Die wahre Fuge

Kurzgeschichte

Und was gibt es jetzt noch zu sagen?
Ich beobachte den Wind vor den Fenstern, male kleine Kreise in das Plastik des Tisches. Zwei Krähen hüpfen vor dem Waldanfang. Ich warte.

Sie ruft, mit einem leisen Seufzen in der Stimme, und ich tue so als hätte ich nichts gehört, deshalb trägt sie sich heute selbst die Treppen hinunter.
Sie sieht müde aus, lila Halbmonde unter ihren Schildkrötenaugen, aber sie lächelt, setzt sich und trinkt den schwarzen Tee, der gerade noch dampft.
Sie leuchtet heute matt, wie ein einziger Mond aus vielen kleinen Halbmonden, ihr Mund beugt sich zur Sichel beim Trinken.
„Das Teleskop des Chamäleons“, sage ich und schiebe ihr die Schachtel hin.
„Ach,“ sie winkt ab, „so warte doch ganz kurz“.
Doch sie setzt die Tasse halb ab, lässt sie nur knapp über dem Tisch baumeln, über dieser Glätte aus Weiß und blickt auf die Ansammlung blauer Punkte. Mit ihrer Leberfleckenhand massiert sie sich die Schläfe. Sie murmelt leise die Buchstaben, dann nickt sie.
„Das Neonmädel – eile Pechkote“, sagt sie dann langsam. Ich lache. „Du meinst nicht Postbote?“
„Psst!“, macht sie nur und starrt an mir vorbei, um zu denken. Ihr Lippenstift von gestern Abend ist noch rosaleicht und das Parfum duftet entfernt.
„DonMädele: eilt Pechkäsen!“, sie lächelt: „Dein Sacktelephon – o lä(h)me es!“
Wir lachen. Sie nimmt die acht Tabletten in die Hand und legt sie sich einzeln auf die Zunge, schluckt und trinkt Tee.
Ich lege meine Hand vorsichtig auf ihre voller Leberflecken und streichle über ihre kleine Feuernarbe.
Jetzt sitze ich hier, warte auf den zweiten Anruf.
Ich verstehe einfach nicht, weshalb. Weshalb dieser Anruf, weshalb diese Fragen. Es, die große Tat, die ja jemand getan haben muss. Sie selbst kann es ja nicht gewesen sein, sagen sie. Aber was wissen sie schon.
Ich höre kurz meinen Worten in dem zu großen Haus hinterher wie sie die Treppen hinauf und hinab fallen, viel zu laut.
Nein, zu dramatisch, ich muss ruhig anfangen, ruhig bleiben, Ruhe bewahren.

Morgens die rosanen, Abends die eckigen. Immer ein kleines Spiel. Abzählreime, Wortgefechte und Würfelspiele. Am liebsten schluckt sie mit Anagrammen – je mehr sie findet, desto glücklicher ist sie. Ganze Sätze würfelt sie dabei durcheinander, darin ist sie unschlagbar. Aus einem „Eule auf Baum“ macht sie „Umbaufäule“, „Uf, lebe Umbau!“ und „Ume, baue faul!“.
Die Wohnung hallt seit vorhin. Ein bisschen klingt das immer nach Antwort, aber wer soll hier noch antworten?
Ich drehe die Tablettenbox in meiner Hand. „Pechkäse“, sage ich leise. Und das Zimmer spricht noch leiser mit.
Dieser Konzertabend bei meinen Eltern, wunderschön gemütlich und unglaublich langweilige Musik.
Ich sitze alleine an diesem Abend. Zusammen mit meinem Weinglas betrachte ich die Gäste, wie sie ihre Pirouetten drehen, hier eine Hand, da für eine Zigarettenlänge kleine Gespräche, alles dreht sich, immer und immer wieder im Kreis. Es könnte auch ein Abend für modernes Tanztheater sein, es wären die gleichen Szenen.
„Entschuldigung, junger Herr. Kann ich mir vielleicht Ihr Sitzkissen klauen?“, fragt es unvermittelt. Da ist wohl jemand nicht Teil der so lang geprobten Choreographie, denke ich und drehe den Kopf.
Sie lächelt mir entgegen, mit wachem Blick und einer weißen Wellenfrisur. Sie trägt orange, ein schönes Pfirsichorange, und passend dazu eine runde Brille.
„Ach, setzen Sie sich.“, sage ich einem Impuls folgend und stehe auf.
„Das ist aber nett.“ Sie setzt sich freudig überrascht und blickt mir ins Gesicht.
„Hab ich schon einmal ein Kissen von Ihnen geklaut?“
Ich betrachte sie und versuche mich zu erinnern. Mit ihrer Brille sieht sie ein bisschen aus wie ein Eule. Eine sehr gepflegte Eule.
„Nein, ich glaube nicht.“, antworte ich langsam.
„Wie schön.“ Sie lacht und reicht mir die Hand. Ich lächle zurück, leicht perplex, aber ihr Lachen ist ansteckend und ich bringe ihr ein Glas Wein durch die immer noch Tanzenden hindurch.
Sie hat mal gesagt, dass sie mir alles vermachen wolle, vor allem das weiße Haus. Ja wirklich, unser Haus, das mir immer noch antwortet, obwohl sie nicht da ist. Die hellen Wände mit ihren roten Wandteppichen blicken zu mir zurück. Nein, das sollte ich vermutlich nicht laut sagen, die Wände haben recht.
Sie, nach vorne, zur Windschutzscheibe: „Gib mir dein Handy, ich muss noch einen Anruf tätigen.“
Immer das Gleiche. „Kannst du nicht kurz warten?“
„Du kannst mir doch dein Handy geben. Da ist doch nichts dabei.“
Kurzer Blick weg von der Straße in ihr Gesicht. Sie, – in dunkelrotem Kleid und mit neuer Brille – guckt nicht zurück.
„Warum hast du denn nicht angerufen bevor wir los gefahren sind?“
Sie, immer noch zum Fenster: „Ach, da hatten wir doch kaum Zeit. Jetzt gib mir deins. Ich hab dir das immerhin gezahlt.“
Ich sage nichts, starre auf das Kennzeichen vor uns.
Sie, immer noch fordernd, aber leiser: „Bitte…? Jetzt?“

Ich gebe ihr das Handy. Mehr als das leise Bitte werde ich nie als Entschuldigung bekommen.
Sie benutzt diesen Satz immer, wenn ich nicht mache, was sie will. Und ich hasse ihn noch mehr als die Frage zu unserer Beziehung.
Das Handy liegt vor mir, neunzig Grad, der weiße Tisch lässt es noch schwärzer wirken und ich will nichts mit all dem hier zu tun haben. Wann wohl der zweite Anruf kommen wird?
Was soll ich erzählen? Dass sie die letzten Wochen noch kleiner als ein Halbmond war? Dass sie morgens so lange rief, bis ich ihr doch die Treppe runter half? Oder soll ich von dem Morgen erzählen, an dem ihr dann die Wörter fehlten, sie einfach verlassen hatten. An dem sie aus „Oh, wo bleibst du nur?“ nicht mehr „wo Lu bei Dunst bohr(t)“ machte, sondern mich schweigend anblickte, die Augen kurz vor Neumond, und wortlos die Tablettenschachtel nahm, ganz ohne jedes Anagramm.

Ich habe Angst.
Das Haus atmet und spricht in deiner Stimme. Die Treppe knarzt und oben scheinst du noch auf und ab zu gehen. Ich will nicht derjenige sein, der schuld ist. Wer weiß schon, ob es zu viele oder zu wenige Pillen waren? Anagramme hast du schon lange nicht mehr gefunden.
Die Wände starren mich an und das Handy schweigt vorwurfsvoll.
Ab jetzt bist du weg.

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eMMa

Kurzgeschichte

Die Bäckerei, vor der ich stehe, ist klein, hellgrün und in ihr windet sich die Schlange durch die wenigen speckigen Holztische, durch die Glastür und vor dem Geschäft um eine Ecke. Von oben sehen wir wohl aus wie eine Kreuzotter, die sich ihren Weg durch ein Labyrinth sucht, denke ich, eine Kreuzotter und ich bin nur ein kleiner Punkt auf ihrer Haut, die sie bald abwerfen wird.
Ich mag es, zu warten, denn dabei verwandele ich mich von diesem kleinen schwarzen Punkt zu einem Chamäleon, das hier und da den Gesprächen lauscht, die Gedanken anderer mitdenkt und unsichtbar wird zwischen ihnen.
Hinter der Glasscheibe erkenne ich den alten Mann mit seiner Zeitung von gestern und seinem halben Croissant. Schon letzte Woche saß er an dem Tisch vorm Fenster. Ich beobachte die Katze, die sich normalerweise auf den Motorhauben der geparkten Autos wärmt, aber heute die Menschen, die vor der Tür anstehen, misstrauisch beäugt. Hinter mir diskutiert jemand über Blues und vor mir über den Dozenten, der ständig an seiner Brille kaut, wenn er nachdenkt – also immer – und ich merke, wie ich anfange mich einzublenden, Chamäleonfarben annehme, als mich ein Lichtreflex wieder aus der Starre holt.
Es sieht aus wie die Spiegelung der orangen Katze, aber als ich mein linkes Auge zusammenkneife, wird die Katze zu Haaren. Haare?, denke ich kurz verdutzt, und dann gewöhnen sich meine Augen an den Blick durch die Glasscheibe und ich erkenne ein Mädchen.
Ihre rottanzenden Haare sind es, die aus der Schlange hervorleuchten. Das Mädchen ist groß, größer als der Mann hinter ihr mit seinem gelben Pullunder. Und sie tritt nervös von einem großen Fuß auf den anderen, zupft an ihrem T-Shirt herum und blickt sich immer wieder um. Platzangst, denke ich im ersten Moment. Aber das passt irgendwie nicht. Vielleicht ist sie eine von denen, die Warten nicht ausstehen können? Vielleicht kann sie einfach nicht stillstehen?
Wir sitzen in einer Wohnung mit grüner Tür an einem speckigen Holztisch, in den sich Holzwürmer verkrochen haben. „Meine Liebe,“ sage ich über die Erdbeeren mit Milch hinweg und sie lächelt ein dreiviertel Lächeln, ein bisschen schräg und auf keinen Fall ein ganzes Lächeln, sitzt halb auf der Stuhlkante und halb in der Luft. Dass sie nicht runterfällt, wundere ich mich plötzlich, nicke aber zu ihrer stillen Frage und gucke ihr beim Verschwinden hinterher, freue mich, dass sie unterwegs ist und irgendwo zu sein hat, während ich meine Milch mit aufgegessenen Erdbeeren trinke.
Sie sitzt auf dem Fensterbrett mit grünem Rahmen und malt mit schnellen, weiten Strichen auf Papier. Ihre Hände sind schon schwarz und ein paar Punkte haben sich auf ihr Gesicht verirrt. Ihr rotes Haar steht wirr ab, ihr grüner Blick rennt den Pinselschwüngen hinterher. Sie sieht schön aus in dem bunten Licht mit ihren leuchtenden Haaren und mit dieser Ruhe.
Ich sitze ihr gegenüber und bewundere ihre spitze Nase und die Haare, die immer noch ein wenig nach einer Katzenspiegelung aussehen. Der Moment ist fast ein Bild, vielleicht von Rembrandt, schnelle Pinselstriche und trotzdem ruhig.
„Sind wir bald da?“, fragt sie auf dem Weg zu einer Party und ich blicke ihr hinterher wie sie vor mir verschwindet.
„Wir sind zu früh.“, sage ich langsam, aber sie hört nicht. Ich will mich nicht hetzen lassen, will den Moment genießen, bleibe vor einem Schaufenster voller Bücher, die Neuerscheinungen dieses Monats, betrachte, wie sie farblich sortiert zu einer Pyramide aufgestellt sind, verliere mich in dem Bild, und finde mich auf der Spitze der Pyramide wieder wie ich mich bereit mache, auf ihr herunter zu rutschen.
„Emma!“, rufe ich und drehe mich in ihre Richtung, aber sie ist weg und sie antwortet mit einem „Komm doch!“ zwei Straßen weiter, sie wartet nicht.
(Sie will so schnell wie möglich da sein, wo auch immer)
Ich bleibe noch einen Moment vor dem Schaufenster stehen, blicke auf die Buchrücken und erkenne einen meiner alten Freunde, der sich irgendwie zwischen all die neuen Bücher geschlichen hat.
„Sofern sie Emma hießen…“, sage ich leise zu den Buchdeckeln, vielleicht verstehen sie mich ja. Vermutlich wissen sie mehr über Emmas als ich.
Ich wende mich ab und folge mit einem leisen Seufzen Emma, die schon lange um zwei Ecken verschwunden ist.
„Emma“, sage ich und sie blickt auf, sucht aber mit ihren Händen weiter hektisch nach Schlüssel oder Handy oder was auch immer sie sucht.
„Emma“, sage ich, „Wir haben noch Zeit. Lass uns doch einen Tee trinken.“
Sie schüttelt nur den Kopf und richtet ihren grünen Blick wieder auf die Kommode. „Wir sollten pünktlich sein, man weiß ja nie.“
„Aber Emma…“, setze ich an, sie aber hebt ihre Sonnenbrille hoch und sagt: „Ich hab sie, wir können los!“
Sie ist nie da.
(Bald da sein, heißt nur, nirgendwo jetzt zu sein.)
„Emma“, sage ich, „Emma, weißt du, dass du bei Morgenstern eine Möwe bist?“
Und sie blickt zu mir, während sie sich schminkt.
„Eine Möwe? Findest du?“
Ich betrachte sie, diesen dünnen Menschen, der immer rennt, mit seinen wilden roten Haaren und diesem selten eingefangenen, so grünen Blick. Sie lächelt nie ganz, nur dreiviertel, aber in ihren Bewegungen liegt trotz der Ruhe unserer Wohnung eine Ungeduld, die selbst die Schminke nicht verbergen kann. Ich schüttele den Kopf.
Sie lacht und verschwindet mit einem Augenaufschlag durch unsere Tür mit der abblätternden grünen Farbe und ein paar Flecken fallen auf den Boden als sie zuschlägt, fast wie der Regen unter Tannenbäumen. Ich betrachte Emmas Abwesenheit in dem Raum und die grünen Schuppen auf der Fußmatte.
„Nein, du bist keine Möwe“, sage ich in die Leere der Wohnung und die Wohnung hört zu. „Dich gibt es so nicht bei Morgenstern.“
Wir laufen eine gepflasterte, sich wellende Straße entlang. Ich suche irgendein Museum oder eine Galerie, von der ich zuvor gelesen habe, bin euphorisiert vom Pulsschlag der Stadt und ihren grellen Farben und freue mich über jeden Grashalm.
Emma geht vor mir, obwohl sie nicht weiß, wohin ich will, läuft in falsche Straßen und um falsche Ecken. Ich versuche, mich nicht aufzuregen, warum rennt sie nur weg, ich habe doch eine Karte dabei, klein, besser als nichts, aber so wirklich gelingt es mir nicht, denn ihr stummes „Sind wir bald da?“ dröhnt in meinem Hinterkopf als säße es in meinem Ohr.
Ich sage nichts, sie sagt ja auch nichts, aber als ich das Museum dann endlich finde, hat sie nach paar Minuten alles gesehen und wartet ungeduldig im Café.
Ich bleibe lange bei den Bildern von diesem Amerikaner stehen, Rosen, betrachte sie mit Emmas Ungeduld, die ich nicht abschütteln kann, und ärgere mich.
„Emma,“ flüstere ich dem Rosenzyklus zu, „Emma ist schuld.“
Aber die Rosen aus Amerika schweigen und Emma schweigt auch.
In der Bibliothek mit den zu großen Tischen und dem braunen Teppich, in der man sich nicht einmal traut zu husten, weil alles so leise und trocken ist und man fast an der Stille ersticken kann, lese ich in einem Gedicht von der „Koexistenz des Widersprüchlichen“ und denke sofort an uns, Emma.
(Das ist unser Problem.)
Und die Frage, ob wir bald da sind, so oft du sie auch stellst, könnte ich dir erst beantworten, wenn ich dieses Meer sehe. Aber Emma, dahin wirst du mit mir nie gehen, denn du wirst vorher um eine andere Ecke biegen, Morgenstern nicht sehen und nicht warten, ich kenne dich, du wirst wegrennen, nur um anzukommen, egal wo, aber nicht am Meer, nicht mit mir, nicht bei mir.
Und du bist einfach nicht aus Morgenstern, eMMa, so sehr ich mir das wünsche. Dort wirst du nie sein. Du wirst immer eine anwesende Abwesenheit bleiben.
Und du bist keine Emma wie sie in Büchern steht. Du bist eine eMMa und nie da.
„Bitte?!“
„Was?“ Ich schrecke auf.
„Was Sie wollen?“, fragt der Verkäufer mit der Pastellschürze.
„Ich,“, das Chamäleon löst sich auf, „Ein Croissant bitte. Und ein Pain au Chocolat.“ Und das eine Auge sieht das Mädchen plötzlich wieder, meine Emma für ein paar Minuten, wie sie bezahlt, ihre Tüte nimmt und aus dem Café hastet.

