam.
„Wie schön.“ Sie lacht und reicht mir die Hand. Ich lächle zurück, leicht perplex, aber ihr Lachen ist ansteckend und ich bringe ihr ein Glas Wein durch die immer noch Tanzenden hindurch.
Sie hat mal gesagt, dass sie mir alles vermachen wolle, vor allem das weiße Haus. Ja wirklich, unser Haus, das mir immer noch antwortet, obwohl sie nicht da ist. Die hellen Wände mit ihren roten Wandteppichen blicken zu mir zurück. Nein, das sollte ich vermutlich nicht laut sagen, die Wände haben recht.
Sie, nach vorne, zur Windschutzscheibe: „Gib mir dein Handy, ich muss noch einen Anruf tätigen.“
Immer das Gleiche. „Kannst du nicht kurz warten?“
„Du kannst mir doch dein Handy geben. Da ist doch nichts dabei.“
Kurzer Blick weg von der Straße in ihr Gesicht. Sie, – in dunkelrotem Kleid und mit neuer Brille – guckt nicht zurück.
„Warum hast du denn nicht angerufen bevor wir los gefahren sind?“
Sie, immer noch zum Fenster: „Ach, da hatten wir doch kaum Zeit. Jetzt gib mir deins. Ich hab dir das immerhin gezahlt.“
Ich sage nichts, starre auf das Kennzeichen vor uns.
Sie, immer noch fordernd, aber leiser: „Bitte…? Jetzt?“

Ich gebe ihr das Handy. Mehr als das leise Bitte werde ich nie als Entschuldigung bekommen.
Sie benutzt diesen Satz immer, wenn ich nicht mache, was sie will. Und ich hasse ihn noch mehr als die Frage zu unserer Beziehung.
Das Handy liegt vor mir, neunzig Grad, der weiße Tisch lässt es noch schwärzer wirken und ich will nichts mit all dem hier zu tun haben. Wann wohl der zweite Anruf kommen wird?
Was soll ich erzählen? Dass sie die letzten Wochen noch kleiner als ein Halbmond war? Dass sie morgens so lange rief, bis ich ihr doch die Treppe runter half? Oder soll ich von dem Morgen erzählen, an dem ihr dann die Wörter fehlten, sie einfach verlassen hatten. An dem sie aus „Oh, wo bleibst du nur?“ nicht mehr „wo Lu bei Dunst bohr(t)“ machte, sondern mich schweigend anblickte, die Augen kurz vor Neumond, und wortlos die Tablettenschachtel nahm, ganz ohne jedes Anagramm.

Ich habe Angst.
Das Haus atmet und spricht in deiner Stimme. Die Treppe knarzt und oben scheinst du noch auf und ab zu gehen. Ich will nicht derjenige sein, der schuld ist. Wer weiß schon, ob es zu viele oder zu wenige Pillen waren? Anagramme hast du schon lange nicht mehr gefunden.
Die Wände starren mich an und das Handy schweigt vorwurfsvoll.
Ab jetzt bist du weg.

