Lexikon der Angst I

Gedankencrushs

Vor einem Jahr habe ich ein Lexikon der Angst geschrieben, genauer gesagt meiner eigenen Ängste. Und – merkwürdigerweise – ist dieser Text, Eintrag Nummer 1, nichtmal gruselig.

ANGST 1
Ich fühle mich oft fehl am Ort. Wie eine geblümte alte Stehlampe in einem schicken weißen Betonbau. Das kann passieren, wenn ich einen Laden betrete, den Fuß auf den gedielten Boden setze und dem Angestellten in die Augen gucke, die hinter einer 1000 Euro-Brille verschwinden. Oder auch in einem Geschäft für Skateboards. In mir macht es PLOPP und statt mir steht die rosa Lampe im Eingang.
Das passiert bei Parties, an denen ich zu spät komme, alle schon angetrunken sind und ich zu wenig Leute kenne. Oder diese nicht finden kann. Dann bleibe ich mit dem Fläschchen Bier stehen, das man mir mit einem verwirrten Lächeln (haben wir dich wirklich eingeladen?), in die Hand gedrückt hat. In der Mitte des Raums, um mich redende Leute wie ein großer Fischschwarm und es macht laut PLOPP und ich werde zu Blümchenmustern und schweige wie es alte Möbel tun.
Ich werde zur Lampe, wenn ich die Sprache nicht verstehe, mit der ich angesprochen werde. Wenn ich ganz generell jemanden nicht verstehe, wenn mich jemand aus dem Gespräch ausschließt, wenn ich als erste mit dem Essen fertig bin, wenn ich Insiderwitze nicht verstehe, wenn ich merke, dass man indirekt über mich redet. Plopp. Da bin ich, die rosa Lampe.

Nachtwalzer

1 Zigarettenlänge Philosophie, Gedankencrushs

„Also du, ich muss mal kurz, pass auf meine Eiswürfel auf. Und lass dich nicht wegklauen.“
Sie erhebt sich und ist noch einmal größer, lässt ihre Jacke neben dir liegen.
Die blickst dem Zigarettenmädchen hinterher, wie sie im leichten Walzer aus dem Zimmer wankt. Ob sie sich jetzt überhaupt noch an dich erinnert?

Mondmann

1 Zigarettenlänge Philosophie, Gedankencrushs

„Früher habe ich immer an den Mann im Mond geglaubt, so wie er vor den Filmen immer in der Sichel hängt. So ein kleiner blauer Junge mit Latzhose.“
Sie fährt sich durch die Haare. Ihr Lippenstift ist leicht verschmiert und du wunderst dich über das Weshalb.
„Heute weiß ich natürlich, dass da niemand im Mond angelt. Aber das Bild gefällt mir, verstehst du, das Bild.
Dass da jemand irgendwo sitzt, so ganz in Weiß, vielleicht ist es ja auch ein alter Mann, und der angelt vor sich hin, so im Nichts, da ist nichtmal Wasser in der Nähe, er angelt einfach und erwartet gar nicht erst, dass irgendjemand anbeißt. Der ist einfach zufrieden damit, dass er nichts fängt.“
Sie fischt nach einem Eiswürfel in ihrem halb leeren Glas.
„Das würde uns mal gut tun, weißt du, einfach mal nach Nichts angeln. Das würde uns allen mal gut tun.“
Sie gibt auf, die Eiswürfel sind zu schnell. Und du lächelst darüber, denkst an deinen Opa mit dem langen weißen Bart und wie er immer nach seinem Teebeutel geangelt hat.
„Vor allem dem Typen da drüben täte das mal gut.“, sagt sie und deutet mit dem rosa Strohhalm auf den Typen mit Samuraizopf und das Mädchen, das sich von ihm befaseln lässt.
„Nach Nichts angeln.“

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Eine Zigarettenlänge Philosophie