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Herr Hund und wie Luiz ihn kennen lernte

Kurzgeschichte

Hier nun also die Geschichte, die ich dem verehrten Herr Hund versprochen habe. Bzw., so ganz ist sie es nicht. Es ist nur das erste Kapitel.
Und jetzt viel Vergnügen bei eurer ersten Begegnung mit Herrn Hund, Luiz und dem Chamäleon.

Luiz lebte in einem grauen Haus in einer kleinen Straße in einem kleinen Ort, der ein Vorort zu einer immer noch kleinen Stadt war. Er hatte keine Geschwister und keinen Hund, nur ein Chamäleon, das sich aber nur wenig bewegte und mit dem er nicht spielen konnte. Manchmal las er Konrad, dem kleinen Chamäleon, Geschichten vor, aber spielen, das konnte Konrad wirklich nicht. Dazu fehlten ihm allein schon die Finger. Wenn Luiz Eltern also arbeiteten und er aus der Schule zurück war, saß er in dem weiten Garten in der Hängematte und beobachtete die Pflanzen und Tiere oder dachte sich Geschichten aus, in denen er nicht in einem zu kleinen Vorort ohne spannende Abenteuer lebte.
An manchen Tagen fuhr er mit dem Fahrrad durch die Straßen des Ortes, um seine beste Freundin zu besuchen. Sie wohnte fast eine viertel Stunde entfernt, aber Mayas Mutter war sehr nett und Maya hatte ein Kaninchen, das Torsten hieß und kleine graue Flecken hatte. Maya selbst hatte rote Haare und zwei Zöpfe und Luiz kannte sie schon seit dem Kindergarten.

Eines Tages traf er auf dem Weg zurück nach Hause Herr Hund.
Es war ein dünner Mann mit weißen Haaren und weitem Mantel, der da plötzlich auf der Straße vor Luiz Haus stand und so gar nicht aussah wie ein Hund. Aber als dieser Herr ihm zunickte und mit einem kleinen Lachen in den Mundwinkeln sagte, dass er ab heute hier wohne, ja heute einziehen würde, stellte er sich mit Herr Hund vor. Und man konnte ihn ja schlecht einfach anders nennen, nur weil er nicht wie ein Hund aussah.
Er hatte weiße struppige Augenbrauen und ein lachendes Gesicht mit weißem Bart, den er manchmal zwirbelte. Zu den weißen Haaren trug er meistens Schwarz, schwarze Pullover und schwarze Hosen und alte braune Lederschuhe. Nur im Sommer tauschte er das Schwarz gegen eine blaue kurze Hose ein und machte einen auf Matrose, weil er früher mal auf einem Schiff gelebt hatte.

Herr Hund zog tatsächlich in den nächsten Tagen ein und holte alte Möbel und angestaubte Stehlampen in sein neues Haus. Von da an wehte an Winterabenden Musik über den Schnee und im Sommer flatterten Bücher in dem Wind, den er immer in sein Haus ließ.
Er winkte Luiz, wenn dieser von der Schule kam und lachte dabei immer. Luiz fand, er sah nach einer Windhose oder etwas anderem Windigen aus, so wie seine weißen Haare immer nach hinten abstanden. Ganz so als wäre bei Herr Hund immer Wind. Luiz fand auch, dass Herr Hund nicht in den Ort passte. Er war zu nett.

Herr Hund besaß keinen Hund, er mochte nicht einmal Hunde wie Luiz später herausfand. Er wohnte in einem zu großen Haus, wie er immer sagte, denn obwohl er sehr groß war, war sein Haus noch größer als er und er lebte alleine, ohne eine noch größere Frau, für die das Haus hätte passen können. Seit er eingezogen war, war es hellblau und hatte einen kleinen gepflegten Garten, denn, so hatte er gescherzt, wie alle Hunde, mochte er natürlich Grünzeug. Dann hatte er allerdings über die verdammten Köter nebenan geschimpft. Vielleicht war das also nicht ernst gemeint gewesen.
Herr Hund hatte außer einem hellblauen Haus auch noch ein Auto, das grau war, regenhimmelgrau, genauso wie sein T-Shirt zu der Sommerhose, aber er benutzte es nie. Nur Sonntags putzte er es immer, sorgfältig und fast liebevoll, aber nur, wenn er glaubte, dass ihn niemand sah. Wenn zufällig jemand vorbeikam, schrubbte er so aggressiv, dass die Felgen quietschten. Vielleicht war das Auto zu alt, oder Herr Hund zu alt für das Auto – jedenfalls bewegte er es nie.

Luiz mochte die Nachmittage, an denen Herr Hund sich über den Zaun zur Straße lehnte und ihn fragte, wie es in der Schule denn so lief und ihm von einer seiner Reisen erzählte. Seine Reisen waren zwar alle schon lange her, aber sie klangen farbenfroh und laut und spannend und erzählten von Hitze, Sonne und Sand. Manchmal kam Herr Hund auch zu ihm in den Garten und sie spielten Karten oder tranken Tee zusammen.
An einem Sonntag zu Beginn des Sommers lehnte Luiz sich dann über Herr Hunds Zaun und nicht Herr Hund sich über seinen eigenen Zaun. Denn Luiz hatte etwas entdeckt, dass ihn erstaunte; Das Regenhimmelauto war weg. Er suchte den kleinen Garten des Hauses mit den Augen ab, nur um sicher zu gehen, aber da war nichts, nur das beißende Frühlingsgrün des Grases und die herein wuchernden Blätter des nebenstehenden Waldes. Vorsichtig lehnte er sein Fahrrad an den blauen Zaun, nicht, dass er die Farbe beschädigte, Herr Hund hatte sehr lange an dem Zaun gearbeitet bis er das perfekte Blau trug. Dann drückte er von außen die Klinke des Gartentors und trat ein.
Ein bisschen unangenehm war ihm schon, so ohne Herr Hund dessen Haus zu betreten, aber genau genommen war es ja nur sein Garten und nicht sein Haus und außerdem hatte er ja einen triftigen Grund – das Auto war entlaufen.
Die Garage stand sogar noch offen, so als hätte es das Auto vergessen seine Spuren richtig zu verwischen.
Luiz sah sich kurz darin um. Die Farbe war auch hier noch leuchtend, blendend weiß und eine blaue Tür führte wohl weiter in das Haus. An der Wand lehnte ein altes Rennrad mit Ledersattel und am Ende stapelten sich halbvolle Farbeimer auf einer untergelegten Plastikfolie. Das Auto jedoch, das war weg.
Er ging zur Tür, um zu klingeln und Herr Hund zu informieren, dass er sein Auto wohl einmal zu fest geputzt hatte und es jetzt weggelaufen war, an der Haustür jedoch entdeckte er einen Fetzen Papier.
Es war der Wirtschaftsteil der Zeitung von vergangener Woche, mit einem Stück Klebeband an der Tür befestigt und mit einer schwungvollen Schrift verziert, die jedoch so schwungvoll war, dass Luiz nichts entziffern konnte. Am Ende stand etwas, dass Hund heißen könnte, vermutlich seine Unterschrift.
Luiz starrte den Zettel an. Er kratzte sich am Bein. Blickte an der Wand hoch. Oben waren die Fenster geschlossen. Er klingelte einmal, wartete. Blickte noch einmal die Straße auf und ab, dann ging er zu seinem Fahrrad, schloss die Gartentür und fuhr die letzten paar Meter nach Hause.
Nachts träumte er von einem himmelblauen Hund, der mit einem Auto durch die Luft flog und über dem Meer beschloss, dass es im Wasser viel schöner war und dann abtauchte. Luiz wachte mit einem Luftschnappen auf.

 

 

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rosmarin-zigaretten

Kurzgeschichte

Dieser Text hätte schon lange hier landen können. Hatte aber wohl keine Lust, der faule.

rosmarinsträucher in paarbündeln auf holztischen im gewittersommer. es donnert, riecht nach tief fliegenden schwalben und noch trockenem kies. zigarettenqualm zieht aus schwarzen packungen herüber, fast so dunkel wie die wolken über den gewellten ziegeldächern.
auch unter sonnenschirmen wird die luft kalt. und durch das zigarettenglimmen nicht viel wärmer. du überschlägst die beine, weil du so nicht ganz so frierst, denkst an italien und wie gerne du jetzt dort wärest und nicht hier, im aufziehenden gewitter, zwischen rosmarin und fremden zigaretten.
dein gegenüber ist alt und makellos, die dürren finger perfekt manikürt und es meditiert während es raucht. vielleicht denkt es auch nur, auf jeden fall blinzelt es nicht. du glaubst, es ist eine frau, sicher bist du dir nicht.
du versuchst rosmarin zu riechen und nicht zigaretten, schließt die augen und suchst nach frühlingserinnerungen und findest nur welche aus kaschmir, viel zu weich für frühling, und dann welche aus meerwasser, viel zu salzig für frühling. alles mehr wintererinnerungen und dann räuspert sich die frau, nicht unhöflich, aber auf sich aufmerksam machend, und blickt dir in die augen mit einem grauen blick während sie die zigarette auf den kies rieseln lässt.
„ich hatte mal einen falken“, sagt sie und und blickt der asche hinterher. „ich hatte mal einen falken. er hieß bernd“
du kannst dir gut vorstellen, wie ihr falke auf ihrer schulter sitzt, so grau zu grau, farblich abgestimmt zu ihrer weste.
„er war ein wunderschöner vogel. so ruhig.“ sie nimmt noch einen zug. „und trotzdem aggressiv. ein guter vogel.“
in der brust dieser frau sitzt sicher auch ein grauer falke und nagt an einer toten maus. sie blickt dich an. und du zwingst dich, kurz zurückzublinzeln, dann wandern deine augen hinüber zu den balkonen des hotels, aber niemand blickt raus in den hotelgarten, hin zu euch unter dem großen kamelfarbenen schirm.
wie musik beginnt es auf den kies zu tröpfeln. aber jetzt aufstehen wäre unhöflich, das weißt du genauso gut wie die frau. vermutlich weiß das sogar ihr toter falke. bernd.
„er trug die ersten jahre immer eine maske.“ und du denkst bei maske kurz an eine zorro-maske und musst lächeln.
„aber dann konnte er auch ohne geführt werden. so schön ruhig.“ sie schüttelt den kopf. „so einen vogel hatte ich nie wieder.“ dann blickt sie in den grauen himmel „waren sie schon einmal auf der jagd?“, fragt sie, so halb in das grau, halb zu dir.
du guckst ihrem blick hinterher. „ich habe schon einmal…“, sagst du.
„tatsächlich“ der blick der frau ist zu dir zurückgekehrt und mustert dich. eine hand streicht durch die haare und über die verblüfften augenbrauen. ihre haare sind zu blond für ihre hände, zu jung für diese schon faltige haut. und trotzdem wirkt sie perfekt.
„mit meinem mann habe ich ja immer rebhühner gejagt. mittlerweile sind sie ja leider so selten. aber damals…“
„ah, perdix perdix“, sagst du da. du wolltest sie eigentlich nicht unterbrechen, eigentlich wolltest du gar nichts sagen.
„tatsächlich“, sagt sie und diesmal bilden ihre augenbrauen zwei fragenzeichen. zwei perfekte fragezeichen. die dich auffordern mehr zu sagen. dabei ascht sie in die rosmarinsträucher.
„das rebhuhn. perdix perdix. vor den 70ern gab es hier in den deutschen wäldern noch sehr viele“
und da lächelt sie. „perdix perdix. sehr schön. mein mann, wissen sie, jagte nicht so gerne.“ und jetzt lächelst du. „aber einmal schoss er ein rebhuhn für mich. es war ein perfekter schuss. mitten ins auge.“ sie blickt dir in die augen.
es blitzt und ihr zuckt leicht zusammen. es wird kälter, jetzt wo das gewitter über euch ist, aber es ist zu spät ins warme zu fliehen. jetzt, wo man schon redet.
„oh, wollen sie vielleicht ein bonbon? ich habe noch welche von meiner letzten reise. kosten sie!“ sie schiebt eine orientalisch anmutende pappschachtel auf den holztisch. du betrachtest kurz diese orangene einladung, lächelst dann und greifst zu ihr hin. eine hand auf deinem arm stoppt dich. und eine andere legt dir ein orangenes bonbon in die ausgestreckte hand.
„hier“, sagt sie nur und legt sich selbst ein weiteres auf die zunge. „aus arabien.“
du schiebst dir das orange in den mund. es schmeckt nach zimt.
„ich war dort in der steppe. sehr spannend.“
das bonbon schmeckt plötzlich trocken. zimtig und nach weiter steppe. arabien.
„dort soll die beizjagd sehr gut sein.“, rutscht es da aus dir heraus. wieder, ohne, dass du es sagen wolltest. liegt das an dem bonbon? oder an den rosmarinsträuchern? „habe ich zumindest gehört.“
„tatsächlich“ sie legt den kopf schief und zündet sich eine zweite zigarette an. ob bonbon mit tabak gut schmeckt? diesmal riecht der qualm fast angenehm, etwas nach sandelholz und du blickst den tabakwolken hinterher wie sie sich in den regenfäden verlieren. es wird stärker. der kies ist schon dunkelgraublau.
„ich war tatsächlich jagen dort. sie haben sehr gute falken. schön aggressiv“
„tatsächlich?“, antwortest du und schiebst das orange von rechts nach links. ihre fingernägel sind frühlingsfarben lackiert. ein marillen gelborange. passend zu dem grau der weste.
„ja, ein scheich lieh mir einen seiner falken. hellgrau, sehr intelligent“ sie tippt mit der zigarette auf den rand des aschenbechers. er steht in der mitte des tisches, etwas näher bei dir. ihre nägel sind doch mehr orange als gelb.
„es war ein würgfalke. wussten sie, dass man diese tiere auch sakerfalke nennt? man sagt, sie heißen so, weil sie so wertvoll sind, abgeleitet…“
„von dem lateinischen sacer, was so viel wie heilig bedeutet.“
sie lächelt leicht und nickt. „sie sind so schön schnell. schnelle reaktionen. sehr schön.“
und du blinzelst verwirrt. sie mustert dich.
„wie bitte?!“, fragst du und schluckst. das bonbon schmeckt zu trocken und bleibt in der linken backe kleben. meinte sie dich?
„haben sie schon einmal einen würgfalken fliegen sehen?“ sie nimmt einen zug und atmet durch die nase aus.
du atmest auch aus. „nur turmfalken und merline. sehr schön im sturzflug.“
„im sturzflug sind sie wunderschön. fast graziös, da haben sie ganz recht.“, sagt sie und spreizt ihr zigarttenfreie hand. fast wie ein flügel sieht es aus. und du frierst ein wenig.
„wissen sie, ich habe ein wundervolles landhaus. alles noch holz.“ sie drückt die zigarette aus und die krümel verglühen in dem aschenbecher.
du blickst ihr ins gesicht und sie blickt zurück ohne zu blinzeln. ihre augen sind jetzt fast blau.
„kommen sie, ich würde mich freuen.“ sie atmet ein, atmet den rosmarin und dich, dann steht sie auf, tritt an dir vorbei unter dem kamelfarbenen sonnenschirm hervor und du glaubst ihr perfekte hand im nacken zu spüren. dann ist sie weg.
du blickst zum himmel auf.
der regen ist vorbei.