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eMMa

Kurzgeschichte

Die Bäckerei, vor der ich stehe, ist klein, hellgrün und in ihr windet sich die Schlange durch die wenigen speckigen Holztische, durch die Glastür und vor dem Geschäft um eine Ecke. Von oben sehen wir wohl aus wie eine Kreuzotter, die sich ihren Weg durch ein Labyrinth sucht, denke ich, eine Kreuzotter und ich bin nur ein kleiner Punkt auf ihrer Haut, die sie bald abwerfen wird.
Ich mag es, zu warten, denn dabei verwandele ich mich von diesem kleinen schwarzen Punkt zu einem Chamäleon, das hier und da den Gesprächen lauscht, die Gedanken anderer mitdenkt und unsichtbar wird zwischen ihnen.
Hinter der Glasscheibe erkenne ich den alten Mann mit seiner Zeitung von gestern und seinem halben Croissant. Schon letzte Woche saß er an dem Tisch vorm Fenster. Ich beobachte die Katze, die sich normalerweise auf den Motorhauben der geparkten Autos wärmt, aber heute die Menschen, die vor der Tür anstehen, misstrauisch beäugt. Hinter mir diskutiert jemand über Blues und vor mir über den Dozenten, der ständig an seiner Brille kaut, wenn er nachdenkt – also immer – und ich merke, wie ich anfange mich einzublenden, Chamäleonfarben annehme, als mich ein Lichtreflex wieder aus der Starre holt.
Es sieht aus wie die Spiegelung der orangen Katze, aber als ich mein linkes Auge zusammenkneife, wird die Katze zu Haaren. Haare?, denke ich kurz verdutzt, und dann gewöhnen sich meine Augen an den Blick durch die Glasscheibe und ich erkenne ein Mädchen.
Ihre rottanzenden Haare sind es, die aus der Schlange hervorleuchten. Das Mädchen ist groß, größer als der Mann hinter ihr mit seinem gelben Pullunder. Und sie tritt nervös von einem großen Fuß auf den anderen, zupft an ihrem T-Shirt herum und blickt sich immer wieder um. Platzangst, denke ich im ersten Moment. Aber das passt irgendwie nicht. Vielleicht ist sie eine von denen, die Warten nicht ausstehen können? Vielleicht kann sie einfach nicht stillstehen?
Wir sitzen in einer Wohnung mit grüner Tür an einem speckigen Holztisch, in den sich Holzwürmer verkrochen haben. „Meine Liebe,“ sage ich über die Erdbeeren mit Milch hinweg und sie lächelt ein dreiviertel Lächeln, ein bisschen schräg und auf keinen Fall ein ganzes Lächeln, sitzt halb auf der Stuhlkante und halb in der Luft. Dass sie nicht runterfällt, wundere ich mich plötzlich, nicke aber zu ihrer stillen Frage und gucke ihr beim Verschwinden hinterher, freue mich, dass sie unterwegs ist und irgendwo zu sein hat, während ich meine Milch mit aufgegessenen Erdbeeren trinke.
Sie sitzt auf dem Fensterbrett mit grünem Rahmen und malt mit schnellen, weiten Strichen auf Papier. Ihre Hände sind schon schwarz und ein paar Punkte haben sich auf ihr Gesicht verirrt. Ihr rotes Haar steht wirr ab, ihr grüner Blick rennt den Pinselschwüngen hinterher. Sie sieht schön aus in dem bunten Licht mit ihren leuchtenden Haaren und mit dieser Ruhe.
Ich sitze ihr gegenüber und bewundere ihre spitze Nase und die Haare, die immer noch ein wenig nach einer Katzenspiegelung aussehen. Der Moment ist fast ein Bild, vielleicht von Rembrandt, schnelle Pinselstriche und trotzdem ruhig.
„Sind wir bald da?“, fragt sie auf dem Weg zu einer Party und ich blicke ihr hinterher wie sie vor mir verschwindet.
„Wir sind zu früh.“, sage ich langsam, aber sie hört nicht. Ich will mich nicht hetzen lassen, will den Moment genießen, bleibe vor einem Schaufenster voller Bücher, die Neuerscheinungen dieses Monats, betrachte, wie sie farblich sortiert zu einer Pyramide aufgestellt sind, verliere mich in dem Bild, und finde mich auf der Spitze der Pyramide wieder wie ich mich bereit mache, auf ihr herunter zu rutschen.
„Emma!“, rufe ich und drehe mich in ihre Richtung, aber sie ist weg und sie antwortet mit einem „Komm doch!“ zwei Straßen weiter, sie wartet nicht.
(Sie will so schnell wie möglich da sein, wo auch immer)
Ich bleibe noch einen Moment vor dem Schaufenster stehen, blicke auf die Buchrücken und erkenne einen meiner alten Freunde, der sich irgendwie zwischen all die neuen Bücher geschlichen hat.