1 Zigarettenlänge Philosophie, Gedankencrushs

„Wusstest du, dass der Mond vor der Erde flieht?
Alle sagen ja immer, bis zum Mond und zurück, Liebe undsoweiter, aber sie wissen nicht, dass der Mond sich immer weiter von der Erde entfernt. Und ihr kitschiges Liebesgeständnis wird mit jedem Mal also stärker, mit jedem Mal ist der Mond noch weiter weg, liebt man noch mehr.
Das sollte man wissen.“, betont das Zigarettenmädchen und lässt ihre Zigarettenspitze über dem Glas abtropfen.
„Wieviel?“, fragst du.
„Mhm?“ Sie blickt dich leicht überrascht an. Was du hier noch machst, ob du vorher auch schon da warst, fragt ihr Blick.
„Wieviel?“, wiederholst du.
„3 Zentimeter. Pro Jahr. Das sind bei 50 Jahren Ehe dann immerhin ein Meter fünzig. Das ist so viel wie einst der 12-jährige Sohn.“
Sie hustet.
„Ich glaube, der Mond hat da keinen Bock mehr drauf. Dem ist das alles ziemlich egal. Liebe ist für den genauso wichtig wie Vanillepudding. Nämlich komplett uninteressant. So ist das. Der rennt einfach nur weg. Und Recht hat er.“

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Schafwolken

Gedankencrushs

Warum das Wetter so plötzlich gut geworden ist, wunderst du dich laut. Fast wie Sommer, sagst du und meinst, dass ich dich wirklich öfter in den Arm nehmen sollte.
Aber wir lieben nur fragmentarisch. Und dazwischen reden wir über das Wetter.
Wie ein Schaf, sagst du und meinst nicht die große Wolke über den kleinen Bergspitzen in der Ferne, sondern mich.
Und ich, ich nicke und kaue meinen Salat.
Ein bisschen wässrig, sage ich und zeige auf meinen Teller und du nickst und sagst, ja wirklich, wie ein Schaf, und legst den Kopf kurz auf meine Schulter, ganz leicht, und deine Haare riechen wie immer, so weich, aber die Wolken sieht man so auch nicht besser.
Ein Schaf, sage ich, kaue und schlucke, jetzt sehe ich es auch.
Ich spüre dein Nicken.
Dann stehe ich auf und bringe mein Geschirr in die kalte Küche.
Wir lieben uns nur fragmentarisch.
Wenn es der richtige Moment ist, sind wir unheimlich verliebt.
Dazwischen reden wir über Wolkenkonstallationen und zählen Schafe.

UND;
Vielen vielen Dank! Über 100 Menschen lesen meine Texte! Und ich könnte nicht glücklicher darüber sein!
Gegrüßt seien alle, die noch nicht so lange dabei sind und vielen lieben Dank an alle jene, die seit Beginn eifrig meine Schreibereien lesen.
Was für ein schöner Dezemberanfang!

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Puddingtage

Gedankencrushs

Anlässlich des Knackens der 50 Marke (Mehr als 50 Menschen lesen meine Texte! Was gibt es schöneres?!) hier einen kleinen Nachtisch-Text, der sich lose in die Molle-Texte einordnet.

 

Langsam glaubt Molle, dass er ein Pudding ist.
Nicht einer dieser grün-schwabbeligen Teile, die bei MacDonalds an Kindergeburtstagen serviert werden. Die man als Kind nur wegen der Farbe liebt und danach, weil man sie als Kind mochte. Nicht so einer ist er, sondern ein langweilig glibberiger Vanillepudding, der zwar gut schmeckt, aber keine Haut hat, zu weich ist, in den jeder Löffel einfach einstechen kann und der jeden Geruch in sich aufnimmt. So ein Pudding ist er.
Einer, der sich nicht wehren kann, weil er ja keine Haut hat und Puddings sich sowieso nie wehren, vielleicht weil sie es nicht wollen, wer weiß das schon.
Molle weiß nur, dass er das nicht tut, dass alle Gefühle und Glühwürmchen und Zigarettenmädchen gleich beim ersten Kontakt sich in sein Hirn schleichen und einfach nicht mehr verschwinden, sich weigern, sein Puddinghirn wieder zu verlassen.
Und dann sitzen sie dort, das Zigarettenmädchen mit ihren Locken und die leuchtenden Glühwürmchen, sitzen nebeneinander auf einem zu roten Sofa mitten in ihm, sitzen dort und das Zigarettenmädchen raucht und unterhält sich mit den Leuchtkäfern und zusammen lachen sie dann über Molle und seine Puddinggefühle. So ein fieses, zu hohes Kichern, das in seinen Ohren hallt. Und obwohl er sich sicher ist, dass das Zigarettenmädchen so gar nicht kichern kann, weil ihre Stimme ganz anders ist, viel dunkler, ein wenig geraspelt, so wie man Apfel manchmal raspelt, so hört er dieses Kichern und sackt in sich zusammen und fühlt sich wie ein Pudding.
Ein zu sentimentaler Pudding.
Und er hasst es.