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Unter Milchhimmeln

Kurzgeschichte

So, wer sich noch erinnern kann, kennt noch den Milchhimmeltext, der Anfang April entstanden ist. Und der liebe Kleine ist mir so ans Herz gewachsen, dass ich ihn weiter geschrieben habe und er jetzt als Prolog für eine (noch) kurze Geschichte dient.

Hier nun die ersten paar Seiten;

 

Unter Milchhimmeln

Prolog

Deshalb träumen wir in Halbsätzen. Die Matratze knarzt, Schritte auf alten Treppen, lautes Lachen und falscher Gesang, Traummomente, ein Lächeln zu ihm, ein Moment der Ruhe und dann plötzlich Musik.
Mit offenen Augen halb schlafend lauschen wir unbetrunkenen Klaviermelodien, vertreiben Schlafsand aus den Augenenden und tapsen leise hinaus auf diesen Balkon mit dem einen weißen Stuhl. Es ist kalt, zu kalt, aber warm für April und die Stimmen schwanken mit den Klaviertönen über den Hof, hin zu uns, die wir zitternd in den Himmel schauen. Die Sterne sind milchig heute, vielleicht weil April doch noch zu früh ist, um nachts Musik zu hören, vielleicht auch, weil die letzten Tage die Stadt auch schon unter diesem Milchhimmel ertrunken ist. Nachts sehen wir zumindest Sterne hindurch blitzen.
Ein Ruf treibt durch die Nacht, exotisch und wild und wir meinen Papageien in dem grünen großen Baum zu sehen. Ebenso grün wie die Blätter sitzen sie dort, schwanken im Schlaf zu der Musik und rascheln unruhig mit den Flügeln. Nur der eine Schlaflose sitzt still, beobachtet uns, aber wir sind die Dunkelheit nicht gewohnt, sehen nur grün und schwarz.
Er grinst. Er weiß, wo der Papagei wacht, kann sogar die Worte verstehen, die gesungen werden.
Er spitzt die Ohren, fast schon immer tut er das, und er weiß auch, dass wir seit Nächten nur in Halbsätzen träumen, manchmal sogar auch denken, er weiß, dass der Himmel milchig ist, bevor wir aufschauen, er weiß, dass diese Stadt ein Dschungel ist, bevor wir ihn sehen.
Er sitzt neben uns, der Tiger. Seine Augen spiegeln die hellen Fenster wider, in denen Klaviere spielen und Champagner fließt, und er grinst. Sein Fell ist milchig wie der Himmel über uns, milchig wie diese Stadt, aber ihn stört das nicht, er ist kein orangener Tiger, er braucht keine fiesen Streifen.
Hinter uns ein Flattern. Ein Flamingo steckt den Kopf zwischen die Flügel und blinzelt zwischen den Federn uns zu, sein Rosa nur schwach unter dem Himmel und seine Beine ein wenig zu dünn, aber er steht und schläft.
Das Fell des Tigers ist weich und als uns irgendwann doch die Augen zufallen, sehen wir noch einen grünen Papagei vor den hellen Fenstern. Wir sehen seinen Blick und versuchen zu träumen unter diesen milchig schwarzen Sternen.

 

 

Stoffunendlichkeiten

Sie beschließt Curry zu kochen, weil man da viel machen muss, Karotten raspeln, Zucchini schneiden, Auberginen  würfeln und dann alles schön lang köcheln. Aber es hilft nichts, egal, wie viel Currypulver sie in die Pfanne pudert, egal, wie oft sie umrührt und probiert; Sie blickt immer wieder zu ihrem Handy, wartet auf eine Nachricht, nur eine einzige Nachricht, wartet. Und selbst wenn sie nicht auf den Bildschirm blickt, dann denkt sie, stellt sich vor, was in dem Text stehen könne, falls jemals einer kommen sollte.
Dabei weiß sie, dass er immer Tage braucht um zu antworten. Nicht, weil er sie nicht mag, sondern weil er so ist.
Aber heute, heute ist das anders, irgendwas ist anders als sonst, und sie weiß nicht, ob das nur an dem überwürzten Curry liegt, aber ihr ist schlecht.
Und meistens ist ihr Magen das, was bei alten Leuten der kleine Zeh ist, der juckt, wenn Regen aufzieht. Ihr Magen, dem wird schlecht, wenn es regnen wird, wenn etwas Unvorhergesehenes passieren wird.
Und er fehlt.
Sie weiß, dass ihr nicht schlecht sein sollte, denn wahrscheinlich ist er nur zu den Bäumen, um mit den Papageien zu reden, so wie er es an Regentagen immer macht, weil sie da in den Bäumen sitzen, grün in grün, und sich über seinen Besuch freuen. Aber ihr Magen scheint das nicht zu verstehen und verknotet sich weiter.

Später liegt sie in ihrem zu großen Bett, betrachtet die zu weiße Bettwäsche und vermisst.
Sie schläft zu Musik ein und in ihren Träumen tanzen grüne Vögel auf einer großen Bühne zu Chopins Mazurken. Sie sitzt dahinter, hinter der Bühne und dirigiert die Tänzer, die sie doch nicht sehen, aber sie weiß, dass sie nicht aufhören darf, weil sonst die Musik stoppen würde, die von irgendwo kommt, vielleicht aus dem dunklen Zuschauerraum.
Zwischen den Tänzern sieht sie dann plötzlich Streifen, Tigerstreifen, aufblitzen. Aber als sie versucht, näher zu gehen, stolpert sie über die Ausläufe des riesigen Vorhangs und fällt und wird umhüllt von schwerem Stoff, nur ihr Arm dirigiert noch, kann nicht aufhören, und sie fällt weiter in Stoffunendlichkeiten, zieht vorbei an Dunkelrot und Faltenbergen, ein wenig wie Alice in ihrem Wunderland, nur kopfüber. Und plötzlich kommen ihr Papageien entgegen, manche mit Gamaschen und schwarzen Zylindern, und tanzen immer noch zu der Musik, die sie dirigiert und plötzlich verändern die Vögel ihre Farbe, werden sandfarben und der Zylinder wird zu schwarzen Streifen und als sie meint, nur noch Tiger zu sehen, die grinsend an ihr vorbei tanzen und sie dennoch ignorieren, ist sie wach.
Es ist noch grau vor dem Fenster, der Anfang eines guten Tages. Und sie will über seine Ohren streichen, fasst in Laken und erinnert sich erst dann, dass er ja weg ist, schluckt ein Seufzen, richtet sich auf und blickt noch einmal in das Grau. Vielleicht ist es doch nicht der Anfang eines guten Tages.
Im Radio läuft nur traurige Musik und frustriert beißt sie in das labbrige Toastbrot, weil der Toaster streikt und verdammt, warum muss man auch immer mit Melancholie bombardiert werden, die alle in melancholische, willenlose Zombies verwandelt, und niemand will das einsehen, niemand, nur sie sieht das und deshalb wird sie den Toast nicht essen, wird ihn einfach wegwerfen, weil sie erkannt hat, dass das gar kein Essen ist, nein, sondern einfach nur Pappe in Brotform und das Radio wird sie aus dem Fenster werfen, jetzt gleich, diese verdammte Melancholie und zieht den Stecker.
Sie hält inne. Ha, so geht es auch, vielleicht ist das sogar besser. Ein Radio besitzen und es aus Protest nicht zu benutzen. Das ist viel provozierender als, als…
Sie seufzt und starrt in ihr volles Glas Milch.
Es ist der falsche Tag. Das hat sie jetzt bemerkt. Der falsche Tag, um ruhig zu sein.
Tage, an denen sie ihr Brot wegwirft, sind entweder sehr gut, oder sehr schlecht. Wenn sie dann auch noch das Radio wegwerfen will, dann ist es ein schlechter.
Vielleicht sollte sie es wirklich mal entsorgen. Es ist nicht einmal schön, beigebraun-Kamelfarben mit einer Alienantenne. Eine Freundin hat es mal Siegfried getauft, so Abends bei Rotwein und verkochten Nudeln. Und Siegfried hat bis jetzt all ihre schlechten Tage überlebt. Obwohl er hässlich ist. Aber jeden Wohnung braucht ein Alien, einen Siegfried. Allein, damit man an Rotweinabenden was zu lachen hat.
Tiger hat sich an den Abenden meistens in Büchern vergraben, aber an dem Siegfriedabend war er dabei. Er war es auch, der sich am nächsten Morgen an den Namen erinnern konnte und das Radio auch danach noch fast liebevoll anredete. Wenn er das Radio andrehte, kam auch keine melancholische Musik, ihn mochte Siegfried wahrscheinlich.
Sie trinkt ihr Glas aus. Weg mit den Gedanken an ihn, er wird schon wiederkommen. Wie jedes Mal. Sicher.
Sie steht auf. Räumt rum. Duscht. Zieht sich an. Putzt die Wohnung. Blickt auf das Thermometer. Zieht sich um. Gießt sich einen Orangensaft ein. Und setzt sich.
Sie blickt auf ihre Fingernägel, die noch verblättert orange sind, kratzt am rechten Daumennagel. Es sieht fast aus wie ein Mond, der Fleck Orange, wie ein Mond am Sonnenuntergangshimmel. Zumindest ein bisschen. Sie kratzt noch ein wenig Farbe ab. Schenkt sich nochmal Milch ein. Und blickt zum Fenster. Immer noch grau draußen. Zu Grau. Ihr Zeigefinger links ist etwas schief. Schiefer als der Finger rechts. Ob das so gehört? Vielleicht hat sie eine Fehlhaltung. In den Fingern. Bestimmt gibt es sowas. Fehlhaltung. In den Zeigefingern.
Ach, sie braucht Musik. Egal wie melancholisch, schlimmer als das Wetter kann es nicht sein.
Sie steckt das Radio wieder ein. „…zeitweise auch fast klar, nur tageweise Regen, ansonsten schön. Wir wünschen Ihnen einen wunderschönen…“ Sie schaltet auf Musik um. Schöner Tag! Bitte, wer konnte dieses Grau nur schön finden. Aus ihrem Milchhimmel ist eine Bleikuppel geworden, die sich weigert zu weichen. Sie hasst Blei. Milchhimmel waren schön, beruhigend, geheimnisvoll. Sie liebt diese hellgrauen Tage. Aber diese dunkle schwere Wolkenmasse hatte damit nichts gemein. Sie hält die Stadt in einem Würgegriff, schluckt jedes Licht und alle schönen Geräusche. Kein Wunder, dass er da geflohen ist.
Sie blickt auf ihr Handy. Aber das spiegelt nur zurück und zeigt keine Worte. Vielleicht sollte sie doch raus, raus aus der Wohnung, rein in das Blei. Vielleicht findet er ja nur nicht mehr zurück. Vielleicht war er gar nicht geflohen, sondern hatte sie nur verloren. Vielleicht braucht er bloß Hilfe!