„Sofern sie Emma hießen…“, sage ich leise zu den Buchdeckeln, vielleicht verstehen sie mich ja. Vermutlich wissen sie mehr über Emmas als ich.
Ich wende mich ab und folge mit einem leisen Seufzen Emma, die schon lange um zwei Ecken verschwunden ist.
„Emma“, sage ich und sie blickt auf, sucht aber mit ihren Händen weiter hektisch nach Schlüssel oder Handy oder was auch immer sie sucht.
„Emma“, sage ich, „Wir haben noch Zeit. Lass uns doch einen Tee trinken.“
Sie schüttelt nur den Kopf und richtet ihren grünen Blick wieder auf die Kommode. „Wir sollten pünktlich sein, man weiß ja nie.“
„Aber Emma…“, setze ich an, sie aber hebt ihre Sonnenbrille hoch und sagt: „Ich hab sie, wir können los!“
Sie ist nie da.
(Bald da sein, heißt nur, nirgendwo jetzt zu sein.)
„Emma“, sage ich, „Emma, weißt du, dass du bei Morgenstern eine Möwe bist?“
Und sie blickt zu mir, während sie sich schminkt.
„Eine Möwe? Findest du?“
Ich betrachte sie, diesen dünnen Menschen, der immer rennt, mit seinen wilden roten Haaren und diesem selten eingefangenen, so grünen Blick. Sie lächelt nie ganz, nur dreiviertel, aber in ihren Bewegungen liegt trotz der Ruhe unserer Wohnung eine Ungeduld, die selbst die Schminke nicht verbergen kann. Ich schüttele den Kopf.
Sie lacht und verschwindet mit einem Augenaufschlag durch unsere Tür mit der abblätternden grünen Farbe und ein paar Flecken fallen auf den Boden als sie zuschlägt, fast wie der Regen unter Tannenbäumen. Ich betrachte Emmas Abwesenheit in dem Raum und die grünen Schuppen auf der Fußmatte.
„Nein, du bist keine Möwe“, sage ich in die Leere der Wohnung und die Wohnung hört zu. „Dich gibt es so nicht bei Morgenstern.“
Wir laufen eine gepflasterte, sich wellende Straße entlang. Ich suche irgendein Museum oder eine Galerie, von der ich zuvor gelesen habe, bin euphorisiert vom Pulsschlag der Stadt und ihren grellen Farben und freue mich über jeden Grashalm.
Emma geht vor mir, obwohl sie nicht weiß, wohin ich will, läuft in falsche Straßen und um falsche Ecken. Ich versuche, mich nicht aufzuregen, warum rennt sie nur weg, ich habe doch eine Karte dabei, klein, besser als nichts, aber so wirklich gelingt es mir nicht, denn ihr stummes „Sind wir bald da?“ dröhnt in meinem Hinterkopf als säße es in meinem Ohr.
Ich sage nichts, sie sagt ja auch nichts, aber als ich das Museum dann endlich finde, hat sie nach paar Minuten alles gesehen und wartet ungeduldig im Café.
Ich bleibe lange bei den Bildern von diesem Amerikaner stehen, Rosen, betrachte sie mit Emmas Ungeduld, die ich nicht abschütteln kann, und ärgere mich.
„Emma,“ flüstere ich dem Rosenzyklus zu, „Emma ist schuld.“
Aber die Rosen aus Amerika schweigen und Emma schweigt auch.
In der Bibliothek mit den zu großen Tischen und dem braunen Teppich, in der man sich nicht einmal traut zu husten, weil alles so leise und trocken ist und man fast an der Stille ersticken kann, lese ich in einem Gedicht von der „Koexistenz des Widersprüchlichen“ und denke sofort an uns, Emma.
(Das ist unser Problem.)
Und die Frage, ob wir bald da sind, so oft du sie auch stellst, könnte ich dir erst beantworten, wenn ich dieses Meer sehe. Aber Emma, dahin wirst du mit mir nie gehen, denn du wirst vorher um eine andere Ecke biegen, Morgenstern nicht sehen und nicht warten, ich kenne dich, du wirst wegrennen, nur um anzukommen, egal wo, aber nicht am Meer, nicht mit mir, nicht bei mir.
Und du bist einfach nicht aus Morgenstern, eMMa, so sehr ich mir das wünsche. Dort wirst du nie sein. Du wirst immer eine anwesende Abwesenheit bleiben.
Und du bist keine Emma wie sie in Büchern steht. Du bist eine eMMa und nie da.
„Bitte?!“
„Was?“ Ich schrecke auf.
„Was Sie wollen?“, fragt der Verkäufer mit der Pastellschürze.
„Ich,“, das Chamäleon löst sich auf, „Ein Croissant bitte. Und ein Pain au Chocolat.“ Und das eine Auge sieht das Mädchen plötzlich wieder, meine Emma für ein paar Minuten, wie sie bezahlt, ihre Tüte nimmt und aus dem Café hastet.

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