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Weisheit in Zähnen

Gedankencrushs

Für alle von Weisheitszahn-OPs geplagten Menschen;

für was braucht ein mensch
schon weisheitszähne?
wenn darin unsere Weisheit läge,
wären die meisten wohl dumm.
denn wer behält die noch?
wer hat noch platz für die?
„für Weisheit sowieso nie!“

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Blicke über eine Stadt

Gedankencrushs

Reisegedanken für euch;

Auf kaltem Stein, Blicke über eine Stadt, unbekannt und davor ungesehen, der Stein ist kalt, steinkalt, die Stadt hell, obwohl es Nacht ist. Drei Türme aus Lichtern, verschwommen so ohne Brille, wie Kerzenlichter, die zum Mond fliegen, so weit weg und so weit hoch. Kerzenlichttürme.

Und neben Einem Fetzen von Französisch, Worte über blaue Lichter und Bahnhöfe, Französisch mit sarkastischem Grinsen, das noch unbekannt ist und an niemanden erinnert.
Die Stadt leuchtet und scheint zu begrüßen, zu blinzeln und obwohl Städte nicht reden, scheint diese zu sagen „du bist da. endlich. blicke meinen kerzentürmen hinterher und sieh wie ich wegfliege. zähle die tauben und verrückten, tauche ein in den fluss, der fast heißt wie bei dir, wie in deiner heimat, die du gerade so gar nicht vermisst. bin ich nicht schön?“
Die Stadt wurde vermisst ohne bekannt zu sein, aber morgen wird der Abschied sein. Denn Heimat ist woanders. Und dieses Jahr ändert sich so viel, das darf sich nicht auch noch ändern.
So sagt es zumindest der Spatz auf der Steinmauer, während er gegen das blaue Licht der Stadt anblinzelt.
Du, du glaubst das nicht.

 

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Ich habe nach (erneuter) Lektüre von „Fault in our Stars“ meine alte Rezension überarbeitet. Guckt doch (noch) einmal rein!

Gedankencrushs

unblaue Winternacht

Gedankencrushs

Der Winter begann mit diesem blauen Film.
Nach der Szene im blauen Kleid, nachdem sie ihre Zigarette angezündet und aus ihrem blauen Leben verschwunden war, wurden die Türen des kleinen Saals geöffnet und Schnee trat ein.
Wie eine Diva betrat er das Zimmer – mit hochgehaltener Nase und leuchtendem Kleid. Es blendete nach all dem Blau und erschrocken machte man sich auf, raus aus dem blauen Kino.
Draußen waren es dicke (weiße) Flocken, nur von einzelnen Lampen und beschlagenen Fenstern beleuchtet und sie hatte Angst, dass ihr Piercing einfrieren könne. Deshalb lief sie rückwärts.
Vorwärts spazierte ein roter Kater auf dem teppichweichen Gehweg. Mitten in dieser bunten, jetzt so bleichen Stadt begegneten sie sich.
Sie blickte ihm hinterher, so wie man Bekannten hinterherblickt, die man erst im Moment des Vorbeigehens erkennt.
Und er würdigte ihrem Piercing nur einen verächtlichen Blick.
Im Hintergrund lief Musik aus alten Filmen – noch unblauen Filmen – und das Weiß tanzte.
Sie wollte auch tanzen, war aber nicht weiß genug, fühlte sich zu schwarz, zu schwer und außerdem lief sie rückwärts. (rückwärts laufen und vorwärts tanzen, das war zu viel)
Wenn sie jetzt stehen bliebe, dachte sie, wenn ich jetzt stehen bleibe oder mich hinlege, bin ich morgen ein Schneemann. Vielleicht werde ich auch zum Schneeengel.
Und fliege dann weg, sobald der Abend schmilzt.
Sie musste lächeln und blickte in den Regen aus Flocken.
Und eine Straße weiter drehte der orangene Kater sich um und betrachtete das verschwindende Mädchen. Wenn er jetzt stehen bliebe, dachte er, wenn ich jetzt stehen bleibe, werde ich zum Schneeball.
Der Abend schmolz tatsächlich, das spürte er jetzt schon, aber bis dahin, bis alles grün war, würde er schon weg sein.
Eine Schneeflocke landete auf seiner Nase und er führte sie noch kurz spazieren, dann bog er um die letzte Ecke und war weg.