Die Straße ist noch grauer als der Himmel und als sie über das Kopfsteinpflaster geht, sind sogar die Menschen grau. Sie plustert ihre Backen auf und wärmt ihre Hände in ihrer grünen Jacke, damit zumindest die ein wenig Farbe sehen.
Sie weiß schon, wie sie ihn wiederfinden und wie er sie wiederfinden wird. Theoretisch könnte sie auch zufällig über ihn an einer Dönerbude stolpern, wo doch alle immer an Dönerbuden stehen in dieser Stadt. Aber über diese Idee hätte er nur gelacht. Und es ein wenig beleidigend gefunden. Wo sie doch weiß, dass er Vegetarier ist, schon immer war, schon sieit sie sich kannten und das war ja quasi schon immer. Er isst nicht einmal Hühnchen, obwohl man das ja schon nicht mehr Fleisch nennen kann, wie sie schon mehrmals festgestellt haben.
An der Ecke zum verlassenen Kinderspielplatz blickt sie sich unauffällig um, ob sie jemand sehen kann, denn nur dann funktioniert das und dreht sich beruhigt wieder um, als sie den alten Mann auf seinem Balkon mit Mops im Arm sieht, die sie misstrauisch beäugen. Auf die alte Wippe mit den vielen Splittern, auf der sie sonst so oft sitzen, legt sie einen Schokokeks, genau hinter den roten Griff. Wartet dann kurz, aber wie gedacht reicht ein Keks allein nicht aus. Sie lächelt, vielleicht zum ersten mal an diesem Tag, als sie den Blick des Mopsmannes sieht. Dessen Hund verschwindet vermutlich nie, weil er an der Leine spazieren geht und wenn, dann kann man ihn mit einem „Hier her!“ wieder anlocken. Oder mit glitschigem Nassfutter. Der Mann hat vermutlich noch nie versucht einen Freund wieder zu finden.
Sie winkt Mann und Mops und biegt um die Ecke.
Bei Rosies Gemüseladen versteckt sie unauffällig eine Packung Marshmallows zwischen den Kokosnüssen und zwei Teelichter bei den Maracujas. Ungegrillt mag er Marshmallows nämlich gar nicht, da sind sie ihm zu Badeschaum-ähnlich. Danach kauft sie sich selbst noch eine Papaya als Tarnung.
Bei der großen Kreuzung, der mit den immer roten Ampeln, steht sie wieder zwischen Massen da und so zwischen den anderen Köpfen blickt sie zum Himmel, um das Blei zu inspizieren und hat plötzlich ein Flamingogefühl. Ein Blick in ihrem Nacken, der sich so rosarot anfühlt und mit zu langem Hals geworfen wird. Sie wendet langsam ihren Kopf und sucht die Menge nach Rosa ab. Die Frau mit den roten Locken ist es nicht, viel zu lockig, das Kind auch nicht, zu kurzer Hals, und der Opa kann nicht einmal gerade gucken.
Eine Reihe weiter hinten sieht sie einen Mann in rosa Pullover, mit winzigen Augen und langem Gesicht. Als sie ihn anblickt, guckt er weg, wird leicht rosa an den Backen, der Flamingomensch.
Sie starrt ihn an, obwohl es eindeutig nicht der Flamingo vom Dach letztens ist, er eine ganz andere Farbe hat und sie so gar nicht anblinzelt, aber was sucht er hier, hier auf der Kreuzung, mitten in der Stadt? Warum ist er da, warum er statt Tiger und was soll diese merkwürdige Farbe, richtige Flamingos sind doch zartrosa und nicht so pink!
Die Ampel wird grün und sie stürzt los, weg von dem Dschungelvogel, hin zu ihrer Wohnung und sieht noch, halb aus den Augenwinkeln, wie die Frau neben dem Flamingo lächelnd in einen Schokokeks beißt. In Tigers Schokokeks.

 

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Prolog: unter Milchhimmeln

Kurzgeschichte

Der Text ist nicht ganz so neu, stammt tatsächlich aus der ersten Sommernacht des Jahres in einer fremden Stadt.
Vielleicht ist er Teil einer neuen (langen) Geschichte, aber sicher kann ich das nicht sagen. Mal sehen, wohin er mich noch entführt.

 

für Simba

Deshalb träumen wir in Halbsätzen. Die Matratze knarzt, Schritte auf alten Treppen, lautes Lachen und falscher Gesang, Traummomente, ein Lächeln zu ihm, ein Moment der Ruhe und dann plötzlich Musik.
Mit offenen Augen halb schlafend lauschen wir unbetrunkenen Klaviermelodien, vertreiben Schlafsand aus den Augenenden und tapsen leise hinaus auf diesen Balkon mit dem einen weißen Stuhl. Es ist kalt, zu kalt, aber warm für April und die Stimmen schwanken mit den Klaviertönen über den Hof, hin zu uns, die wir zitternd in den Himmel schauen. Die Sterne sind milchig heute, vielleicht weil April doch noch zu früh ist, um nachts Musik zu hören, vielleicht auch, weil die letzten Tage die Stadt auch schon unter diesem Milchhimmel ertrunken ist. Nachts sehen wir zumindest Sterne hindurch blitzen.
Ein Ruf treibt durch die Nacht, exotisch und wild und wir meinen Papageien in dem grünen großen Baum zu sehen. Ebenso grün wie die Blätter sitzen sie dort, schwanken im Schlaf zu der Musik und rascheln unruhig mit den Flügeln. Nur der eine Schlaflose sitzt still, beobachtet uns, aber wir sind die Dunkelheit nicht gewohnt, sehen nur grün und schwarz.
Er grinst. Er weiß, wo der Papagei wacht, kann sogar die Worte verstehen, die gesungen werden.
Er spitzt die Ohren, fast schon immer tut er das, und er weiß auch, dass wir seit Nächten nur in Halbsätzen träumen, manchmal sogar auch denken, er weiß, dass der Himmel milchig ist, bevor wir aufschauen, er weiß, dass diese Stadt ein Dschungel ist, bevor wir ihn sehen.
Er sitzt neben uns, der Tiger. Seine Augen spiegeln die hellen Fenster wider, in denen Klaviere spielen und Champagner fließt, und er grinst. Sein Fell ist milchig wie der Himmel über uns, milchig wie diese Stadt, aber ihn stört das nicht, er ist kein orangener Tiger, er braucht keine fiesen Streifen.
Hinter uns ein Flattern. Ein Flamingo steckt den Kopf zwischen die Flügel und blinzelt zwischen den Federn uns zu, sein Rosa nur schwach unter dem Himmel und seine Beine ein wenig zu dünn, aber er steht und schläft.
Das Fell des Tigers ist weich und als uns irgendwann doch die Augen zufallen, sehen wir noch einen grünen Papgei vor den hellen Fenstern. Wir sehen seinen Blick und versuchen zu träumen unter diesen milchig schwarzen Sternen.

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Füsche und Quallen, Part 1

Kurzgeschichte

Hier eine Antwortgeschichte auf einen wundervollen Text, in dem sich die Protagonistin fragt, ob man in Telefonzellen tauchen kann.
Ja, man kann. Natürlich kann man das.
Der Text ist noch nicht fertig, aber ich wollte ihn trotzdem mit euch teilen – vielleicht hat jemand ja eine Idee wie es weitergehen wird?

Sie sieht Fische. Überall Flossen und Kiemen und Regenbogenfarben, die im Dunkeln leuchten. Sie sieht Fische zwischen Korallen, zwischen Felsen, zwischen Fischen, sie sieht einen riesigen Fischhimmel, der schwimmt, flüstert, schillernd tanzt.
Man kann in Telefonzellen tauchen.
So viel weiß sie jetzt, jetzt wo sie zwischen Fischen schwebt. Die Fische glotzen hinein, durch die altmodischen roten Gitter der aus London entflohenen Telefonzelle, glotzen wie in der alten Geschichte. Und sie glotzt ein wenig zurück, raus aus dem Licht, hinein ins Dunkel, erkennt keine bekannten Gesichter und erinnert sich erst als ihre Finger den Staubsand auf der Ablage durchfahren, weshalb sie in der roten Telefonzelle ist.
Es ist nicht meine Schuld, denkt sie, während sie sich an die versandete Scheibe lehnt, ganz rechts, obwohl es ja eigentlich kein rechts mehr gibt, so im unendlichen Ozean, aber es ist ein rechts, das beschließt sie. Ein rechts neben der Ablage.
Sie sinkt nur langsam und obwohl es innen behaglich ist und sie nicht friert, fürchtet sie sich, denn sie weiß nicht, ob es immer so warm bleiben wird, ob ihr englisch rotes Tauchboot eine Landung überleben kann.
Sie weiß es nicht, weil sie noch nie in einer Telefonzelle getaucht ist.
Sie weiß es nicht, weil sie nicht weiß, ob sie wirklich gerade taucht oder träumt.
Sie blickt auf die Muster in dem Sand, den jemand in der Telefonzelle vergessen hat, den der Wind hinein gebracht und niemand wieder hinaus gebracht hat. Und sie denkt an grüne Augen, die sie vermisst. Denn ihre eigenen Augen, die sind nicht grün genug, die sind wässrig, mal blau mal grün, aber niemals meeresfarben.
Und deshalb versteht sie es nicht. Versteht nicht, weshalb sie in dieser Telefonzelle taucht – wo sie doch keine Meeresaugen hat.
Draußen zieht ein kleiner Quallenschwarm durch den Fischhimmel.
Sie ist hier, weil sie wissen wollte wie es ist, sich in einen Fischhimmel zu verirren und tatsächlich ist es wohl doch ihre Schuld, dass sie jetzt in einer tauchenden Telefonzelle sitzt und wartet. Nicht, dass sie sich wirklich unschuldig gefühlt hätte. Aber falls jemand sie oder sie sich selbst später fragen sollte, dann war es wohl ihre Schuld.
Ein Kalamari winkt aus dem Meeresdunkel.
Das Problem ist, denkt sie, dass man in einer Telefonzelle tauchen kann, aber nicht lenken. Und außerdem gibt es keine Uhren in Telefonzellen und das ist es, was sie am meisten stört.
Denn ein Blick auf eine Uhr und sie wüsste, wann es Zeit wäre, egal für was, denn zu wissen, wann es Zeit ist, ist wichtig, vor allem, wenn man zu viel davon hat. Dieser Gedanke spukt in ihrem Kopf und sie weiß nicht genau, woher er kommt, vielleicht aus einem Buch, oder auch von ihr, auf jeden Fall, erinnerte er sie an Alice im Wunderland und plötzlich fühlt sie sich ein bisschen wie Alice, bloß älter. Aber neben ihr steht kein Trank, liegt auch kein Kuchen, der sie größer oder kleiner machen könnte und sowieso würde sie das gar nicht wollen, denn dann würde sie vielleicht die Telefonzelle sprengen und das Dunkelwasser hineinfließen und ob man auch ohne Telefonzellen tauchen kann, das weiß sie nicht.
Deshalb schiebt sie die Alice-Gedanken zur Seite und blickt einem Fischschwarm hinterher. Im Licht ihres Bootes schimmern ihre Rücken leicht, wirkt der Schwarm wie ein großes Gemälde
Und erst so, als sie in das Dunkelmeer aus Blau und Grüntönen blickt, erinnert sie sich an das Telefon, das es in ihrem roten Untermeeresboot geben muss.
Sie sieht sich um und ihre Augen, ihre nicht meeresfarbenen Augen, finden tatsächlich einen Telefonhörer, eine schwarzen, altmodischen, mit Drehscheibe. Eine Telefonzelle aus London mit Drehscheibe, denkt sie, romantischer geht es nicht. Aber was soll sie tun. Sie ist nicht für die Romantik verantwortlich auf diesem Tauchgang. Sie wollte nur wissen, ob man hier und so tauchen kann und nicht, wie romantisch das ist.

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Frau Gertrudes Weihnachtsgeschichte

Kurzgeschichte

Jetzt, wo es vorbei ist; Frau Gertrudes Meinung zu Weihnachten.

 

für meine Eltern

Frau Gertrude mochte Weihnachten nicht.
Das beschloss sie, als sie in den Bauch eines behaarten Riesen gedrückt wurde und nur noch Schweiß roch.
Weihnachten war schrecklich, so viel war sicher, warum auch immer sie auf die Idee gekommen war, heute einkaufen zu gehen, niemand sollte heute einkaufen gehen, niemand, es sollte verboten werden, an Weihnachten die Geschäfte überhaupt zu öffnen, um die letzten Restposten für zu viel Geld zu verscherbeln, es sollte verboten werden, nein, man sollte gefälligst einen Volksentscheid gegen Weihnachtsverkauf abhalten, oder besser, Weihnachten generell sollte abgeschafft werden, wer brauchte das schon?
Weihnachten roch nicht nur schlecht, es hatte auch noch zu viele Haare, in die Frau Gertrude gerade gedrückt wurde. Dabei wollte sie doch nur eine Puppe für ihre Nichte!
Der Riese vor ihrer Nase grunzte entrüstet, als die Mutter vorne an der Kasse ihren Geldbeutel nicht finden konnte, und Frau Gertrude drehte angewidert ihren Kopf zur Seite.
Und blickte in die glasigen Augen einer Dogge. Sie blinzelte entgeistert.
Die Dogge blinzelte zurück.
Frau Gertrude blinzelte.
Die Dogge schluckte und ließ lächelnd die orangene Zunge hängen.
Frau Gertrudes Augen weiteten sich, als sie den Speicheltropfen hinterher blickten, die langsam, unglaublich langsam aus den zu tief hängenden Mundwinkeln des Hundes kullerten und schwerelos zu Boden schwebten. Sie glitzerten, leuchteten in allen Regenbogenfarben, tanzten geradezu in der Luft, drehten sich, veränderten die Form von einer Kugel, zu Tropfen, Fäden.
Und trafen auf Frau Gertrudes Schuh.
Auf ihren Schuh.
Den Schuh.
Ein Schrei entwich ihren knitterigen Lippen.
Mit einem Ruck stieß sie sich von dem behaarten Bauch und der tropfenden Dogge weg, stolperte rückwärts über einen Kinderwagen, fing sich an einem Regal ab, merkte noch, wie dieses begann zu schwanken, warf sich dagegen, um das blonde Baby nicht unter dem Regal zu begraben, blieb schweratmend stehen und blickte in die entsetzten Gesichter des gesamten Kaufhauses.
Es regnete Playmobilprinzessinnen. Auf Frau Gertrude, das Baby, die Dogge, den Riesen und die Mutter.
Und Frau Gertrude hasste Weihnachten.

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Frau Gertrudes Zugfahrt

Kurzgeschichte

Frohen dritten Advent und einmal heiße Schokolade für Alle. Auch für Frau Gertrude.

Frau Gertrude fuhr rückwärts Zug. Und ihre Mundwinkel wanderten zu ihren Schnürsenkeln.
Es war kein guter Tag.
Sie saß inmitten eines Frauenchores, einem Chor aus alten, lauten Frauen. Sie sangen nicht – zum Glück nicht – aber sie redeten, und das war noch schlimmer. Frau Gertrude wollte nicht wissen, wie groß das Hühnerauge der einen und der kleine Wuffi der anderen war. Das wollte sie nicht und deshab schaltete sie ihr Höhrgerät ab und blickte aus dem Fenster.

Es war Weihnachtszeit, aber noch ein wenig zu grün und jetzt schneite es im Minutentakt – bei jedem Blick aus dem Zug war ein anderes Wetter. Nur grün blieb es. Schlammig grün.
Schnee mochte Frau Gertrude auch nicht, der war ihr zu weiß und zu kalt. Sie mochte Schnee nur, wenn er meterdick und sie selbst im Warmen war – mit einer Kuscheldecke und einer großen Kanne heißer Schokolade.
Die hatte sie jetzt aber nicht. Nur den blöden Chor hatte sie, der jetzt auch noch Rosée-Prosecco auspackte und Zimtsterne verschlang.

Versoffene Hühner!, dachte Frau Gertrude und starrte böse den blauen Bezug ihres Vordersitzes nieder. Das Blau war nicht einmal ein richtiges Blau. Es war eine hässliche Kreuzung aus Grün, Marineblau, Wasserfarben, dreckigem Braungrau und allen ekligen Mischtönen, die im Spektrum der Blautöne lagen. Frau Gertrude fühlte sich plötzlich sehr unwohl auf ihrem Sitz, rutschte auf und ab und blinzelte nervös unsichtbare Tränen weg. Woher wohl das Braun in dem Blau kam?

Der Schaffner kam.
Frau Gertrude verfolgte den Kampf des Schaffners mit der störrischen Tür und lächelte, als sie die Unruhe der Hühner bemerkte. Sollten sie etwa keine Fahrscheine haben? Welch köstliche Vorstellung. Zum Piepen, dachte sie, schLatete ihr Hörgerät wieder ein und streichelte liebevoll über ihr Ticket.
Aber eine der Choristen hielt ihm einen kleinen Papierstapel hin. Naja, vielleicht waren es ja die falschen. Oder die Hühner saßen im falschen Zug. Frau Gertrude freute sich auf alles, was jetzt kommen würde.

„Na, da ist der Abend ja wohl gelaufen“, brummte der Schaffner, als er die Tickets der Frauen inspizierte.
„Wie meinen?“, piepte das Oberhuhn.
„Das ist nicht gestempelt meine Damen. Da müssen sie Strafe zahlen.“
„Rosemarie! Das habe ich dir doch noch in der Mail geschrieben!“, zirpte die Rothaarige über den Gang.
„Oh“, Rosemarie schluckte nervös, „das haben wir in der Eile wohl vergessen…“, sagte sie und blickte nervös an dem Bauch des Schaffners vorbei in dessen Gesicht.
Hach, dachte Frau Gertrude und faltete die Hände vor ihrem Bauch, Popcorn wäre jetzt schön!

 

 

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Ich bin ein Meer

Kurzgeschichte

Eine Geschichte, die in Amsterdam entstanden ist und leichten Einfluss von den wundervollen Dünenlandschaften und dem Meer Nordhollands aufweist.

Ich bin ein Meer

I.
Meine Gefühle gehen auf Seefahrt. Morgens und Abends ist es am Schlimmsten.

Meine Gefühle begeben sich auf Seegang.

Meine Gefühle sind wie das Meer.

Meine Gefühle sind ein Meer.

Ich bin ein Meer.

 

II.
Ich bin ein Meer, das tobt und schäumt, die Gischt rollen lässt und Fische in die Brandung wirft.
Ich bin ein Meer aus Gedanken und Gefühlen. Ich überschlage mich und werfe mein Gehirn in meterhohen Wellen durch die Luft, verschlinge es in tiefen Strudeln und spucke es auf Wellenbergen wieder aus.
Mein Gehirn weiß sich nicht zu wehren. Es zieht im falschen Moment die Segel auf und wiegt sich in Sicherheit bis es plötzlich verschlungen wird. Es versteht nicht, dass das Wasser mit ihm spielt. Und wird es nie verstehen. Nie.
Denn das Meer, das wilde ungezähmte Wasser, wird das Gehirn nicht ruhen lassen. Weil es dann selbst ruhen müsste.
Wenn alles ruht, beginnt das Gehirn zu denken und in ihm, in den tausend Windungen, dem Hypothalamus, der Hypophyse, dort tobt dann ein zweites Meer.
Dieses Meer jongliert ein Boot, das irgendwann ausgespuckt wird, dann ächzend in der Luft steht, zitternd vor falschen Erwartungen.
Es wartet auf einen Windhauch, eine Richtung.
Meist passiert nichts.
Doch manchmal segelt es ruhig davon
und dann man kann auf seinem Rumpf lesen;
Entscheidung

 

 

III.
„Ich bin ein Meer“, sagt sie und blickt entrückt auf das angebissene Stück Brot. „Ich bin ein Meer, das schäumt und tobt und Fische in die Brandung wirft.“
Du bist verdurstet, sonst nichts, denke ich und blicke an ihr vorbei durch das Fenster in die gleißende Sonne vor dem Café. Es ist wärmer als gewöhnlich.
„Ich bin ein Meer aus Gedanken und Gefühlen. Und auf meinen tobenden Wellen schaukelt mein Hirn. Ich verschlinge es, spucke es auf Wellenbergen wieder aus und werfe es meterhoch durch die Luft. Ich lasse es niemals ruhen, verstehst du?“
Ich falte die geblümte Serviette. Ein Dreieck, ein Quadrat, ein Dreieck, ein Quadrat. Redet sie wirklich mit mir, frage ich mich, oder mit ihrem Brot?
„Und mein Hirn, das… das weiß sich einfach nicht zu wehren. Es holt die Ruder aus, wenn Wind aufkommt, es zieht die Segel ein, wenn Windstille ist und es wiegt sich in Sicherheit bis ein tiefer Strudel es verschluckt. Ich glaube,”, sie schiebt sich eine Haarsträhne aus der Stirn, „Ich glaube, es will die Gefahren einfach nicht erkennen.“ Sie blinzelt und fixiert die Serviette mit ihrem unförmigen Blumenmuster. Draußen jagen sich zwei Hunde.
„Das Meer, das will aber nicht ruhig sein. Es will nicht aufhören zu toben. Denn bei Stille, da beginnt das Hirn zu denken. Es denkt dann. Und in ihm, in dem Hirn, da tobt ein zweites Wellengebirge. Dort, hinter tausend Windungen, hinter Hypothalamus und Hypophyse. Dort schaukelt ein Boot. Auf den Wellen.“
Einer der Hunde sieht aus wie Pumpi. Pumpi. Ich schlucke. Wie gerne hätte ich ihn gerade hier. Dann könnte ich ihn kraulen, und er würdest meine Hand ablecken und mir ginge es gut. Ich streichle über die Serviette. Vorsichtig, ganz liebevoll, aber sie ist so gar nicht wie sein Fell.
„Das Boot wehrt sich gegen die meterhohen Wellenberge, bis es irgendwann, manchmal erst nach Tagen, ausgespuckt wird. Es steht dann da – zitternd vor falschen Erwartungen – in der Luft. Es schwebt da und wartet auf einen Windhauch, auf einen Anstoß.“
Pumpi war immer schneller als der Wind, schneller als mein Fahrrad. Mein Windhund, mein Fahrradwindhund.
„Und manchmal, selten, segelt es dann wirklich. Und dann sieht man, wenn es vorbei zieht, ganz verblichen einen Schriftzug. Mitten auf dem Schiff. Da steht dann…“ Sie macht eine Pause. Und ich blicke auf. Schon fertig?
„Da steht dann…“ Sie faltet bedeutungsschwer ihre Hände. „Entscheidung. Entscheidung steht da.“
Ich blicke auf ihre gefalteten Hände, ihre lackierten Fingernägel und ihren Schlangenring. „Entscheidung?“
„Entscheidung“, sagt sie feierlich. „Mitten auf dem Schiff.“
„Entscheidung“, sage ich. Na klar, was sonst. Entscheidung.
„Verzeihung, haben Sie sich jetzt entschieden?“, drängt sich da der Kellner an mein Ohr.
Ich blicke perplex an ihm vorbei.
„Das habe ich tatsächlich.“ Sie lächelt breit und streicht über das Menü, so ganz beiläufig. „Ich hätte gerne das Rührei mit…“ Sie leckt sich kurz über die Lippen. Ganz so, als könnte sie das Ei schon schmecken. Kann sie aber nicht. Sie will nur den Typen bezirzen. Ich
gucke aus dem Fenster. Demonstrativ.
„Mit Speck bitte.“
„Nicht mit Früchten?“ Er grinst.
„Mit Speck.“ Sagt sie und reicht ihm das Menü.
Ach Pumpi, komm schon. Renn noch einmal an der Scheibe vorbei. Zeig ihr, wie schlecht der Kellner wirklich aussieht. Zeig ihr, dass ich auch ein Meer bin.
„Das war eine richtige Entscheidung“, sagt sie, als der Typ weg ist. Abschließend und absolut. Und ich blicke ihr in die Augen. Der Kellner? Oder das Essen?
Ich sage nichts, weil sie es nicht erwartet. Draußen scheint die Sonne und zwei Kinder spielen Fangen.

Das hier, das war die falsche Entscheidung, denke ich und falte die Serviette. Das Restaurant.
Ein Quadrat, ein Dreieck, ein Quadrat, ein Dreieck, ein Meer.
Ich bin ein Meer. Ich. Ein Meer aus Gedanken und Gefühlen. Du, du bist nur verdurstet!

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Und die Fische machen einen auf Sternenhimmel

Kurzgeschichte

Diesmal ein etwas älterer Text, der in der letzten Schreibwerkstatt fertig gereift ist.

 

für Fred

Wir stehen vor der dunklen Scheibe und beobachten die Sterne mit ihren Flossen. Ein kleines Universum.

Und wir fühlen uns wie im Märchen.
Spielen weiter Prinz und Prinzessin, küssen Frösche (oder auch Fische) und tragen gläserne Schuhe. Meine leuchten dunkelrot während unter ihnen der Linoleumboden matt schimmert. Die Fische spielen Publikum, starren bewundernd auf uns herab, auf uns glitzernde Märchengestalten und klatschen stumm.

„Soll ich mich entscheiden?“

Du erzählst ihnen Geschichten und ich male die Bilder dazu. Zeichne Riesen und Schiffsschrauben an das glatte Glas. Ein kleiner orangener Clownfisch folgt meinen Fingern. Kurz glaube ich, ihn an meiner Fingerkuppe knabbern zu spüren. Du lachst und ich verstecke mein Grinsen in den Seeanemonen.

„Ob ich mich entscheiden soll, habe ich gesagt. Oder was du dann willst?“

Wir liegen zu zweit auf dem kaltmatten Boden. Die Fische springen Loopings, reiten in wildem Galopp durch die Manege und verschwinden plötzlich im Nichts. Verschlucken wagemutig gleißende Lichtbälle. Unser Fischzirkus.

„Du brauchst dich nicht zu entscheiden“, hast du gesagt, “ Aber du musst Prioritäten setzen.“

Manchmal meine ich den orangenen Clown zu sehen, der mir damals die Hand angeknabbert hat. Er blinzelt mir hinter einer der Seeanemonen hervor.
Und ich blicke Vater über die Schulter, vorsichtig und unauffällig und winke ihm zu.
Ja, das bleibt unter uns. Damals, der eine Moment. Nicht wahr?
Und der Fisch nickt und verschwindet. Vielleicht war es aber auch ein anderer.

„Ich wusste, du würdest dich richtig entscheiden. Meine Kluge.“

Beschriftete Pferdeskelette galoppieren über die Seiten. Der Muskelquerschnitt der Fischlunge streckt mir die Zunge heraus. Und Latein war mir immer schon zu formstarr.
Während dem vielen Lernen träume ich oft von den Fischhimmelnächten und dem Zirkusaquarium. Von unserem Märchen. Und frage mich, wieso ich mich entscheiden musste.
Vater versteht das nicht. Glaube ich. Hat es nie. Er freut sich über mich und mein Lernen.
Ich gehe den kleinen Clown oft besuchen. Vielleicht sehe ich dich mal.

„Und – sieh mal – es macht dir sogar Spaß. Hab ich dir doch gesagt“, meintest du danach. „Das Studium ist was für dich. Medizin, das hat dir schon immer gelegen.“

Tiefseefische leuchten als Schutzfunktion. Wo ist da denn der Spaß? Alles, was ich nie wissen wollte, muss ich können. Und Geheimnisse gibt es sowieso nicht mehr.
Sie fehlen mir. Die Abende im Aquarium, der Fischzirkus.
Du fehlst auch. Und das Schlimme ist, dass ich nicht einmal weiß, wo du bist. Vielleicht bist du ja zum Fisch geworden. Zum orangenen Clownfisch.