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Abschied

Gedankencrushs

Vielleicht, vielleicht sieht man sich im Sommer,
aus Versehen in der fremden Stadt, so auf der Straße, an der Donau.
Dann sage ich „Hallo“ und du „Oh, Hallo“
Wir gucken beide auf unserer Füße.
„Du bist gewachsen“, sage ich. Du nickst. Und sagst dann „Du nicht“
Ein halbherziges Lachen.
Ich sage, halb zu dir, halb zu der Freundin neben mir, „Wir müssen dann wieder, du verstehst, mein Zug, gleich um Viertel vor.“
Und du sagst, fast erleichtert, „ja, ja, ich auch, Badminton, die warten sicher schon.“
Dann biegen wir beide um unsere Ecken, verschwinden in dem kleinen Städtchen und sehen uns vielleicht nie wieder.

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TaschenTuchTanz

Gedankencrushs

Ein wenig ungeordnete Nachtgedanken zum Weihnachtszeitanfang. Einen wunderschönen ersten Advent!

Die Stadt leuchtet blau und spricht so anders, so betrunken.
Man vermisst nichts, nur seine große Liebe nach dem vierten Jägermeister. Wer hier wen vermisst?, wird gefragt, der Trinkende die Liebe oder die Liebe den Alkhol?
Hinten mimt einer den Affen mit zu hoher Stimme. Wie ein kaputtes Hörgerät sprintet das Geheul durch den Bus.
Niemand weiß was, die Anderen auch nicht. Ich weiß imerhin, dass ihr nichts wisst, erzählt Er Ihr. Und sie lacht, streicht über den blauen Sitzbezug und träumt sich in seine Arme.
Vorbei an scharf. schärfer. Schaf – der besten Pizzaria der Stadt. Zumindest in den nächsten 2 Metern. Davor Jugendliche.
Kopfschmerzen. Und Gehirnschmerzen. Zu viel Lärm, zu viel Unlust. Was will ich hier? Bin ich überhaupt richtig?
Bei Nacht sieht alles gleich aus, jede Straße, jedes Viertel, jede Stadt. Trist, kalt, besoffen.
Vielleicht liegt es auch an mir, vielleicht sind es die Gehirnschmerzen.
Husten von der Seite, ein Taschentuch hastet am Ohr vorbei, fliegt zur Laterne, tanzt zu Chopins Mazurka Op. 68 No. 2.
Ich vermiss dich.
Siehst du den Mond, einen der Monde? Das tanzende weiße Tuch? Vermisst du auch?
Es tut nur noch weh. Kopf, Gehirn, Herz, alles.
Der Bus ruckelt, der Fahrer kaut Kaugummi. Verfängt sich zwischen Rosa und tanzenden Taschentüchern, wartet auf Träume morgen früh.
Wer hier auf wen wartet, fragen sie. Das Tuch auf dich, der Traum auf mich. Wo bin ich?
Eine Riesin steht vor mir. Mit Kameelhaarmantel und Apfeltasche.
Ist das noch die Stadt, schon der Schlaf?
Galoppiert da ein Schaf?

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Ich esse Erinnerungen

Gedankencrushs

Frei nach Baudelaire;

Für Fred

Ich esse Erinnerungen.
Im Tee schwimmt noch der französische Kandiszucker und ich höre dein Lachen, als ich einen Schluck nehme. Aber als ich mich umschaue, bist du nicht da.
Ich blicke meine French Toast an und würde gerne Baguette sehen, Baguette und cremigen Stinkekäse. Stattdessen nehme ich Ahornsirup.
Es schmeckt gut. Glaube ich. Ich schmecke nur Nicht-Baguette und Nicht-Käse und frage mich, was du wohl isst. Wieder Croissant mit Frischkäse?
Meine Augen sind müde, blinzeln zu oft, verdrängen die Tränen, die immer wieder ausbrechen wollen.
Du sitzt da irgendwo in meiner Brust, in eine Kuscheldecke gewickelt und eine Erinnerung von dir reicht, damit ich wieder in mich zusammensacke. In Gesprächen winkst du aus mir heraus, nuschelst mit meiner Stimme und ich merke, wie ich manchmal dein Lachen lache und nicht mehr meins. Oder die Augen zusammenkneife so wie du bei deinem lautlosen Lachen. Weil das dann fast wie erinnern ist.
Ach, ich esse Erinnerungen.
Und sie schmecken so viel besser als mein in Ahornsirup ertränktes Frühstück.

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Der Spiegel

Gedankencrushs

Hier ein Text, der zusammen mit „Ein Ende“ in einer unglaublich inspirierendenSchreibwerkstatt in Österreich entstanden ist.
Er gehört zu einem Text-Zyklus, der unter dem Namen „Beziehungsweise“ steht.

Der Spiegel

Er macht Spiegelei für mich. Nur für mich – er isst ja kein Ei. Und auch sonst nicht viel.
Er riecht nach Butter und Salbei, weil er Spiegelei mit Salbei und viel Butter macht. Und ein wenig Chili. Und dabei trägt er den grünen Pullover, den aus Kaschmir. Mein Kaschmirjunge.
Ich decke den Tisch und warte. Die Blumen auf dem Fensterbrett welken. Draußen scheint die Sonne. Es ist kalt und ich ziehe die Füße auf den Stuhl.
„Guten Morgen“, sagt er und stellt das Ei vor mich.
„Danke“; sage ich und bewundere die Spiegelung im Eigelb.
Die Nase sieht größer aus und die Haare länger, aber das bin eindeutig ich.
„Ich sehe…“, sage ich, „mich in 10 Jahren.“ Und deute auf das Ei.
Er zieht eine Augenbraue hoch – und so sieht er noch mädchenhafter aus.
„Ich sehe… Ich sehe scheiße aus. Mein Gott, ich habe Falten! Hier und da. Und da!“ Ich zeige wild auf einzelne Gesichtspartien und starre in das Spiegelei.
„Du runzelst die Stirn. Natürlich hast du da Falten. Jetzt schon. Nicht erst in 10 Jahren.“ Er lacht.
„Lach nur. Ich sehe…“ Ich halte die Hände über mein Essen wie eine Hellseherin. „Ich se.. oh, jetzt bist du im Ei.“ Schweigen.
„Du trägst ein Haarband!“
„Das ist ein Schweißband“, wirft er ein.
„Nein, ein Haarband. Du siehst aus wie ein Pirat!“, pruste ich, „Wie in diesem Hollywoodfilm. So wie Kapitän…“
„Das ist kein Haarband!“
Ich blicke ihn an. Seine etwas zu langen Haare und sein buntes Haarband an.
Kann sein, dass er es bereut, mir ein Spiegelei gemacht zu haben.

Blauer Fuchs mit gelbem Schal

Gedankencrushs

Und samstags tanzte ich mit den Schneeflocken, während Mama in der Sauna saß. Sie hat den Winter nie gemocht. Wieso auch immer.
Ich tanzte jedenfalls mit dem Schnee. Mein gelber Schal, fast senffarben, wirbelte mit mir, wie mein Tanzpartner. Die Bäume, etwas weiter weg, guckten zu und versteckten sich langsam in einem Nebel aus Schneeflocken. Die Krähen verschwanden im Himmel. Das gelegentliche Autohupen wurde immer leiser.
Und da war ich allein. Mitten im Nichts.
Ich war mir sicher, ich sollte eigentlich verängstigt nach Mami rufen. Sie würde mich ja doch nicht hören. In ihrere Sauna lief Beethoven, das wusste ich. In der Inspirationssauna, der lauten, da lag sie am liebsten.
Zudem hatte ich, ähnlich wie in Träumen, die Gewissheit, dass mir nichts passieren würde. Woher die kam, weiß ich immer noch nicht. Vielleicht lag es an dem dicken Schal, der mich vor allem zu beschützen schien, nicht nur vor der Kälte, sondern vor Monstern, Dunkelheit, fiesen alten Opas und der Welt allgemein.
Ich grub mir eine kleine Kuhle, um mich hinzusetzten. Eigentlich sollte es ein Iglu werden, aber irgendwann hatte ich keine Lust mehr und da war es halt nur eine kleine Kuhle mit winzigen Wänden. Ich packte den Tee aus, den Mama mir eingepackt hatte und trank vorsichtig kleine Schlucke, ganz fein, wie es Prinzessinnen immer tun.
Hin und wieder blickte ich über meinen Iglurand, der meine Burgmauer bildete, wie man so über Brillenränder blickt – reflexartig, ohne wirklich hinzuschauen, aber trotzdem mit gewissem Interesse, was die Außenwelt so treibt – als in all dem Weiß plötzlich ein blauer Fleck war.
Ich vergaß den Tee und machte mich ganz klein in meiner Burg, lugte gerade so noch zu dem blauen Fleck und erkannte, dass es ein Fuchs war, der zu mir hinüber blickte. Ein blauer Fuchs.
Er war sehr klein, vielleicht so groß wie meine Lieblingspuppe, mit riesigen Ohren und einem langen, blauen Schweif mit einer orangenen Spitze. Wie in Flammen stehend.
Der Fuchs setzte sich, putzte sich sein Fell, wie es Katzen tun, wie es Molly zu Hause immer macht, und ich war mir sicher, dass er mich aus den Augenwinkeln beobachtete. Verstohlen, heimlich.
Ich begann wieder Tee zu trinken, in noch kleineren Schlucken, um ihn nicht zu erschrecken und setzte mein über-den-Brillenrand-blicken fort.
Er kam näher. Ohne sich zu bewegen. Irgendwie kam er näher, immer näher, bis er neben mir saß und an meinem Tee nippte, den ich wie erstarrt in der Hand hielt. Ich traute mich nicht, etwas zu sagen, vielleicht würde er dann antworten. Und mir sagen, wie schlecht der Tee schmeckte. Deswegen schwieg ich, schüttete Tee nach und wartete.
Er kuschelte sich ein wenig in meinen gelben Schal, strich mir aus Versehen mit dem orangenen Schweif über die Wange, erschreckte, wartete auf meine Reaktion und lächelte, als ich nichts tat. Mein Fuchs lächelte!
Ich wollte zurück lächeln, das wollte ich wirklich. Aber in dem Moment hupte es.
Die Autos waren wieder da. Und als ich in meinen Schoß blickte war das Blau weg.
Ich sprang auf, suchte nach einem blauen Fleck und fand nichts. Nur am Waldesrand war der Schnee ein wenig zu orange.