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Ein Ende

Kurzgeschichte

Der Bus fährt zu langsam, steht im Stau, macht schon wieder Pause! Wie oft kann ein Mensch denn Pissen? Es steigt natürlich niemand aus, niemand außer dem verdammten Busfahrer. Wirklich niemand.
Sie sitzt in dem zu bunten Sitz, so weit nach hinten gelehnt wie möglich. Sie will nicht, dass jemand hinter ihr sitzt. Musik wäre jetzt gut. Aber der Akku ist leer. Warum ist der Akku auch immer leer?! Wirklich immer?!
Jetzt liegt sie in diesem zu langsamen Bus, hasst die Busfahrer, die kein Deutsch können und Englisch kaum verstehen, hasst die verdammten Kroaten, die alle zu dick sind. Dick und hässlich. Allein die Sprache ist schon hässlich. Wer sagt schon „hvala“ für Danke? Das klingt doch komplett gestört. Jeder normale Mensch denkt da, man will ihm den Hula-Hula-Tanz vortanzen und nicht „Danke“ sagen.
Die Frau zwei Reihen vor ihr stöhnt dauernd so, als würde ihr ein Apfel im Hals stecken. Jeder zweite Atemzug wird von einem „chrmh“ begleitet. Wenn sie Schmerzen hat, soll sie doch Pillen nehmen, wie jede vernünftige Person! Ist das denn so schwer? Leidet sie so gerne? Oder muss sie einfach nur den gesamten Bus belästigen mit ihrem Seufzen, diesem Geräusch, als würde ein Hund einen Asthmaanfall bekommen?
Sie fährt sich durch die Haare und zupft ihr T-Shirt zurecht.
Und der Junge neben ihr, auf der anderen Seite des Gangs, der Blonde mit dem platten Gesicht – hat der seine Brille verloren und kann deshalb kaum was sehen oder warum glotzt der so?
Sie wünschte, sie hätte eine Sonnebrille. Oder besser noch; Scheuklappen. Dann müsste sie die anderen nicht mehr sehen. Und Ohrstöpsel.
„Entschuldigen Sie!“ Sie blickt den Jungen erstaunt an – er kann reden? „Kann isch misch vielleischt neben Sie sezzen?“, fragt der öflische Franzose.
Nein! Nein, darfst du nicht! Dein Gesicht ist zu platt und Deutsch kannst du auch nicht. Auf jeden Fall nicht richtig. Du darfst nicht neben mir setzen. Du nicht und kein anderer.
Sie nickt.
„Merci, Danke“, nuschelt er und grinst breit und dabei sieht er aus wie diese Schauspielerin mit dem zu breiten Mund. Vermutlich heißt er auch noch Julien Roberts.
Er kommt und bringt seinen Haushalt mit; 2 Rucksäcke, Baguette, das er aus dem Gepäcknetz unter dem ausklappbaren Tisch holt, zwei Bücher und ein großes Kissen. Bei 15 Stunden Fahrt vielleicht eine ganz gute Idee… aber dämlich sieht er trotzdem aus!
Da sie nicht rutschen will (jetzt hat sie schon den Stuhl hintergeklappt!), muss er über ihre Beine klettern – er schwitzt. Immerhin stinkt er nicht. Noch nicht.
Sie blickt kurz an ihm hoch, dann auf die andere Seite – nur weil er neben ihr sitzt, muss sie ja nicht mit ihm reden. Wird sie auch nicht – er wirds ja eh nicht verstehen. Vielleicht kann er Kroatisch, warum wollte ein Franzose sonst nach Kroatien fahren – vor seiner Oma flieht er bestimmt nicht.
Ihre Oma… sie beißt die Zähne zusammen und schnaubt. Scheiß Oma, wofür gibt es die überhaupt, die braucht kein Schwein, niemand braucht Omas, niemand. Nichtmal ein Franzose…
„Eh… Wollen sie etwas von meinem Baguette?“
Von deinem was? Nein. Nein, ich will nichts von deinem „Baguette“, vergiss es, das ist mir zu versaut, denkt sie und dreht sich zu ihm um.
Und blickt in Kruste.
„Äh, Baguette?“ Sie blinzelt.
Er blinzelt verwirrt zurück.
Sie lächelt entschuldigend.
„Ach, Baguette, na klar, gerne“ Sie versucht das Ganze so klingen zu lassen, als hätte sie es rein akustisch nicht verstanden. Er wirkt nicht ganz überzeugt. Und sie fühlt sich komplett dämlich.
Er bricht das Brot.
„Wissen Sie“, flüstert er, „Der Mann neben mir riescht so komiesch und ist immer… eh— geträumt?“
„Eingeschlafen?“ Was für ein merkwürdiger Franzose.
„Genau! Und er fäällt immerr auf meine Arm.“
Sie blickt auf seine leeren Doppelsitz.
„Non non, jetzt er ist auf Toilette.“
Sie nickt. Er schweigt.
Sie wundert sich und kaut ihr Baguette – etwas trocken so ohne Belag.

Plötzlich steigt ihr ein ekelerregender Geruch in die Nase. Hat der Junge etwa…? Sie blickt ihn aus den Augenwinkeln an. Er kaut an seinem trockenen Baguette und blickt aus dem Fenster. Das gibts doch nicht. Jetzt tut der auch noch so unschuldig und pupst sie hier einfach zu. Kommt wahrscheinlich von dem vielen Baguettes.
Sie legt ihres auf den Tisch zurück – nicht, dass das ansteckend ist.
In dem Moment kommt der alte Sitznachbar des Franzosens zurück und setzt sich. Und eine Duftwelle schwappt über sie hinweg. Wuaäh. Sie versucht sich die Nase zuzuhalten. Mit irgendwas. Bloß was. Verdammte… Sie gerift nach dem Kissen des Franzosen. Phuu.
Das Kissen riecht recht gut. Und er hat es nicht einmal bemerkt, hofft sie. Sie schaut sich um. Und sieht die offene Klotür.
Nein! Nein, das darf doch nicht wahr sein! Der Typ ist ja komplett eklig. Verseucht den ganzen Bus – mit einer offenen Klotür. Sie will nicht wissen, wie es in dessen Haus riecht – vermutlich werden da die Gasmasken schon an der Eingangstür ausgeteilt.
Aber es muss etwas unternommen werden, beschließt sie und wirft einen Seitenblick auf den Franzosen. Der jetzt Musik hört.
Sie steht auf und pirscht sich auf das Klo zu.
Plötzlich wird sie brutal nach vorne geschleudert, hält sich an dem Sitz vor der Toilette fest, schwingt beinahe in die stöhnende Frau und verliert das Kissen. Nein, ihr Kissen! Alles, bloß das nicht! Sie hechtet hinterher und presst es sich verzweifelt an die Nase. Warum musste der Bus auch jetzt eine Vollbremsung machen?
Sie nähert sich weiter der Tür. Es muss ein Ende haben, es muss!, redet sie sich ein und mit einem Tritt versucht sie die Toilette zu schließen.
Doch die Tür schwingt wieder auf und der Gestank ist sogar noch schlimmer. Noch schlimmer, als ob das überhaupt möglich wäre. Ihre Hand weigert sich, den Griff der Tür anzufassen, den der vorherige Benutzer bestimmt mit ungewaschenen Händen angefasst hat. Was da an Bakterienkolonien wächst.
Sie schaudert.
Also nimmt sie das Kissen des Franzosen, um die Klinke anzufassen.
Die Tür schließt.
Sie seufzt erleichtert. Ein Alptraum weniger auf dieser Fahrt. Die irgendwann ein haben muss. Es muss einfach ein Ende haben, es muss.

Kantinenbrei und Glassplitter

Kurzgeschichte

Tadaaa, letzter Teil der Molle-Geschichte… bis jetzt. Wen es interessiert. Die Seite mit dem Titel Molle-Geschichte, zeigt die letztendliche Fassung, die etwas anders ist, als die eigentlichen posts.. einfach mal vorbeischauen…

Und später in der Kantine sehen alle so gleich aus, so schon mal gesehen.
Der blonde Junge zwei Tische weiter erinnert ihn an den labradorähnlichen Freund der Blondine von der Party gestern Abend. Das gleiche leicht dümmliche Lächeln. Die entrückte Intelligenz. Aber er scheint Molle nicht zu kennen. Vielleicht besser so.
Molle schluckt seinen Kartoffelbrei ohne viel zu schmecken und versucht den Hirnschwurbel zu verscheuchen. Auch die Dozentin an der Kasse kennt er. Wie seine Tante, genau so! Und auch diese Schuhe, diese gelben Stöckelschuhe…
Und da sitzt plötzlich ein Mädchen neben ihm. Sie hat Sommersprossen und Lederarmbänder am Handgelenk und betrachtet kritisch ihren gelblich weißen Kartoffelbrei, während sie auf ihrer Unterlippe kaut.
Molle betrachtet ihre wilden, kurzen Locken, ihren angeekelten Blick. Das Zigarettenmädchen! Derselbe Blick! Diesmal ist er sich sicher.
„Hey“, spricht er sie an. Sie muss es sein. „Wie gehts?“
Sie mustert ihn kurz, erstaunt, überrascht.
„Gut gut. Bis jetzt zumindest.“ Sie schüttelt ihr Handgelenk, um die Armbänder nicht in den Brei zu tunken. „Aber jetzt liegt da dieser Brei auf meinem Teller.“ Sie blinzelt. „Ich liebe Kantinenessen.“ Sie sagt das ohne ein Zeichen der Ironie. Irgendwie schafft sie das und Molle ist sich nicht sicher, was sie meint. Erkennt sie ihn nicht?
„Aber hey, du hast es ja bis jetzt auch überlebt. Anscheinend.“ Sie deutet auf seinen Teller. „Ist also nicht verseucht oder von vergammelten Laktose Produkten durchsetzt.“
Sie rührt lustlos in der gelblichen Masse und Molle muss beinahe lachen. Ist sie immer so? Schließlich greift sie zum Salzstreuer.
„Er muss gerettet werden“, erklärt sie mit einem Zwinkern. „Und, wie gehts dir so?“ Ihre Frage scheint mehr aus Höflichkeit als aus Interesse zu sein. Zumindest scheint sie von ihrer Breikonstruktion recht eingenommen.
Molle fährt sich durch die Haare. „Ich bin noch ein wenig fertig von gestern Abend“
Sie blickt auf.
„War ziemlich merkwürdig gestern.“
Sie blinzelt… amüsiert? Und Molle bemerkt, wie grün ihre Augen in dem tristen Kantinenlicht wirken.
„Was für ein Zufall.“ Sie kaut auf ihrer Unterlippe. Schon wieder. Sie lächelt ihn an.
Und er lächelt zurück. Leicht gedankenverloren.
Sie deutet in Richtung verletzter Hand.
Er versteht nicht. Will sie den Zucker?
Sie verdreht die Augen und tippt mit ihrem Löffel an seinen Zeigefinger.
„Ohh, tut mir Leid.“ Er blickt auf seinen aus der Bandage lukenden Finger. „ich weiß nicht, was passiert ist.“ Sie nimmt den ersten Bissen und verzieht das Gesicht.
„Filmriss“, fügt er beinahe entschuldigend hinzu. Und überlegt kurz. Er war sich immer noch unsicher.
„Hast du ne Idee? Was passiert sein könnte, meine ich?“
Zugegeben etwas plump, aber…
„Könnte?“, sie lacht. Laut. „Lass mich überlegen“, sagt sie, als sie sich beruhigt hat. „Du warst so zu, dass du nichts mehr weißt, sagst du?“
Sie stützt ihr Kinn auf die zusammengefalteten Hände und blickt in den Kartoffelbrei. So, als würde der ihr den Abend nacherzählen.
„Du… bist von der Party weg. Der Alkohol war leer und du sowieso zu fertig. Blöderweise wolltest du Fahrrad fahren – trotz Schnee und Alkohol. Hast dich vielleicht ein wenig merkwürdig gefühlt. Und dann…“
Sie nimmt den Löffel wieder in die Hand und rührt in dem Brei. Langsam und Molle ist sich nicht sicher, ob sie sich das wirklich ausdenkt. Vielleicht liest sie das tatsächlich aus ihrem Essen.
„Dann… mhm. Dann hast du was richtig Verrücktes geträumt. Oder vielleicht auch im Halbschlaf gesehen. So Sekundenschlafmäßig. Auf jeden Fall schreckst du plötzlich hoch, reißt den Lenker rum und fällst!“
Sie blickt auf.
„Wie klingt das?“
„Das…“ passt, denkt Molle. Das passt perfekt. Zu perfekt. Und so gar nicht zu seinen Erinnerungen.
„Das klingt… nach einer tollen Geschichte. Du bist gut.“ Er versucht ein entspanntes Lächeln. Und versagt.
Sie ignoriert seine Verwirrung.
„Ha! Ich sollte Wahrsagerin werden oder so was!“, erinnert Molle an die Grinsekatze aus Alice im Wunderland. Bedrohlich wirkt sie – ganz plötzlich.
Und da sieht er einen Lichtreflex, verfangen in ihren Haaren. Aus den Augenwinkeln sieht er das und versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Vielleicht, redet er sich ein, ist es auch nur eine Haarspange. Und kein
Glassplitter. Kein Glühwürmchen.
Sie isst grinsend ihren Brei, erzählt etwas von Milchpulver und Fertignahrung, aber Molle starrt nur auf ihre Haare, die im Licht der Kantinenlampen glitzern. Und ist sich sicher, dass das keine Haarspangen sind. Aber
wieso hat sie Glas in ihren Haaren?
„Hey, bist du immer so stumm? Oder denkst du einfach viel?“, fragt sie unvermittelt.
Er will antworten, überlegt kurz, wo er diesen Satz schon mal gehört hat und reibt sich unbewusst über die verletzte Hand. Zuckt vor Schmerz zusammen. Das Mädchen blickt ihn an, eine Zigarette in der Hand und Molle
erstarrt. Stammelnd entschuldigt er sich, springt auf, hastet quer durch den Raum, Richtung Ausgang, die rechte Hand fest umklammert.
Ob ihm das Mädchen hinterherblickt?
Vielleicht beobachtet sie ihn, wie er flieht, die selbstgedrehte Zigarette in der Hand und den Kopf schief gelegt, so als wartete sie auf eine Stimme oder jemanden, der ihr all das erklären könnte.

Kaffee ganz unidiotisch

Kurzgeschichte

Wer den Anfang verpasst hat, hier die komplette Geschichte! Viel Spaß beim Lesen.

 

Zwei Tauben gurren vor dem Fenster. Scheißviecher! Jeden morgen… Molle rollt sich aus dem Bett, schlurft schlaftrunken den Flur zur Küche um sich einen Kaffee aufzusetzen.
Die Maschine gurgelt und er lässt sich auf den Holzstuhl fallen.
Was für ein Abend. Zu viel Wodka und dann das Zigarettenmädchen. Und wo war Mark abgeblieben?
Der Kaffee ist fertig und die warme Tasse wärmt ihn langsam auf. Nur Zucker fehlt und als Molle über den Tisch greift, fällt sein Blick auf seine Hand.
Er zuckt zurück.
Und blinzelt.
Blinzelt wieder. Und glaubt es immer noch nicht.
Seine Hand ist von blutverkrusteten Kratzern durchfurcht und zur Faust verkrampft. Langsam zieht er sie zurück. Sie glitzert leicht im Sonnenschein.
Vorsichtig dreht er sie. Glassplitter. Kleine Glassplitter stecken noch in der Kruste.
Was ist nur wieder passiert. Er stöhnt. Und warum schon wieder?
Wodka ist was für Idioten, sie hatte Recht. Sie hatte so verdammt Recht. Und wieso Glassplitter? Woher?
Er war doch auf den Schaukeln gesessen vor dem Haus. Und dann? Der Zug? Das Sommersprossige Mädchen. Omabrille. Glühwürmchen!
Warum nur immer diese kleinen Leuchtkäfer? Er sollte ihnen nicht jedes Mal folgen. Einmal ignorieren, dann hätte er nicht dauernd solche Morgenstunden. Solche verkehrten, sinnentleerten Stunden, in denen nichts zu passen schien. Nicht mal die Erinnerungen.

„Mio“, spricht er auf den Anrufbeantworter „wieder so eine Nacht. Ich bring dir deinen Macchiatto mit, mit Zimt dieses mal. Ganz sicher. Hab die Glühwürmchen wieder getroffen. Leider. Ruf zurück, wenn du wach bist.“

Ein Kaugummi! Das braucht er. Gegen den sauren Geschmack von gestern Abend.
Die zur Faust verkrampften Hand in der Hosentasche – desinfiziert hat er sie vorläufig schon – die andere wühlt in den viel zu hohen Schränken. Beim Müsli wird sie fündig. Kirschgeschmack. Immerhin. Zu süß. Aber aufweckend.
Er sitzt an dem Holztisch betrachtet seine Hand, kaut nachdenklich auf dem Kaugummi und versucht seine Gedanken zu sortieren. So weit es geht zumindest.

War es das Zigarettenmädchen? Oder war es die andere, die, die im Zug gesessen hatte.  Warum hatte er es schon wieder vergessen?

 

Idiotische Glühwürmchen (Molle Teil 3)

Kurzgeschichte

Hier die Fortsetzung von Molle. Bin zwar noch nicht vollends zufrieden, aber trotzdem… für euch…!
Zu Teil 1 oder Teil 2.

Die Schaukeln quietschen. Und eigentlich sollte er frieren – der Rasen ist mit Frost überzogen – aber er spürt die Kälte nicht.
Sieht nur das orangene Licht der glimmenden Zigarette.
Das Gesicht des Mädchens scheint zu leuchten.
„Wie bist du normalerweise drauf, Molle?“, fragt sie. Riesige grüne Augen sieht er vor sich. „Immer so stumm? Oder denkst du einfach viel?“
Er braucht kurz, um nachzudenken. „Ich glaub nicht“ Er blickt kurz in Richtung Haus. „Mark und so, die reden immer schon genug. Und der hört eh nicht gern zu…denke ich?“
„Denkst du?“ Er hört das Lächeln. „Find ich süß.“ Sie nimmt einen Zug, blickt dem Rauch hinterher. So wie er vorhin.
„Gut, dass du nicht rauchst, übrigens. Das steht nur den wenigsten Leuten. Der Rest sieht damit einfach nur affig aus. Und stinken tut es auch noch.“
Wirklich? will Molle fragen. Du stinkst doch nicht, du riechst nach herzförmigen Rauchkringeln und rebellischer Lederjacke, nicht nach Affe.
Aber da ist der Moment auch schon vorbei.

Molle wacht von der Stille auf. Er spürt das leichte, beruhigende Ruckeln eines Zuges, aber er hört nichts.
Vorsichtig kämpfen seine Augen gegen all das Rot an. Rote Ledersitzbänke, rote Wände, rotes Licht.
Langsam irren sie dann über das leere Zugabteil.
Er fährt sich abwesend über das Gesicht. Er muss in der Trambahn eingeschlafen sein. Mal wieder. Allerdings sind die Sitzplätze eigentlich blau und nicht so angenehm.
Und das Abteil ist zu groß, zu schön, zu leise.
Und da erst bemerkt er sie;
Die Schatten, die auf den Bänken sitzen, ihre Pfeifen paffen und Zeitung lesen. Schwarze Männer mit Anzug und Hut, durch die man deutlich all das rot sehen kann. Durchsichtig sind sie.
Ein Schattenmann ihm gegenüber bemerkt seinen entgeisterten Blick und nickt ihm höflich zu. Molle ist allein unter Schatten.
„Verzeihung, könnte ich mir vielleicht ihren Kugelschreiber ausleihen?“, fragt eine zarte Stimme neben ihm. Erschrocken dreht er sich um und blickt in das Gesicht eines blassen jungen Mädchens. Eines nicht durchsichtigen und nicht schattig schwarzen Mädchens.
Eine große, alte, omamäßige Brille sitzt auf ihrer sommersprossigen Stupsnase. Und ihre Augen haben einen merkwürdigen Goldstich. So als hätte sie zu lang in die Sonne gestarrt. Sie kennt er doch!
„Ähm.“ Für eloquentere Äußerungen ist er zu perplex. Ihre Haare, die sehen aus wie immer. Nur die Augen – so nahe war er ihr noch nie!
Ein Glühwürmchen setzt sich auf ihre Omabrille und starrt ihn böse funkelnd an. Er glaubt sogar ein wütendes Surren zu hören.
„Äh, klar. Ich… ist das…?“
Sie reagiert nicht auf seine halbe Frage, wartet nur auf den Stift und blickt ihn weiterhin unbekümmert an.
„Ich… warte kurz!“ Er kramt in seiner Jackentasche und findet tatsächliche einen Kugelschreiber. Grün ist er und passt so gar nicht in den Zug, den Moment und die Geschichte.
Sie nimmt ihn Molle kommentarlos aus der Hand, dreht sich um und nur das Glühwürmchen faucht ihn noch einmal drohend an.
Molle starrt dem Mädchen hinterher, das sich zwei Sitzreihen weiter vorne im Schneidersitz auf das rote Leder setzt. Das Glühwürmchen ist nicht alleine, ein ganzer Schwarm tanzt um das Mädchen und taucht sie in ein diffuses gelbgrünes Licht.
Sie wirkt wie ein einziges großes Glühwürmchen mit Brille. Es erinnert ihn an seine letzte Begegnung mit den Leuchtkäfern. Als er plötzlich in der Kanalisation baden ging. Er blickt sich um, um sich zu versichern, dass sie beiden die einzigen Menschen sind.
Und da bemerkt er, dass der Zug kein Ende hat. Der Gang zwischen den Sitzen erstreckt sich endlos hin, scheint immer kleiner und enger zu werden.
Ohne Ende. Vielleicht sollte er aufstehen, versuchen, einen Ausgang zu finden, aufzuwachen.
Aber da ist das Mädchen mit den Glühwürmchen und die Schatten und… was solls?
Er steht auf, läuft den Gang entlang, hin zu dem Mädchen.
Schattenmänner ziehen an ihm vorbei, beobachten ihn aus den Augenwinkeln. Einer nickt höflich.
Draußen hinter den Fenstern ziehen Bäume vorbei, Lichter, Leuchtreklame, Städte.
Aber das Mädchen, das erreicht er nicht. Er läuft, die Schatten ziehen an ihm vorbei und doch bleibt sie, sein Ziel, immer zwei Sitzreihen entfernt.
„Aber mein Stift. Der war doch nur geliehen!“, will er rufen und er will ankommen, doch nichts passiert. Nur die Bäume und Schatten ziehen weiter vorbei. Ansonsten bleibt alles gleich.

Nächte sind was für Idioten

Kurzgeschichte

„Nächte sind was für Idioten“, atmet sie mit dem Rauch aus. „Nur Idioten glauben, dass Nächte romantisch sind.“ Molle blickt den weißen Zigarettenkringeln hinterher.
„Die Nacht ist so romantisch wie ein leeres Cocktailglas mit geschmolzenen Eiswürfeln. Deprimierend. Sieh dich mal um.“ Sie versucht einen Rauchkringel. Ob sie auch andere Formen kann? Herzen? Quadrate? Oder Spiralen?
Sie betrachtet die Blondine, deren Lachen wie ein Gummiball durch das Zimmer hüpft und ihren Freund. Im Garten kotzt einer die Kinderrutsche voll und die Musik ist zu laut.
„All das Gerede über tausend Türen, die sich nur in der dunkelsten Finsternis öffnen. Selbst wenn das so wäre; Die fallen dann bei Tag auch wieder zu. ’Zeit der Liebenden.’“ Sie schnaubt und kurz raucht sie aus der Nase.
„Niemand verliebt sich betrunken und bei totaler Finsternis. Außer sein Gehirn liegt noch in der Bar.“
Sie schüttelt ihre Locken und ascht in ein Glas auf dem Couchtisch… war das nicht seins?
„Weißt du… Molle, richtig? Das einzig schöne an der Nacht ist, dass sie inspiriert. Die Menschen sind echter. Die Unechten verschwinden im Bett oder den Peep-Shows und übrig sind die Dummen wie dieser Hundetyp da drüben… und die Interessanten.“ Sie schweigt kurz und blinzelt gegen das Licht der Lampe an. „Zumindest versuche ich mir das einzureden.“
Sie lacht auf, humorlos und trocken. Molle lacht nicht mit. Ist das jetzt sein Glas, das sie als Aschenbecher missbraucht? Hatte er das nicht unter das Sofa geschoben?
„Nächte sind was für Idioten. Genauso wie Liebesbriefe…“ Sie blickt ihn an. „Hast du mal einen bekommen, Mark?“
Er heißt nicht Mark, reagiert aber trotzdem mit einem Kopfschütteln.
„Ich auch nicht.“ Sie grinst. „Wohl besser so. Wodka ist übrigens auch nur was für Idioten.“ Sie macht eine vage Handbewegung in Richtung ihres neuen Aschenbechers. „Sei froh, dass ich dich davor gerettet habe. Ist besser so. Man sieht sich… James, richtig?“
Sie steht auf, drückt den Zigarettenstummel in Molles Glas und schwankt kurz. Molle blickt ihr hinterher. Sie wirkt wie ein Rauchkringel. Abgesehen von den Locken, denkt er und blickt in sein Glas. Wie ein Rauchkringel.
Er braucht dringend etwas zu trinken.

 

Das hier war in kurzer Auszug aus der „Molle“-Geschichte (wie sie bis jetzt noch heißt), an der ich zur Zeit arbeite. Molle rekonstruiert seinen vergangen Abend. Wie es weitergeht, werdet ihr sicher bald lesen können. So viel soll gesagt sein; Es wird leicht surreal werden…

Zudem habe ich heut noch ein grandiose Idee gehabt (natürlich grandios… was sonst?). Sollte sie tatsächlich realisierbar sein, werdet ihr im Dezember viel zu lesen bekommen. Sehr viel.

Weiter zu Teil 2

Taxi Luna

Kurzgeschichte

Tadaa, und da ist mein neues Baby. Ich gebe zu; Eigentlich wollte ich einen Roadtrip schreiben, eine richtig lange Geschichte, aber dazu hat es nicht mehr gereicht. Vielleicht leihe ich mir die drei Personen nochmal für einen richtigen Roadtrip. Vielleicht.

Den Anfang hab ich in ziemlich ähnlicher Version schon einmal als Leseprobe gepostet, der Rest ist allerdings komplett neu. Viel Spaß mit Taxi Luna!

 

„Die Wolken sollen sich verpissen. Meine Sachen müssen trocknen.“
Die Zigarette hängt zwischen Maras Fingern. Sie blickt aus dem Fenster und bläst den Rauch in den Fahrtwind.
Eigentlich ist sie Nichtraucherin. Dachte ich zumindest. Ich dachte allerdings auch, dass sie aus Italien kommt. Was wohl nicht stimmt. Was sie hier dann allerdings macht, hat sie mir nicht erzählt.
„He! Guck lieber auf die Straße!“, sagt sie und grinst. „Wir wolln ja nicht im Busch landen, so wir beide, was?“ Sie lacht über ihren Witz und über mich, als der alte VW einen ungelenken Schlenker macht.
„Oh!“ Sie hüpft in ihrem Sitz an die Decke. „Ich liebe dieses Lied! Freak like me, freak like me, you’re a freak like me“
Sie singt laut mit. Es klingt fast so falsch wie das Original und als ich anfange zu grinsen, dreht sie noch lauter und versucht in ihre Sitz zu tanzen. Was nicht funktioniert. Der VW schlingert kurz wieder über die leere Straße. Wir lachen.

Abends steht der Bus auf einem kleinen staubigen Viereck neben blitzenden Wohnmobilen. Mara schnarcht. Laut.
Ich sitze vorne, beobachte die italienischen Urlauber, unter die sich auch ein paar Deutsche gemischt haben, kann nicht schlafen und fühle mich an eine meiner früheren Fahrten erinnert.
Gerade frisch im Geschäft und zum ersten mal in Italien:
Damals wurde ich an eine Tankstelle geordert. „2 Personen, mittelalt, Parma – Levanto, 13.00“.
Mittelalt waren sie, der Mann alt und grauhaarig, die Frau jung und mit Stoppelglatze. Zu spät waren sie. Natürlich. Um 14 Uhr erschienen die beiden an der Tankstelle, schleppten riesige Taschen mit sich, stopften sie liebenswürdigerweise gleich in den Kofferraum und setzten sich. Sie vorne, er auf die gesamte Rückbank.
Caro und Nikolaus hießen sie, erklärte mir meine Sitznachbarin sofort und sie seien aus Darmstadt angereist, um auf wichtigen Kongressen teilzunehmen. Eigentlich waren sie recht nett.
Er begann nach 10 Minuten zu schnarchen. Und zwar so laut, dass Caro schreien musste – ich sollte ja auch alles über die beiden erfahren. Deshalb wurde mein Ohr endlose 4 Stunden lang mit Tiermisshandlungstiraden und Walfangflottenkämpfern bearbeitet. Als sie dann plötzlich ihren Wörterschwall stoppte und fragte, ob sie denn hier drinnen, also in diesem Gefährt, essen dürfe, war ich natürlich mehr als einverstanden – wer isst, kann nicht konstant reden.
Allerdings packte sie einen dermaßen stinkenden Käse aus, dass sogar Nikolaus, der Schnarcher, aufwachte. Zu zweit machten sie sich über ihr Mittagessen her, während ich mich bei weit geöffnetem Fenster an die Tür drückte. Es war ein Horrortrip. Zum Glück musste ich mit den beiden nicht übernachten – ich hätte lieber ohne Decke vor meinem Bus geschlafen.