 

Ich gebe zu; Der Fuchs aus Schwarzweißrot hat mich besucht, aber nicht nur das. Auch in dem wunderbaren Roman „Bevor alles verschwindet“ von Annika Scheffel, den ich erst bis zur Hälfte gelesen habe, aber jetzt schon liebe, taucht ein blauer Fuchs/Mensch auf.

An alle, die sich wundern, wieso ich nichts schreibe: Ich habe jetzt zu 3 Fünfteln mein Abi geschafft und schreibe seit den Ferien wieder eifrig. Aber das muss erst alles im Computer landen, da ich meist doch lieber mit Hand schreibe (obwohl das kaum lesbar ist. Fast schon Geheimschrift). Also, ich schreibe wieder mehr bis viel. Bis das hier ankommt, dauert es aber noch. Verzeiht. =)

7-Minuten-Gummibärchen

Gedankencrushs

Mein Gummibärchen erinnert mich an meinen Physiklehrer. Vielleicht wegen dem roten Gesicht. Und vielleicht will ich es deshalb nicht essen, sondern lieber auf dem Tisch sitzen lassen. So ganz alleine.
Mein 7-Minuten-Gummibärchen sieht unzufrieden aus, glaube ich. Will wohl doch gegessen werden. Hatte der Junge mir gegenüber nicht noch Hunger?

 

Für alle die es interessiert. Das hier ist bei einer der einfachsten Schreibübungen entstanden. Man isst ein Gummibärchen und schreibt anschließend 7 Minuten über alles, was einem zu dem Geschmack/Geruch/Konsistenz einfällt und auch die weiterführenden Gedanken. Wichtig ist dabei, einfach loszulassen, zu schreiben, was einem einfällt, Gedanken fließen zu lassen.

Tanz mit dem Badewolf

Gedankencrushs

Wie versprochen endlich mehr. Mehr zu lesen, mehr vom Badewolf (wer ihn noch nicht kennt hier der erste Teil und hier und hier eine Zeichnungen). Ich halte diesen Text für eine würdige Fortsetztung, aber entscheide selbst!

Ihr beide tanzt, du und der Badewolf. Wirbelt durch den Flur über das Parkett.
Sein Arm auf deiner Hüfte, weich und warm und deine Augen auf seinen gelben, bernsteinfarbenen. Er blinzelt nicht, nimmt dich nur fester und leckt dir zärtlich über die Wange.
Der Boden knarzt leise, während ihr über das Holz schwebt. Dein Kleid tanzt hinter dir, ein gelber Fleck im Dunkeln. Ein Farbtupfer auf dem schwarzen nächtlichen Gewand der Wohnung.
Da spürst du plötzlich etwas kratziges an deiner Wange, etwas spitzes, scharfes. Du versuchst zu schreien, aber kannst nicht.
Blut tropft auf das Kleid, das schöne gelbe. Der Boden knarzt nicht mehr und du blickst stumm in die Ferne, während der Wolf dich über das Holz wirbelt, das langsam rot wird.

Und dann bist du wach.
Deine Augen irren kurz über die nächtlichen Schatten. Dann atmest du langsam aus. Nur ein Traum. Du kannst doch gar nicht tanzen! Und der Wolf beißt nicht.
Da hörst du das Rülpsen. Wie damals. Als du dachtest, ihn nachts gesehen zu haben.
Du erstarrst und lauschst. Vielleicht hast du dir das nur eingebildet?!
Ein Rascheln.
Und du schälst dich aus der Bettdecke. Leise und vorsichtig,tappst über das matte Parkett zum Bad.
Kurz suchst du nach roten Tropfen auf dem Holzboden und findest nichts. Zum Glück. Ein Traum, nichts als ein Traum.

Seifenblasen kommen dir entgegen. Glitzern blau grün und landen neben deinen nackten Füßen.
Auf den kalten Fliesen ändern sie die Farbe und werden kurz gold bis sie dann geräuschlos platzen. Du stehst wieder vor dem Vorhang, weißt nicht, ob du es wirklich wissen willst. Woher kommen die Seifenblasen überhaupt. Badet er?
Lautes Einatmen. Und da ziehst du den Stoff beiseite. Erstarrst.
Er raucht. Pafft eine alte Pfeife, wie du sie nur aus Märchen bei weisen weißhaarigen Männern kennst, pustet die Seifenblasen in dein Gesicht und blinzelt dich an.
Klein ist er, geht dir im Stehen vielleicht bis zum Bauchnabel und sitzt entspannt in deiner Dusche, einen haarig felligen Arm auf dem Duschenrand, dein Shampoo in der Pfote.
Du blinzelst zurück. Und kannst es einfach nicht fassen. Dass er so klein ist. So entspannt. Und wirklich da.
Du sinkst auf den Rand der Dusche, setzt dich hin, damit du vor Staunen nicht umkippen kannst. Und er hält dir plötzlich die Pfeife hin.
Ich rauche nicht, sagst du, aber er lächelt und du siehst zu viele Zähne, um nochmal nein sagen zu können. Kurz denkst du an deinen Traum, an das Blut, nimmst dann aber schnell einen Zug.
Es schmeckt. Das Rauchen schmeckt. Und erinnert dich an Zuckerwatte, Sommertage im Zoo als kleines Kind und den Geruch von gebrannten Mandeln von dem Volksfest. Du inhalierst tief, so tief wie nur möglich und merkst, wie dir ein wenig schwindelig wird. Aber du willst mehr von diesen sonnigen Erinnerungen.
Und der Badewolf wartet, beobachtet, lächelt und summt leise ein unbekanntes Lied.
Du badest in warmen Erinnerungen, verlierst dich in Träumen und Vergangenheit und merkst noch, wie dir die Augen zufallen.
Dann ist alles Schwarz, Fellarme tragen dich und du fühlst dich klein und geborgen und wieder jung.

Am nächsten Morgen wachst du auf, einen schalen Geschmack im Mund und fragst dich, was du diese Nacht nur geträumt hast. Erinnern kannst du dich an nichts.

Der zu unspektakuläre Autounfall

Gedankencrushs

Mein Autounfall am Donnerstagabend war zu unspektakulär.

Ich erwartete lautes Knirschen, eingedellte und zerquwetschte Metallteile und Atmenot auf grund der ganzen ausgelösten Airbags.
Ich erwartete eine Art Zeitlupe im Moment der größten Beschleunigung und den einen Moment, in dem mein Leben noch einmal an mir vorbei zieht.

Stattdessen zog ein gelber Porsche an meinem Fenster vorbei und ließ laut den Motor aufheulen.
Statt dem verkrusteten Blut, dass überall – an mir und an den billigen Sitzbezügen – kleben sollte, stellte der Rettungsanitäter zwei dicke Beulen und eine („wirklich sehr leichte, also da brauchen sie sich keine Sorgen machen! Wirklich nicht.“) Gehirnerschütterung fest. Nichts, dass mich von der Arbeit abhielt, also. Leider.
Denn so glaubte mir bestimmt keiner die Geschichte von meinem Unfall.