Ich blinzele gegen das Licht der Laterne an, die ein Nachbar aufgehängt hat und kurbele das Fenster runter. Draußen ist es kühl, nass und leise. Gegenüber huscht ein kleiner Schatten um das Wohnmobil, vielleicht ein Igel. Ein Hund bellt im Dunkeln. Irgendwo klirren Weingläser. Ich blinzele noch einmal, die Laterne verschwimmt zu einem weißen Fleck und ich schlafe ein.

Das Schild ist neongrün, das Hotel ausgestorben und der Parkplatz staubig.
Die Uhr zeigt 10.10 Uhr – 40 Minuten zu viel. Ich hoffe, er ist noch nicht weg.
„Und da ist er auch schon“ Mara inhaliert noch ein letztes Mal und wirft die Kippe aus dem Fenster.
Ich blicke über den Staub hinüber zum Hotel, kneife die Augen zusammen und erahne eine Gestalt vor der braunen Hauswand.
Der Junge ist groß. So groß, dass er wahrscheinlich sogar Mara überragt. In der einen Hand einen riesigen Koffer, in der anderen eine Tüte vom Bäcker. Nett, denke ich, dann gibts heute Frühstück. Er kämpft mit dem gigantischen Koffer, als wir neben ihm bremsen, dreht sich dann um und schiebt sich die Haare aus der Stirn. Beinahe so dunkel wie Maras sind die, nur nicht so mähnenartig. Eher glatt, was auch zu seinen asiatischen Gesichtszügen passt – leicht schräge Augen und brauner Teint.
„Hey, Lionel“, stellt er sich vor und ich lege ihm mein „Hi, Luna“ in die dünne Hand, die sich erstaunlich weich anfühlt. Mädchenhaft.
„Warte, ich helfe dir schnell mit dem Koffer“, sage ich und zu dritt versuchen wir sein Monstrum in den VW-Bus zu stopfen. Man sollte ja meinen, ein Bus wäre genug.
Da erst bemerke ich, dass er nicht nur groß, sondern auch dünn ist. Verdammt dünn. Vielleicht Veganer. Mal wieder.
„Er sitzt vorne. Wir brauchen gute Musik“, sagt Mara, sobald wir fertig sind und legt sich mit Kopfhörern quer über den Rücksitz.
Ich verbeiße mir die Bemerkung, warum sie denn dann mit IPod hinten sitzt, statt die „gute Musik“ zu schalten.
Er setzt sich neben mich, schnallt sich an, ordnet seine langen Beine, tippt mit den Fingern auf seine Schenkel und fixiert die Windschutzscheibe. Schweigen.
Ich grinse, amüsiere mich über seine Schüchternheit, oder was immer das ist und öffne den Umschlag, den er gebracht hat.
„1 Mann, jung, La Spezia -Bozen, 9.30 Uhr“ und 400 Euro. Keine neuen Anweisungen also.
Ein leichter Regen setzt ein, ich schalte die Scheibenwischer ein und kurbele mein Fenster runter. Ich liebe den Geruch von nassem Teer. Der Bus macht einen Satz nach vorne, der Junge stößt sich den Kopf und wir fahren los. Richtung Bozen.

Nachher schüttet es. Lionel hat tatsächlich „gute Musik“ gefunden und im Bus dröhnen Beats und die Regentropfen. Draußen ist kaum was zu erkennen. Gerade eben konnte ich im letzten Moment einem Laster ausweichen – ich war zu weit links gefahren. Verdammter Regen. Immerhin kenne ich die Strecke.
Er redet noch immer nicht, beobachtet das Wasser, das an den Scheiben runterläuft und wippt mit seinen Füßen auf und ab. Hyperaktiver Junge.
„Bist du auf Urlaub?“, frage ich. Einen Versuch ist es ja wert.
Er nickt, dann schüttelt er den Kopf. „Teilweise.“, bringt er heraus.
Immerhin. Ich grinse. Was für ein Fortschritt.
„Das erste mal Italien?“
Er verneint. Natürlich ohne zu reden.
„Veganer?“ Diesmal bin ich fies. Jetzt muss er was sagen.
Er nickt. Etwas verwundert wirkt er, aber zum Reden reichte wohl nicht. Ich gebe auf.
„Und wieso Italien?“
„Goethe“, antwortet er. Ich erstarre kurz. Dann blicke ich ihn an. Von der Seite unten. Leicht ungläubig.
Er lächelt. Goethe? Er hat nicht Goethe gesagt.
Weiß er, dass Goethe ein Code ist? Der Code zur Planänderung. Ich beiße mir auf die Lippe und denke kurz noch einmal über seine Worte nach. Davor hatte er 3 Worte mit mir gewechselt. Und dann gleich Goethe. Das konnte kein Zufall sein. Nein, Goethe war eindeutig. Wer redete sonst über verstorbene Dichter, wenn er in einem fremden Auto sitzt. Einfach so. Ohne Vorwarnung.
„Goethe? Du meinst, du bist wegen Goethe hier?“, frage ich nach.
Er schüttelt den Kopf, bemerkt nichts und dreht am Radiosender.
Goethe. Goethe bedeutet Abbruch. Abbruch und Auslieferung. Abbruch oder…
„Du interessierst dich für Goethe?“, probiere ich es ein letztes Mal.
Er blickt mich an – mir fällt auf, dass er ungewöhnlich hellbraune Augen hat – und lächelt.
„Nein. Tue ich nicht“, sagt er und wendet sich wieder dem Radio zu.
Ich schüttele kurz den Kopf. Das kann kein Irrtum sein.
Bei der nächsten Ausfahrt setzte ich den Blinker, stürze den Bus vor lauter Verwirrung fast vor einen Porsche, bremse im letzten Moment und biege dann ab.

Staub wirbelt auf, als der Bus mir quietschenden Bremsen hält.
„Sitzen bleiben! Keiner steigt aus!“ Ich würge den Motor ab. Die beiden starren mich an.
„Was soll der Scheiß?“, fragt Mara und nimmt einen Zug,
„Klappe! Und hör auf zu rauchen, verdammte Scheiße!“, brülle ich und springe aus der Tür. Absperren.
Zwei verwirrte Augenpaare folgen mir, Mara klopft gegen das Fenster. Ich ignoriere sie und biege um die Straßenecke, weg vom Bus.
Goethe. Weiß der Junge, was er gesagt hat?
Gegenüber ist eine Imbissbude, Fritto Misto bei Stehtischen und Neonlampen. Ich bestelle mir eine Portion und Cola, stelle mich ans Fenster.
Verdammter Goethe. Laut Code müsste ich ihn jetzt zur nächsten Station bringen. Zum nächsten Stützpunkt des Netzes. Aber weiß er überhaupt vom Code?
Ich nehme einen Schluck. Und wieso sollte er das wollen? Wahrscheinlich weiß er nichtmal vom Netz.
Vermutlich sollte ich einfach um Rat fragen, den nächsten Informanten aufsuchen. Aber das dauert. Und soviel Zeit zu verlieren, bedeutet Vertrauen und Aufträge zu verlieren. Eine letzte Chance gebe ich ihm.
Ich werfe dem Verkäufer die Münzen auf die Theke und laufe zurück zum Bus.
Beim Öffnen der Tür funkeln mich die beiden an.
„Gehts noch? Was treibst du eigentlich?!“, fährt mich Mara sofort an.
„Schnauze!“, brülle ich zurück. „Lionel – nur eine Frage: Was hat Goethe in Italien geschrieben?“
„Was hast du eigentlich mit Goethe?“, fragt der genervt.
Oh. Fehlanzeige.„Ich… Okay. Danke. Fehlalarm.“, entschuldige ich mich,“ Ich dachte nur…. Ach egal“. Ich starte den Motor und parke aus.
„Du bist ja krank drauf!, schnaubt Mara, „hast du das öfter?“
„Eigentlich nicht“, antworte ich, „liegt wohl an diesem Goethe“

 

Und? Hat sich das Warten gelohnt? Und übrigens; Irgendwelche Kommentare zu dem neuen Design?

Schwarzweißrot

Kurzgeschichte

Vor einer kleinen Currywurstbude;
Ein Fuchs streift unruhig auf der grauen Straße umher. Niemand, der zu ihm hinab sieht. Die Straße ist wie ausgestorben.
Er hat Hunger. Mal wieder.
Und die Mülltonnen wurden heute ausnahmsweise geleert.
Ein kleiner Mann in schwarzem Anzug hastet vorbei und verliert zwei Pommes. Der Fuchs schnappt zu – eine für jetzt, eine als Notration. Für später.

„Scheiß Katze!“, schimpft das Mädchen im Minirock und wirft einen Kieselstein.
Es ist kalt, die Stufen auf denen sie sitzt sind aus Stein und sie trägt nur ein dünnes Jäckchen. Sie zittert.
Ihre Brille liegt zu Hause. Sie ist eitel, will nicht so aussehen wie ein Computerfreak. Hätte sie ihre Brille auf, könnte sie sehen, dass der Fuchs plötzlich verschwunden ist. So bemerkt sie nur, dass der rote Fleck weg ist.
Einfach weg. Nicht einmal die Pommes liegt noch auf dem Boden.
Aber das sieht sie nicht.

Es klingelt. Der alte Besitzer blickt nicht auf, wendet die Würstchen.
Der Junge sieht sich um. Die Bude ist klein, recht gemütlich, trotz des grellen Lichts. Holzstühle und winzige Tische, vergessene Zeitungsartikel an den Wänden.
Er ist der einzige Kunde. Und auf dem Grill liegen zehn Würstchen.
Sein Magen knurrt, der Besitzer schaut auf und blickt in die Augen des rothaarigen Jungen.
Er ist erstaunt, wie die rote Mähne leuchtet. Die Haare stehen in allen Winkeln vom Kopf ab. Beinahe unnatürlich.
Und der Blick. Unruhig huscht er hin und her, bleibt nur an den Würstchen hängen. Kurz, dann wieder zur Tür.
„Na, was willst du?“, fragt der Würstchenverkäufer. Seine Stimme passt zu dem Raum, ist warm und gemütlich, doch der Junge zeigt nur stumm vier Finger.
„Ah, bist wohl einer von der stillen Sorte, was?“, brummt der Alte in seinen kurzen weißen Bart.
Der Junge bleibt stumm. Verlagert das Gewicht auf das rechte Bein, spielt nervös mit dem Saum seines T-Shirts.
Der weißhaarige Mann wendet nochmal alle Würstchen, sucht die Besten heraus und lädt sie in eine Pappschachtel.
Ungelenk greift der Junge nach dem Essen. Eine Wurst fällt zurück auf den Grill.
„Na komm, die tun wir wieder drauf.“ Er holt die Wurstzange wieder hervor. „Musst ja noch stark werden, Junge. Weißt du, in deinem Alter hab ich auch vier am Tag verdrückt. Und…“
Es klingelt. Die Tür fällt zu.
Der Alte blickt auf, beugt sich sogar über den Tresen.
Langsam, ungläubig öffnet er die Tür und tritt vor die Bude.
Der Junge ist weg.

Das Mädchen auf den Steinstufen beobachtet den weißhaarigen Mann. Er steht vor der Bude, blickt sich verwirrt um.
Sie weiß nicht, nach was er sucht. Vielleicht wartet er auf jemanden.
Sie hört ein Auto über das Kopfsteinpflaster holpern. Ein paar Besoffene stolpern durch die Nebenstraße.
Vor den Füßen des Mädchens sitzt die rote Katze von vorhin. Schlingt hastig ihre Beute herunter und leckt sich das Maul.
Das Mädchen kneift die Augen zusammen – ganz schön großes Maul für eine Katze. Und so spitze Zähne.
Aber dann huscht das Tier schon weiter.
Auf den kalten Steinplatten vor ihr sind schwarze Flecken – es riecht nach Bratwurst.

Der Fuchs ist satt. Satt und müde und draußen ist es zu kalt.
Er linst vorsichtig um die Ecke.
Die U-Bahn-Station ist fast leer. Die Wände sind weiß, aber alt und verdreckt und der Boden mittlerweile dunkelgrau.
Knapp ein Dutzend Leute steht verstreut auf dem Bahnsteig. Eine Mutter mit schlafendem Kind auf dem Arm. Eine alte Frau, die strickt. Ein braungebrannter Mann mit Hund.
Es ist schon spät. Aus dem schwarzen Tunnel hört man kein Geräusch.
Er weiß, dass man ihn hier nicht verjagen wird. Aber da ist der Hund. Er hasst Hunde – sie entdecken ihn immer.
Es ist einer dieser winzigen Hunde. Weiß, gepflegt und noch schlafend.

Der Terrier liegt auf dem schmutzigen Boden, döst vor sich hin. Er hat sich an den Geruch der Station gewöhnt.
Staub, verschüttete Cola, Schweiß und alte Kotze. Alltägliche Gerüche in dieser Stadt.
Träge streckt er seine Pfoten von sich. Sein Herrchen telefoniert. Wie immer.
Ein ungewohnter, leicht wilder Duft zieht ihm in die Nase. Er schnuppert. Den Geruch kennt er.
Von außerhalb der Stadt. Von den Wäldern, von diesen katzenähnlichen roten Tieren mit den spitzen Schnauzen.
Er springt vor. Zerrt wie wild an der Leine und bellt. Er muss sein Herrchen warnen.
Doch der zieht ihn nur unsanft zurück und telefoniert weiter.
Der Hund bellt noch lauter.
„Nana, jetzt hörst aber auf. Lass doch den armen Jungen schlafen!“, redet die strickende Frau auf ihn ein. Ihre weißen Locken wippen bei jedem Wort.
Sein Herrchen zieht ihn zurück und entschuldigt sich bei der Frau.
„Verzeihung. Ich weiß auch nicht, was mit ihm los ist.“ Er tätschelt den Terrier kurz. „Sonst ist er immer ganz ruhig. Vielleicht hat der Junge irgendwo eine Wurst versteckt.“
Er lächelt entschuldigend und die Frau lächelt zurück.
Der rothaarige Junge neben ihr rollt sich noch enger zusammen und schläft ein.
Mitten in der U-Bahnstation. Auf weißen Plastikstühlen.
Ein roter Fleck in all dem Schwarzweiß.

 

 

Das war jetzt ein nicht komplett neuer Text, sondern meine Bewerbung für den „Der Fuchs in uns“-Schreibwettbewerb bei schreibfeder.de . Einen wunderschönen Wochenendanfang!