„Oh, ich habe gehört du hattest gestern einen Unfall?! Ist ja schrecklich -ich hoffe es ist nichts Schlimmes? Du kannst doch die hohen Rechnungen bzahlen?! Aha, nur ein zwei Kratzer? Und Verletzungen? Man sieht ja gar nichts! Nur ein paar Beulen? Interessant. Und wann genau – sagtest du – war das nochmal? Gestern? So gegen 20 Uhr? Mhmmm. Nein Nein, klar, wieso sollte ich? Ist ja auch wirklich was ganz Ernstes. Sowas sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Natürlich nicht. Jaja.“

Und so war ich dann doch wieder der Träumer, der Sachen erlebte, die nie passieren können. Ein Unfall ohne große Schaden? Ach was du dir wieder ausdenkst, sowas gibt es doch heutzutage gar nicht mehr…

22.Türchen: Lila Fieber

Adventskalender 2012, Gedankencrushs

Die Lippe blättert ab, die Hände fangen an zu tropfen.
Der Boden wird zu einer Pfütze aus Farbe, einem Fluss, einem Meer, schwemmt mich weg. Mich mit den tropfenden Händen.
Ich schwimme oben, blicke in den Himmel, der kein Himmel mehr ist, sondern nur eine Kuppel voll von Worten. Sie stehen da im Nichts, klingen, manchmal leise, manchmal gar nichts und warten. Warten, dass man sie liest, spricht, schreibt.
Und ich kann es nicht. Ich schlucke die Farbe, schmecke trotzdem nichts. Kann nicht sprechen, nichts tun, nur beobachten.
„Weltuntergang“, „Kaptitalistischer Konsum des Überflusses“, „Allheilmittel“, „Schreibblockadelösende Schokolade“, „vegane Klamotten für den Super-Öko“ schwirrt es durch die Kuppel.
Der Kopf brummt, die Farbe strudelt und ich schwimme in der Mitte, die langsam nach oben steigt zu den Worten.
Und die flüstern leise in meine Ohren udn kitzeln mich an der Nase. Und dann oben, hinter all den Worten ist nichts mehr. Gar nichts. Ich hänge unter der Decke, atme und höre meinen Herzschlag.
„Stimmerkennung!“, knarzt eine Computerstimme durch den Raum.
„Aber ich kann doch gar nicht sprechen!“
Eine Tür öffnet sich rechts, ich werde hineingeschoben und stehe dort. Allein.
Der Gang ist weiß und in neonlila Licht getaucht. An kleinen Fensterfronten rinnt Regen runter – draußen ist alles grau, innen lilaweiß. Kein Geräusch, wieder nur mein Atem und mich. Sonst nichts.
Also gehe ich, tapse durch den Gang. Barfuß. Mir ist kalt. Das Weiß ist kalt. Die Luft ist kalt.
„Ach Schätzchen.“ Wieder die Computerstimme. „Ich weiß ich weiß. Daran arbeite ich noch. Sonst läuft ja alles pico bello. Aber diese Kälte. Du hast ja Recht! Warte, ich dreh die Heizung auf, ja? Willst du noch einen Tee?“
Plötzlich ist da eine weiße Hand auf meiner Stirn.Und die Stimme wirkt so echt. So warm.
„Ach du hast ja Fieber, Schätzchen! Blieb ruhig liegen. Ich mach das schon“

21.Türchen: Einsamer Kaffee

Adventskalender 2012, Gedankencrushs

Sein Gesicht ist erstarrt.
Inmitten der wabernden Leere steht er mit deser Fratze, diesem enstellten Ausdruck von unfreiwilliger Attraktion des übelsten Ausmaßes. Er steht da und glotzt.
Er starrt über die Straße, über die Dächer der Autos, in das helle Fenster zu dem jungen Mann mit dem grünen Pullover. Zu ihm mit den blonden Wimpern, den dunklen Augen, den schönen Händen. Zu ihm, dem jungen Mann in dem Kaffeeshop.
Und der bemerkt nichts von der Fratze auf der Straße. Sitzt nur da und blickt in seinen Kaffee, der ihn anzublizeln scheint. So, als würde er seufzen.
„Ach Junge, warum bemerkst du bloß nichts? Warum sitzt du hier und starrst mich an und nicht all die Menschen, die dich bewundern?“, scheint ihn sein Getränk zu fragen.
Aber der Junge riecht nur den Kaffee und hört nicht, was er sagt und sieht nicht, wer ihn sieht.
Bemerkt nicht all die Fratzen um ihn herum. Die ihn fixieren.
Er trinkt seinen Kaffee, der Fratzenmann blickt dem Jungen hinterher, als der einsam und mit eingezogenen Schultern die Straße hinuntergeht. Der grüne Pullover verschwindet. Und der Mann wacht auf.